Mitten im Krieg
Trauriger Tschernobyl-Jahrestag: Vor 40 Jahren ereignete sich der Super-GAU
Vor 40 Jahren kam es an der heutigen Grenze zwischen der Ukraine und Belarus zur weltweit größten AKW-Reaktorkatastrophe. Heute ist das radioaktiv verseuchte Gebiet auch noch vermint.
Französische Ingenieure bauten 2019 eine Schutzhülle über den Betonsarkophag aus der Sowjetzeit Foto: Sergei Supinsky/AFP
„Wir fanden das absurd, hatten das alles nicht für möglich gehalten“, sagt Maksim Schewtschuk. Der Kiewer Spitzenbeamte für die Sonderzone rund um das einstige AKW Tschernobyl meint damit nicht den GAU vor 40 Jahren, sondern die russische Besetzung seiner 4.600 Quadratkilometer großen, radioaktiv hochverseuchten Zone. Das entvölkerte, sumpfige Gebiet im Norden von Kiew, direkt an der Grenze zu Belarus, war von den russischen Besatzungstruppen bereits am ersten Tag ihrer Invasion vom 24. Februar 2022 weitgehend besetzt worden. Nur ein halbes Dutzend Dörfer mit je ein paar einzelnen, meist hochbetagten Einwohnern entgingen diesem Schicksal, wie ein ukrainischer Offizier im ukrainischen Staatsfernsehen erklärt. Man habe versucht, sie zu verteidigen, doch keine Chance gegen mehrere tausend russische Soldaten gehabt, berichtet er.
Feuerwehroffizier Sergej Streltschenko hat aus seinem Büro in sicherer Entfernung die russischen Radpanzer gefilmt, die an seiner Feuerwehrwache von Tschernobyl-Stadt, 18 Kilometer vom Unglücks-AKW des sowjetischen Typs RBMK-1000, vorbeifuhren. Es waren wohl Hunderte, die allermeisten auf dem Weg in die rund 100 Kilometer südlich gelegene Hauptstadt Kiew, die der Kreml innerhalb von drei Tagen zu erobern hoffte. „Die erste Woche ließen sie uns in Ruhe, wir löschten weiterhin hochradioaktive Brände, doch dann gab es Durchsuchungen, die Russen suchten Waffen und Mitglieder des Asow-Bataillons“, erzählt Streltschenko, der am Tag des Angriffs freiwillig in Tschernobyl geblieben war. „Das war doch meine Pflicht, evakuiert haben wir vor allem die Frauen“, sagt er.
Rund 1.000 Bewohner der auch 40 Jahre nach dem GAU wegen der hohen Radioaktivität eigentlich zum menschlichen Leben ungeeigneten Sonderzone ließen sich am ersten Tag der russischen Invasion evakuieren – darunter rund 100 Mitarbeiter des im Jahre 2000 völlig stillgelegten AKW, rund 500 Einwohner von Tschernobyl-Stadt und etwa 400 ältere Bewohner umliegender Dörfer, vor allem sogenannte Rücksiedler, die 1986 nach der Reaktor-Katastrophe evakuiert worden waren. Beim Rückzug zerstörten die Ukrainer auch Brücken, etwa über den Stadtfluss Usch.
Sonderzone 49 Tage unter Besatzung
Doch die Russen hatten schon vorher Pontonbrücken für den großen Nachbar-Fluss Pripjat vorbereitet. Sie machten sich daran, das ganze Gebiet zu verminen, Unterstände und Schützengräben zu bauen und rund 1.000 Mann alleine in Tschernobyl-Stadt zu stationieren. Dazu plünderten sie modernste Radioaktivität-Analysetechnik, den Wagenpark der Sondergebietsverwaltung und die ärmlichen Rentnerhäuschen. „Sogar WC-Schüsseln trugen sie davon“, erzählt eine ältere Frau, die am Zusammenfluss von Usch und Pripjat wohnt und sich der erneuten Evakuierung so lange nach dem GAU verweigerte.

49 Tage lang dauerte die russische Besatzung der Tschernobyl-Sonderzone, die noch wenige Tage vorher ein beliebtes Wochenend-Ausflugsziel für in- und ausländische Touristen war. Heute sind wegen der vielen von den Russen gelegten Personenminen nur noch rund 10 Prozent des Gebietes betretbar; erneut besuchbar wird nach der ukrainischen Rückeroberung nun auch wieder die Geisterstadt Pripjat, in der bis zur Evakuierung am 27. April 1986 rund 50.000 Personen wohnten.
Pripjat war am Tag nach dem GAU von der Sowjetmacht zunächst „nur für drei Tage“ evakuiert worden. Ein Teil der früheren Einwohner konnten in die ab 1987 errichtete Musterstadt Slawutisch im ukrainischen Oblast Tschernigiw umziehen. Nötig geworden war die Evakuierung nach einer Explosion des vierten Reaktorblocks im Nachgang eines Sicherheitstests. Die Belegschaft wollte im Rahmen einer jährlichen Revision den Stromausfall simulieren. Dabei überhitzte sich der Kernreaktor und es gelangten langlebige, hochradioaktive Isotope wie Strontium-90 und Cäsium-137 in die Atmosphäre. Die gerade herrschenden Nordwinde trugen diese vor allem in die Sowjetrepublik Belarus (BSSR), wo infolge der von der Moskauer Führung künstlich erzeugten Regenfälle bis zu 72 Prozent niedergingen.
Zahl der Todesopfer bis heute umstritten
Die sowjetischen Behörden ließen die Bevölkerung tagelang im Ungewissen über das Ausmaß der Katastrophe. Im nahen Kiew wurde so, als sei nichts passiert, noch eine große 1.-Mai-Parade organisiert. In der ganzen Sowjetunion wurden derweil bereits sogenannte „Liquidatoren“ zu den Aufräumarbeiten zusammengetrommelt. Sie gossen in dem havarierten AKW innerhalb von 206 Tagen über 300.000 Tonnen Beton auf den vierten Reaktorblock, um das weitere Austreten von Radioaktivität zu unterbinden. 2019 wurde über diesen Sarkophag aus Sowjetzeiten eine vor allem von französischen Ingenieuren konstruierte Hangar-ähnliche Hülle geschoben, die für die nächsten hundert Jahre halten sollte.

Die Geisterstadt Pripjat dieser Tage: Nach der Katastrophe wurde die Stadt ganz aufgegeben, heute wird sie dennoch von Touristen besucht Foto: Sergei Supinsky/AFP
Die Zahl der Todesopfer des GAU ist in Fachkreisen bis heute umstritten. Direkt an der Strahlendosis gestorben sind offiziell 31 Personen. Die Zahl der indirekten Strahlenopfer unter den von den radioaktiven Wolken betroffenen Einwohnern reicht von 4.000 gemäß WTO bis zu Minsker Hochrechnungen, die von 200.000 Toten wissen wollten.
Waren die Russen Mitte Juni 2022 nach 49 Besatzungstagen wieder aus dem symbolträchtigen und für die internationale Gemeinschaft wichtigen Tschernobyl vertrieben worden, so ist Moskau das nun wieder von Kiew verwaltete Gelände rund um das längst stillgelegte AKW offenbar immer noch ein Dorn im Auge. Nur so lässt sich der Aufprall einer russisch-iranischen Shahed-136-Kampfdrohne oben auf der neuen Stahl-Schutzhülle Mitte Februar 2025 erklären. Die Internationale Atomagentur mahnt seit dieser für den Laien leicht aussehenden Beschädigung zu Renovierungsarbeiten. „Die Schutzhülle kann ihre Funktion nicht mehr erfüllen“, warnt die Agentur.