EU-Mercosur-Abkommen
Massiver Einsatz von Pestiziden in Südamerika: Wissenschaftler und NGOs warnen vor dem „toxischen Deal“
In Südamerika werden in der Landwirtschaft massenweise Pestizide eingesetzt, die in der Europäischen Union verboten sind. Wissenschaftler warnen vor den Gefahren des Freihandelsabkommens von EU und Mercosur. Während in Montevideo ein Gipfeltreffen dazu stattfindet, verlangen Nichtregierungsorganisationen wie Greenpeace, Mouvement écologique und ASTM, dem Abkommen eine Absage zu erteilen.
Über einem Sojafeld bei Palmeiras de Goiás in Brasilien werden Pestizide versprüht Foto: Caio Paganotti/Greenpeace
Es gab Menschen, die Argentinien für ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten hielten. Bis es von einer Krise zur nächsten schlitterte und vor dem Ruin stand. Selbst die große Umwälzung der Landwirtschaft konnte Argentinien nicht retten. Wo einst auf den Weidelandschaften der Pampa unendlich scheinende Viehweiden dominierten, begann Mitte der 1990er Jahre der Soja-Boom. Seit damals ist die Anbaufläche um ein Vielfaches gestiegen. Der Großteil der Ernte wurde vor allem als Futtermittel exportiert. Aus Wäldern und Weiden wurden riesige Felder von Soja.
Fabián Tomasi hatte immer davon geträumt, Pilot zu werden. Jahrelang belud der Farmarbeiter aus der Provinz Entre Rios Flugzeuge, die über die schier endlose Weite der Sojaplantagen fliegen und Herbizid mit dem Wirkstoff Glyphosat versprühen. Das Gift tötet Schädlinge und Unkraut ab. Doch die Sprühflugzeuge fliegen nicht nur über die Felder, sondern über Schulen und die Köpfe der Landarbeiter. Tomasi arbeitete ohne Schutzkleidung. Die argentinische Regierung genehmigte den Anbau mit genmanipuliertem Saatgut und erlaubte den Einsatz von Glyphosat. Das Gutachten zu dessen Zulassung hatte der Hersteller Monsanto selbst verfasst. Seither werden in Argentinien glyphosathaltige Pestizide eingesetzt. Während das Soja die Großgrundbesitzer noch reicher machte, wurde der Wirkstoff unter dem Namen „Roundup“ zum Verkaufsschlager des US-Herstellers, der heute zum Bayer-Konzern gehört.
In den Dörfern zwischen den Anbauflächen sind die Krankheits- und Sterberaten viel höher als anderswo. Die Krebsraten liegen doppelt bis dreimal so hoch wie im Rest des Landes. Festgestellt wurden dort nicht nur Bluthochdruck oder Diabetes, sondern Fehlfunktionen der Schilddrüse. Ebenso sind die Zahlen von Fehlgeburten und Missbildungen, Haut-, Nerven- und Atemwegserkrankungen außergewöhnlich hoch. Die Krankheitsstatistiken sind schreckenerregend. Heute ist Fabián Tomasi bis auf die Knochen abgemagert. Er kann nicht mehr alleine essen und nichts mehr fest greifen. Tomasi leidet an Muskelschwund und an einer toxischen Nervenkrankheit. Aufgehört zu kämpfen hat er nicht: gegen die Nutzung der Agrochemikalien.
Opfer der Pestizide
Auch Anita ist ein Opfer der Pestizide, denen ihre Mutter während ihrer Schwangerschaft ausgesetzt war. Oder der fünfjährige Lucas, der an einer angeborenen schweren Hautkrankheit leidet, weil seine Eltern auf Plantagen gearbeitet haben, in denen die giftigen Chemikalien verwendet wurden. Oder Adolfo Cerán, dessen Fingernägel wie verbrannt aussehen und der an einer Leberzirrhose leidet, die nicht auf Alkoholismus zurückzuführen ist – Cerán arbeitete neun Jahre lang als Sprüher von Pestiziden. Oder Mónica Gabriela Rais, die schwer behindert ist, weil ihre Mutter einst auf einer Tabakplantage das volle Gift abbekam.
Pablo E. Piovano Foto: revue-Archiv
Pablo E. Piovano wurde vor einigen Jahren auf ein Netzwerk von Ärzten in der argentinischen Provinz, die „Médicos de Pueblos Fumigados“ (Ärzte der „vergifteten Dörfer“) aufmerksam und nahm sich der Problematik an. Der Fotograf, u.a. für die Tageszeitung página/12 tätig, reiste jahrelang durch die Sojaanbauregionen in den Provinzen Entre Rios, Chaco und Misiones im Norden und Nordosten Argentiniens. „Ich wollte die Folgen zeigen, die der massive Einsatz der Gifte für die Menschen hat“, erklärt er. „In den argentinischen Medien wurde darüber nicht berichtet.“ Er hat mit Fabián Tomasi und den anderen genannten Personen gesprochen, sie fotografiert und daraus ein Buch gemacht. Der Argentinier kam vor einigen Jahren nach Luxemburg, um auf die Gefahren aufmerksam zu machen, die von den chemischen Giften der Pflanzenschutzmittel ausgehen. Seitdem stehen wir in Kontakt zueinander. Er zeigt mir seinen mit zahlreichen Narben übersäten Oberkörper. „Das sind die Spuren von Gummigeschossen“, erklärt er, „die Polizei hat aus ein paar Metern Entfernung auf mich geschossen. Im Laufe einer Demonstration in Buenos Aires.“
Piovano weiß, dass die argentinischen Anbaugebiete die weltweit höchste Quote an Pestiziden pro Person haben. Er hat das Leiden der Menschen dokumentiert. Die Situation hat sich nicht verbessert. Kritiker des EU-Mercosur-Abkommens befürchten gar eine Verschlechterung. Seit einem Vierteljahrhundert bemüht sich die Europäische Union mit Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay, den Staaten des südamerikanischen Wirtschaftsblocks respektive Binnenmarktes, zu dem auch Bolivien gehört (Venezuela ist seit 2016 suspendiert), um das Abkommen.
Nun soll es ausgerechnet in der Amtszeit des ultrarechten argentinischen Präsidenten Javier Milei zum Abschluss kommen, der sein Land einer Schocktherapie unterzieht. Gleich zu Beginn seiner Amtszeit sind u.a. das Streikrecht, der Umweltschutz und die Landrechte der Indigenen stark eingeschränkt worden. Während sich die EU billigen Zugang zu den Rohstoffen aus Südamerika und für ihre Industrieprodukte neue Absatzmärkte erhofft, könnte dies für die Menschen in den betroffenen Regionen schwerwiegende Folgen haben.
Kritiker in Gefahr
„Als ich nach Hause kam, fand ich drei Einbrecher vor. Sie sperrten mich im Badezimmer ein und durchsuchten mein Haus. Schließlich stahlen sie meinen Laptop“, erzählte mir Larissa Bombardi. „Zum Glück waren meine beiden Söhne zu diesem Zeitpunkt bei ihrem Vater.“ Die Brasilianerin aus São Paulo war im vergangenen Jahr von der Action Solidarité Tiers Monde (ASTM) und dem Klimabündnis zu einer Konferenz nach Luxemburg eingeladen worden. Als ich sie interviewte, sagte sie mir, sie könne nicht mit absoluter Sicherheit sagen, ob der Einbruch mit ihrer Arbeit zu tun hatte. Aber zu ihrer Sicherheit und der ihrer Kinder fasste sie den Entschluss, Brasilien zu verlassen.
Larissa Bombardi Foto: Greenpeace
Bombardi forschte und unterrichtete seit 2007 an der Universität von São Paulo. Die Geografin erstellte einen „Atlas der Agrargifte in Brasilien und ihre Verbindung zu Europa“, der 2017 veröffentlicht wurde. Zu diesem Zweck hatte sie untersucht, wie viele Pestizide in welchen brasilianischen Gemeinden eingesetzt werden. Bombardi sammelte Daten über die Fälle von Vergiftungen und Raten von Krebserkrankungen in den jeweiligen Kommunen. Sie verglich die Daten miteinander, indem sie Landkarten übereinanderlegte – und kam zu dem Ergebnis, dass überall dort, wo per Flugzeug viele Pestizide versprüht wurden, auch die Krankheitsfälle stiegen. Die Gifte können neben Krebs auch hormonelle Erkrankungen und fetale Missbildungen auslösen. „Als der Atlas in Brasilien herauskam, gab es kaum negative Reaktionen, sogar eher positive“, so Bombardi. „Erst nachdem ich die englische Version in Europa vorgestellt hatte, wurde in Brasilien versucht, meine Arbeit und Kompetenz in Zweifel zu ziehen. Als ich in mein Land zurückkehrte, wurde ich dort diffamiert und beschimpft.“ Die Attacken gingen von der mächtigen Agrarlobby des Landes aus. Die Wissenschaftlerin erhielt Drohungen und anonyme Telefonanrufe. Die Einschüchterungsversuche gipfelten in dem bereits erwähnten Einbruch. Sie entschied sich fürs Exil und zog mit ihren beiden Söhnen nach Brüssel.
Neuer Kolonialismus
Vor allem während der Amtszeit des ultrarechten Präsidenten Jair Bolsonaro (2019-2022) hat sich die Situation für all jene verschlechtert, die sich den Agrarkonzernen in den Weg stellten. Einige Menschenrechtler und Umweltaktivisten wurden ermordet. Unterdessen ist die brasilianische Landwirtschaft mehr und mehr von Pestiziden abhängig geworden. So heißt es in einer von Greenpeace veröffentlichten Studie, dass 20 Prozent aller Früchte aus Brasilien in der EU verbotene Pestizide enthalten. Die Universität von Mato Grosso fand heraus, dass sich in den Gemeinden, in denen besonders viel Gift eingesetzt wurde, eine neunmal höhere Krebsrate als in anderen Kommunen ergab.
Mehrfach wurden bei Stichproben Resultate erzielt, die die erlaubten Grenzwerte von Rückständen an Giftstoffen überschritten, so etwa bei Ananas, Knoblauch, Reis, Süßkartoffeln und Karotten. Ähnliches gilt auch für das Trinkwasser. In Brasilien stirbt im Durchschnitt alle zwei Tage ein Mensch an einer Vergiftung durch die „Agrotóxicos“, ein Fünftel der Opfer sind Kinder und Jugendliche. Die Gifte würden sogar über Dörfern versprüht. Sie stammen von Chemiekonzernen wie Bayer und BASF, die in Brasilien Pestizide mit Wirkstoffen verkaufen, die in der EU verboten sind, weiß Larissa Bombardi.
Für die Geografin ist der Einsatz von Pestiziden in Brasilien eine Art modernen kolonialen Handels. Mit dem EU-Mercosur-Abkommen würde zwar die größte Freihandelszone der Welt entstehen. Doch Umweltorganisationen, Gewerkschaften und Wissenschaftler befürchten einen verstärkten Handel sowohl mit Soja und Rindfleisch als auch mit Pestiziden. Mit Bolsonaro, der eine Art von Freischein für die Abholzung ausstellte, wollte die EU keine Verträge schließen. Das Abkommen wurde vorerst eingefroren. Seit Luiz „Lula“ da Silva vor zwei Jahren wieder Präsident wurde, soll alles sehr schnell gehen und der „Giftvertrag“, wie Greenpeace und Misereor das Abkommen bezeichnet haben, unter Dach und Fach gebracht werden. Larissa Bombardi befürchtet einen „Vergiftungskreislauf“, der dann erst recht in Gang kommen würde.