Deutschland
So hat sich die Wirtschaft nach 35 Jahren Einheit entwickelt
Auch 35 Jahre nach der Wiedervereinigung ist in Ostdeutschland das Gefühl des wirtschaftlichen Abgehängtseins und der Enttäuschung verbreitet – was die Gefahr der politischen Destabilisierung steigert. Doch die Stimmung sei schlechter als die Lage, betonen führende Ökonomen.
Ein Mitarbeiter geht an Drahtrollen in den Elbe-Stahlwerken Feralpi in Riesa vorbei: Die Wirtschaft in Ostdeutschland dreht besser als gedacht Foto: Jan Woitas/dpa
Blühende Landschaften? 35 Jahre nach der Wiedervereinigung von West und Ost erinnert sich die Republik wieder an dieses nie eingelöste Versprechen des Einheits-Kanzlers Helmut Kohl. Der CDU-Politiker hatte den Ostdeutschen 1990 blühende wirtschaftliche Landschaften innerhalb weniger Jahre versprochen – und damit den Grundstein für die bis heute enttäuschten Erwartungen bei vielen Ostdeutschen gelegt, wie sich in aktuellen Umfragen zur Stimmungslage zeigt. Nach dem jüngsten ZDF-„Politbarometer“ etwa sehen 47 Prozent der Menschen im Westen und eine Mehrheit von 57 Prozent im Osten die Probleme der Wiedervereinigung auch 35 Jahre später zu einem großen Teil als ungelöst an.
Dabei ist die Stimmung Experten zufolge schlechter als die Lage. Die Wirtschaftsleistung Ostdeutschlands erreicht nach einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zwar weiterhin nur 78 Prozent des westdeutschen Niveaus. Doch auch strukturschwache Regionen im Westen wie das Saarland, Teile Schleswig-Holsteins, Nordrhein-Westfalens, Niedersachsens, Hessens oder in Rheinland-Pfalz liegen deutlich unter der Leistung prosperierender Regionen um die Großstädte Hamburg, Frankfurt, Düsseldorf oder München, die das wirtschaftliche Niveau insgesamt heben. Trotz der schwächeren Wirtschaftsleistung haben die Ostdeutschen aber fast so viel Geld in der Tasche wie Westdeutsche: Das Pro-Kopf-Nettoeinkommen liegt unter anderem wegen guter Renten bei über 90 Prozent des Bundesdurchschnitts.
Die Wiedervereinigung war wirtschaftlich, sozial und politisch ein überragender Erfolg und eine Sternstunde für Deutschland. Der Aufholprozess ist beeindruckend und die Lebensleistung der Menschen in Ostdeutschland enorm.
Marcel Fratzscher
Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW)
Es gebe keinen Grund, den Angleichungsprozess schlechter zu reden, als er ist, finden führende Ökonomen. „Die Wiedervereinigung war wirtschaftlich, sozial und politisch ein überragender Erfolg und eine Sternstunde für Deutschland. Der Aufholprozess ist beeindruckend und die Lebensleistung der Menschen in Ostdeutschland enorm“, sagt etwa Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). „Dies bedeutet aber nicht, dass die Wunden der Teilung nicht noch sichtbar und spürbar sind, oder dass der Einigungsprozess abgeschlossen ist“, betont der Top-Ökonom.
Politische Destabilisierung
„Die Lebensbedingungen werden wieder ungleicher. Die Differenzen sind jedoch nicht primär zwischen Ost und West zu suchen, sondern zwischen Stadt und Land, reich und arm und mobil und immobil“, sagt Fratzscher. „Es gilt nun, die Lebensleistung der Menschen insbesondere in Ostdeutschland besser zu würdigen, die Demokratie zu stärken und das Verständnis zu vertiefen, dass der Staat in einer sozialen Marktwirtschaft nicht alle Probleme lösen kann. Wir brauchen einen Politikwechsel, der sich auf diese Herausforderungen konzentriert, und nicht eine Politik, die eine neue Kluft zwischen West und Ost schafft.“
Fratzscher betont dies auch vor dem Hintergrund der Gefahr der politischen Destabilisierung. Eine zu negative Darstellung der wirtschaftlichen Erfolge kann dazu beitragen, dass die rechtsextreme AfD im Osten weitere Erfolge feiert. In Sachsen-Anhalt droht sie bei der Landtagswahl im September 2026 die absolute Mehrheit zu erringen – auch weil die Partei das verbreitete Gefühl des Abgehängtseins und der Enttäuschung geschickt ausnutzt.
Auch der Düsseldorfer Top-Ökonom Jens Südekum stellt lieber die Standortvorteile Ostdeutschlands heraus. „Der Aufbau der Infrastruktur in Ostdeutschland war ein großer Kraftakt, aber am Ende auch ein großer Erfolg. Heute punktet Ostdeutschland mit handfesten Standortvorteilen wie einem guten Angebot von entwickelten Flächen und klimafreundlicher Energie“, sagt Südekum. „Nicht umsonst stehen mittlerweile Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern regelmäßig ganz vorne im Bundesländervergleich beim Wirtschaftswachstum“, betont der Berater von Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD). „Das Problem Ostdeutschlands ist heute, dass es dort keine Städte gibt, die es mit München oder Hamburg aufnehmen könnten“, sagt Südekum. Die Transformation der DDR-Wirtschaft hätte zudem „behutsamer“ organisiert werden müssen.
Kein Anlass mehr für Förderpolitik
Immerhin ist in den ostdeutschen Bundesländern die Zahl der offenen Stellen in den 15 Jahren bis 2025 stärker gewachsen als in Westdeutschland. Das geht aus einer Studie des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (KOFA) hervor, das im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums regelmäßig den Fachkräftemarkt analysiert. Demnach wuchs die Zahl der offenen Stellen zwischen 2011 und 2015 in Ostdeutschland um knapp 122 Prozent auf derzeit 277.000. „In Westdeutschland fällt der Zuwachs mit 86,1 Prozent etwas geringer aus, wobei in absoluten Zahlen das Ausgangsniveau deutlich höher liegt“, heißt es in der Studie.
Auch die neue Bundesregierung verzichtet noch nicht auf eine Ostbeauftragte. Doch für eine Förderpolitik speziell für Ostdeutschland sehen Ökonomen keinen Anlass mehr, zumindest nicht seitens des Bundes. „Wirtschaftspolitik sollte sich nach der Sachlage richten, nicht nach der Himmelsrichtung“, sagt der Vize-Chef des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Oliver Holtemöller. „Das Hauptproblem für den weiteren Aufholprozess ist, dass es in den urbanen Ballungsgebieten Ostdeutschlands weniger dynamische Marktdienstleistungen als in denen Westdeutschlands gibt. Hier könnte die Wirtschaftspolitik in den ostdeutschen Flächenländern ansetzen“, rät er. „Die Stichworte sind: Bildung, Forschung und Entwicklung, Innovation. Das sind aber überwiegend Themen für die Landes- und Kommunalebene, nicht für den Bund.“