Spanien
Maricarmen darf zurück in ihre Wohnung
Nach ihrer Zwangsräumung darf die 87-jährige Maricarmen in ihre Wohnung in Madrid zurückkehren. Doch Spaniens Wohnungskrise mit steigenden Mieten und fehlendem Wohnraum bleibt ungelöst.
Junge Menschen protestieren mit einem Zeltlager an der Puerta del Sol in Madrid gegen die zu hohen Mietpreise und die Wohnungskrise im Land Foto: Bruno Thevenin/Middle East Images via AFP
Die Bilder gingen durch Spanien und weit darüber hinaus: Eine gebrechliche 87-Jährige wird nach der Zwangsräumung aus der Wohnung, in der sie mehr als 70 Jahre gelebt hat, auf einer Trage hinausgebracht. Polizisten hatten zuvor die Unterstützer zurückgedrängt, die Maricarmen Abascals Rauswurf verhindern wollten. Wenig später lag die alte Dame im Krankenhaus. Seitdem ist Maricarmen zum Symbol einer Wohnungskrise geworden, die längst nicht nur Spanien umtreibt. Auch in anderen europäischen Ländern steigen Mieten und Immobilienpreise, bezahlbare Wohnungen werden vor allem in den großen Städten knapp.
Doch in Spanien, wo die Mieten seit 2015 um fast 90 Prozent gestiegen sind, hat das Schicksal der Rentnerin einen Nerv getroffen. Tausende gingen auf die Straße. Auf der Puerta del Sol, einem Platz im Herzen Madrids, entstand ein Protestcamp.
Und nun nimmt das Drama eine überraschende Wendung: Maricarmen soll nach Hause dürfen. Nach stundenlangen Verhandlungen einigten sich die Eigentümer ihrer Wohnung und ihre Vertreter darauf, dass die Seniorin in ihre alten vier Wände im Madrider Retiro-Viertel zurückkehren kann.
Die neue Miete soll höchstens 30 Prozent ihres Einkommens betragen und damit ungefähr auf dem bisherigen Niveau von rund 500 Euro einschließlich Nebenkosten liegen. Der Vertrag soll acht Jahre laufen.
Eine fast unglaubliche Wende
Es fehlt allerdings noch eine Unterschrift – die wichtigste: Maricarmen selbst muss zustimmen. Die Rentnerin liegt noch immer im Madrider Krankenhaus Gregorio Marañón. Wenn sie einverstanden ist, soll sie nach ihrer Entlassung möglichst schnell heimkehren können. Ihre Möbel und persönlichen Sachen stehen noch dort.
Eine fast unglaubliche Wende in einer Geschichte, die Spanien seit Tagen in Atem hält. Maricarmens Anwältin Beatriz Duro sagt: Die Einigung komme spät – nach einer Situation, „die kein Mensch jemals erleben sollte“.
Die Kehrtwende kam nach einer Protestwelle, die aus dem Schicksal einer alten Dame eine nationale Affäre gemacht hat. Das sieht man derzeit besonders gut auf dem Platz Puerta del Sol. Wo normalerweise Touristen Selfies machen und Straßenkünstler um Aufmerksamkeit werben, stehen seit Tagen Zelte. Mehr als 600 Menschen verbrachten dort die vergangene Nacht. Sie wollen bleiben, bis sich politisch etwas bewegt.
Neues Gesetzespaket zur Wohnungskrise
„Das musste irgendwann explodieren“, sagt einer der Demonstranten. Andere erzählen, die Proteste hätten ihnen wieder Hoffnung gegeben. Die Rückkehr Maricarmens reicht ihnen nicht. „Das geht weit darüber hinaus“, heißt es vom örtlichen Mieterverein. Denn Maricarmen steht für viele Menschen, die fürchten, nach einer Mieterhöhung ihre Wohnung zu verlieren; für Junge, die sich keine eigene Wohnung leisten können; für Familien, die immer größere Teile ihres Einkommens für die Miete ausgeben.
Deshalb richtet sich der Blick auch auf die Mitte-links-Regierung von Ministerpräsident Pedro Sánchez. Seine Koalition aus der kleinen Linkspartei Sumar und den tonangebenden Sozialdemokraten ringt um ein neues Wohnungskrisenpaket. Nicht nur das Kabinett muss zustimmen, sondern binnen eines Monats auch das Parlament, wo Sánchez’ Minderheitsregierung keine stabile Mehrheit hat.
Im Zentrum des Krisenplans steht vor allem, Familien und bedürftige Mieter vor Zwangsräumungen zu schützen, auslaufende Mietverträge automatisch zu verlängern und Mieterhöhungen stärker zu begrenzen. Auch strengere Regeln für Ferien- und Zeitvermietungen sowie für spekulative Immobiliengeschäfte stehen zur Debatte.
Es wird zu wenig gebaut
Sánchez appellierte an alle Parteien, über ihren Schatten zu springen. Hinter den einzelnen Maßnahmen stehe etwas Wichtigeres als parteipolitische Kalkulationen, sagte der Regierungschef: Bürger vor den Folgen der Wohnungskrise zu schützen, sei „eine Frage der Menschlichkeit“.
Spaniens Immobilienmarkt hat sich in den vergangenen zehn Jahren dramatisch verteuert. Seit 2015 stiegen die Kaufpreise im Schnitt um rund 80 Prozent, die Mieten sogar um 87 Prozent. Die Löhne legten im gleichen Zeitraum nur um etwa 30 Prozent zu. Besonders stark kletterten die Kaufpreise in Madrid, in Barcelona und auf Mallorca.
Gleichzeitig wird zu wenig gebaut. 2025 wurden in Spanien nur rund 91.000 Wohnungen fertiggestellt. In den 1990er-Jahren waren es im Schnitt etwa 250.000 jährlich. Die spanische Zentralbank warnt, dass bis 2028 eine Lücke von einer Million Wohnungen entstehen könnte.
Hinzu kommt, dass in Spanien der öffentliche Wohnungsbau vernachlässigt wurde. Nur knapp zwei Prozent des gesamten Bestandes sind Sozialwohnungen. Damit gehört Spanien zu den europäischen Schlusslichtern.