Serbien
Russische Empörung über Visite der ukrainischen Präsidentengattin
Als Seiltänzer zwischen Ost und West verweigert Serbien zum Ärger Brüssels konsequent die Russland-Sanktionen. Nun ist es ein Damenbesuch aus dem Osten, mit dem der EU-Anwärter zur Abwechslung Moskau verstimmt: Russland ist über die Belgrad-Visite der ukrainischen Präsidentengattin nicht erbaut.
Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba (l.) ist erstmals seit Beginn der russischen Invasion der Ukraine zu einem Besuch in Serbien eingetroffen und dort von Präsident Aleksandar Vucic (r.) empfangen worden Foto: Andrej Isakovic/AFP
Wo zwei Staatschefs sich eher meiden, findet sich immer eine diplomatische Dritte: Mitten während der russischen Militäroffensive in ihrer Heimat segelte die ukrainische Präsidentengattin Olena Selenska am Wochenende zu einem offiziellen Besuch im russophilen Serbien ein.
Ob beim gemeinsamen Besuch der Nationalbibliothek oder der Belgrader Kalemegdan-Festung: Die Bilder der ukrainischen First Lady beim launigen Plausch mit ihrer „Amtskollegin“ und Gastgeberin Tamara Vucic haben nicht nur bei den Medien der Region für Erstaunen, sondern auch in Russlands Webwelten für verärgerte Verblüffung gesorgt.
„Widerlich“, „Verrat“; „Hast Du überhaupt noch ein Rückgrat, Vucic?“, zitierte Serbiens unabhängiges Webportal „nova.rs“ zu Wochenbeginn süffisant die erbosten Reaktionen aus dem russischen Web auf das bilaterale Damenprogramm ohne die präsidialen Gatten. Wie ein zufälliger Privatbesuch wirkte die Belgrad-Visite der ukrainischen First Lady in der Tat keineswegs: Im Schlepptau der beiden Präsidentengattinnen machten sich auch die Außenminister beider Staaten zum gemeinsamen Streifzug durch Serbiens Hauptstadt auf.
Als Seiltänzer zwischen Ost und West verweigert Serbiens allgewaltiger Staatschef Aleksandar Vucic zum Ärger Brüssels konsequent die von einem EU-Anwärter eigentlich erwartete Angleichung an die EU-Außenpolitik – und die Übernahme von EU-Sanktionen gegen Russland. Doch während Serbiens regierungsnahe Medien trotz des russischen Überfalls auf die Ukraine stets die slawischen Freundschaftsbande zu Moskau beteuern und verherrlichen, hat Belgrad den Kontakt zur Ukraine nie gänzlich abreißen lassen.
Belastungsprobe
Einerseits hat der Sanktionsverweigerer Serbien unter dem Druck des Westens stets für alle UN-Resolutionen zur Verurteilung des russischen Angriffs auf die Ukraine gestimmt. Andererseits hat Vucic seinen ukrainischen Amtskollegen Selenskyj am Rande internationaler Konferenzen seit Kriegsbeginn mehrmals getroffen – zuletzt beim Westbalkangipfel im albanischen Tirana im Februar.
Hartnäckig kursierende Spekulationen, dass auch Serbiens Waffenschmiede die Ukraine mit Munition belieferten, hat Vucic zwar stets dementiert. Doch die öffentliche Inszenierung des Besuchs von Olena Selenska lässt nicht nur Russlands Webwelten argwöhnisch darüber rätseln, welche Absicht Serbiens gewieftester Strippenzieher damit verfolgt.
Doch egal, ob der autoritär gestrickte Schaukelpolitiker mit dem prominenten Damenbesuch den wegen seines Schulterschlusses mit Peking und Moskau verstimmten Westen nur beschwichtigen oder eine baldige Kehrtwende in Sachen Sanktionen andeuten will: Die auch von ihm gerne gefeierte slawische Bruderliebe zu Russland und Kremlchef Wladimir Putin hat das schillernde Politchamäleon schon jetzt einer gehörigen Belastungsprobe ausgesetzt.