Spanien

Nach Jahren des Schweigens: Kirche entschädigt Missbrauchsopfer

Nach jahrelangem Streit haben sich die spanische Mitte-links-Regierung und die katholische Kirche auf ein gemeinsames System zur Entschädigung von Opfern sexuellen Missbrauchs geeinigt. Für Tausende Betroffene ist es ein überfälliger Schritt – doch das Ausmaß des Skandals bleibt erschütternd.

Teilansicht der Sagrada Familia in Barcelona mit historischem Abkommen zwischen spanischer Regierung und katholischer Kirche

Teilansicht der Sagrada Familia in Barcelona: Die spanische Regierung und die katholische Kirche haben ein historisches Abkommen unterzeichnet Foto: Josep Lago/AFP

Der zentrale Punkt der historischen Vereinbarung: Künftig bestimmt der Staat darüber, wer offiziell als Opfer anerkannt wird und welche Form der Entschädigung vorgesehen ist. Die Kirche verpflichtet sich, die Zahlungen zu leisten.

Für die Anerkennung und Prüfung der Fälle ist der Bürgerbeauftragte der spanischen Regierung zuständig. Er macht einen Entschädigungsvorschlag und ist die letzte Entscheidungsinstanz, wenn es keine Einigung zwischen Opfer und Kirche gibt. Ziel ist es, auch jenen Betroffenen eine finanzielle Abfindung zu ermöglichen, deren Fälle juristisch nicht mehr verfolgt werden können – etwa weil die Taten verjährt sind oder die mutmaßlichen Täter bereits verstorben sind.

Nach jahrelangen Blockaden lenkte die Kirche damit nun ein und akzeptierte eine staatlich kontrollierte Lösung. Die Regierung sagte zudem zu, die gesetzlichen Voraussetzungen zu schaffen, damit mögliche Entschädigungszahlungen steuerfrei bleiben.

„Wir begleichen die moralische Schuld, die wir gegenüber den Opfern der Kirche hatten, die über Jahrzehnte hinweg auf eine Mauer des Schweigens, der Vertuschung und des Unverständnisses gestoßen sind“, sagte Spaniens sozialdemokratischer Justizminister Félix Bolaños nach der Unterzeichnung des Abkommens. Der Vorsitzende der spanischen Bischofskonferenz, Luis Argüello, erklärte: „Wir wollen unsere Verantwortung übernehmen.“

Spanien zählt damit zu den letzten großen katholisch geprägten Staaten Europas, die ein systematisches Entschädigungsmodell einführen – geht mit der klaren Rolle des Staates bei der Anerkennung der Opfer jedoch einen Schritt weiter als viele Nachbarländer. In Deutschland, Österreich oder der Schweiz werden Opfer sexuellen Missbrauchs im kirchlichen Umfeld bereits seit Jahren entschädigt – allerdings meist über kirchennah organisierte Verfahren.

1.571 Geistliche bislang beschuldigt

Offizielle Zahlen der spanischen Kirche zum Umfang der Missbrauchsfälle existieren bis heute nicht. Die wichtigste Datensammlung stammt von der nationalen Zeitung El País. Demnach wurden in Spanien bislang 1.571 Geistliche von mutmaßlichen Opfern beschuldigt, insgesamt wurden seitens der Zeitung fast 3.000 Missbrauchsfälle dokumentiert.

Doch dies ist möglicherweise nur die Spitze des Eisbergs. Nach Schätzungen des spanischen Bürgerbeauftragten, der eine repräsentative Umfrage in Auftrag gab, könnten 1,13 Prozent der spanischen Bevölkerung als Minderjährige sexualisierte Gewalt im kirchlichen Umfeld erlebt haben. Hochgerechnet würde dies bedeuten, dass mehr als 400.000 Menschen in den vergangenen Jahrzehnten missbraucht worden sind. Die katholische Kirche räumte in eigenen Untersuchungen zuletzt etwa 2.000 Fälle ein.

Vor der nun ausgehandelten historischen Einigung hatte die Kirche nach eigenen Kriterien begonnen, in wenigen Einzelfällen Abfindungen zu zahlen. Nach Angaben der Bischofskonferenz wurden bislang nur rund 40 Opfer finanziell entschädigt. Insgesamt zahlte die Kirche etwa 1,5 Millionen Euro – eine Summe, die angesichts der Dimension des Skandals als eher symbolisch gilt. Viele Betroffene klagten über Intransparenz, lange Wartezeiten und stark schwankende Entschädigungssummen.

„Er kam nachts in mein Zimmer“

Die Kritik an der Kirche hatte zuletzt weiter zugenommen – vor allem durch den Fall des Bischofs Rafael Zornoza, der im November 2025 als erster amtierender spanischer Bischof wegen Missbrauchsvorwürfen vom Vatikan zum Rücktritt gezwungen wurde. Gegen ihn laufen kirchenrechtliche Ermittlungen wegen mutmaßlicher Übergriffe in den 1990er-Jahren sowie wegen des Verdachts der Vertuschung weiterer Fälle.

Ein heute erwachsenes Opfer hatte seine Erlebnisse mit Zornoza so geschildert: „Er kam nachts in mein Zimmer, legte sich zu mir ins Bett, streichelte und küsste mich.“

Die Aussagen lösten landesweit Entsetzen aus und verstärkten den Druck auf Kirche und Politik, endlich verbindliche Regeln zur Entschädigung zu schaffen.

Opferverbände begrüßten in einer ersten Reaktion das neue Abkommen zwischen Staat und Kirche, äußerten jedoch auch Skepsis. Entscheidend sei nun, ob das neue System schnell, transparent und ohne neue Hürden funktioniere. Viele Betroffene warten seit Jahrzehnten auf Anerkennung.

Klar ist: Mit dem Abkommen ist nun auch in Spanien ein Tabu gefallen. Ob daraus tatsächlich Gerechtigkeit erwächst, muss sich in der Praxis erweisen.

1 Kommentare
JJ 11.01.202611:30 Uhr

NSA. Nikolaus Sieht Alles. Die Herren in Frauenkleidung werden sich vor ihrem Boss verantworten müssen. Aber da die meisten eh nicht an diese Figur glauben werden sie ruhig weiterschlafen können. Strafe im Diesseits haben sie ja nicht zu befürchten. Das ist der eigentliche Skandal.Die paar Kröten die die,auf ewig traumatisierten, Menschen erhalten werden sind ein schwacher Trost.

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