Serbien

Machthaber lassen seit Monaten Zentrum der Hauptstadt blockieren

Serbiens Landesvater igelt sich ein. Seit Monaten versucht Präsident Vucic sich mit einem Kordon aus Zelten, WC-Häuschen, breitschultrigen Auftragscampern und Polizisten gegen lästige Demonstranten zu wappnen. Das Camp ist zu Belgrads größten Verkehrshindernis und Dauerärgernis der Anwohner mutiert.

Seit Monaten blockierte Verkehrsachse im Herzen der Hauptstadt: weiße Zelte vor Serbiens Parlament auf dem Belgrader Nikola-Pasic-Platz

Seit Monaten blockierte Verkehrsachse im Herzen der Hauptstadt: weiße Zelte vor Serbiens Parlament auf dem Belgrader Nikola-Pasic-Platz Foto: Thomas Roser

Unbarmherzig gleißt die Mittagssonne über den Dächern der braunen WC-Häuschen vor Serbiens Parlament. Lustlos starren einige unentwegte Zeltinsassen unter den weißen Planen auf dem Belgrader Nikola-Pasic-Platz in ihre Telefone. Geschützt von schwitzenden Gesetzeshütern, blockieren die hitzebeständigen Auftragscamper die sechsspurige Verkehrsachse im Herzen der Hauptstadt seit Ende April.

Bereits seit Anfang März ist der angrenzende, zwischen dem Präsidentenpalast und dem Rathaus gelegene Pionierpark zu einem merkwürdigen Biotop regimetreuer Campingfreunde mutiert. Zwischen den verrosteten Absperrgittern um den Park wuchert das Unkraut und verrotten Müllreste. Über olivgrünen Zeltplanen scheppern patriotische Volksliedweisen durch das entvölkerte Lager.

Serbiens autoritär gestrickter Landesvater igelt sich ein. Seit Monaten versucht der zunehmend unter Druck geratene Präsident Vucic, sich mit einem bizarren Schutzkordon vor seinem Amtssitz gegen die lästigen Proteste gegen die Korruption zu wappnen: Das sogenannte „Ćacilend“-Camp ist zu Belgrads größtem Verkehrshindernis und Dauerärgernis der Anwohner mutiert

Aufgestapelte Straßenplatten, Schutt- und Kiesberge blockieren die umliegenden, auffällig alle gleichzeitig von endlosen Dauerbaustellen heimgesuchten Straßen. Kohorten von gelangweilt wirkenden Gesetzeshütern patrouillieren um den hermetisch abgeriegelten Park – und halten die wenigen Passanten im Auge.

Seit fast fünf Monaten könne sie mit ihrem Hund weder in den Park noch mit ihren Enkeln auf den Spielplatz gehen, klagt in der angrenzenden Dragoslav-Jovanovic-Straße genervt die Rentnerin Jelena (Name auf Wunsch geändert): „Überall Absperrungen, Baustellen, Polizei, die furchtbare Musik und die merkwürdigen Leute, die sie immer wieder hierher karren. Es ist ein einziges Chaos. Sie machen, was sie wollen. Und wenn Du morgens aufstehst, aus dem Fenster schaust und dieses Lagerelend siehst, wirst Du sofort daran erinnert, in was für einem Land wir Serben leben. Es ist einfach deprimierend.“

Campsöldner wurden mit Bussen herbeigekarrt

Bereits eine Woche vor der von Studenten organisierten Großdemonstration am 15. März, als fast eine halbe Million Menschen in Belgrad gegen Vetternwirtschaft und Machtmissbrauch über die Straßen zogen, hatten zwei Dutzend junger Leute das von scheinbarer Geisterhand aufgebaute Zeltlager vor dem Präsidentenpalast bezogen. Lange blieben die Lagerpioniere nicht allein, die sich als „Studenten, die studieren wollen“, vorstellten und ihren Campeinsatz mit ihrem Unwillen über die von Studenten blockierten Universitäten begründeten: Busweise und am helllichten Tage wurden damals aus dem fernen Kosovo bezahlte Campsöldner in das Lager gekarrt.

Ćacilend hat mit den Studentenprotesten nichts zu tun. Sondern es ist entstanden, weil sich der Präsident bewusst ist, dass die Mehrheit der Serben genug von ihm hat.

Dragomir Andjelkovic

politischer Analyst

Während sich der Präsident in den folgenden Wochen regelmäßig mit drei Vorzeigestudenten aus dem Camp vor den Kameras regierungsnaher Medien traf, füllten nicht nur eher betagte SNS-Aktivisten, Polizeibeamte in Zivil und Geheimdienstler das vermeintliche Studentenlager. Ob bei von den Machthabern organisierten Gegenkundgebungen oder „Volksfesten“: Zur Unterstützung von Vucic rollen laut der liberalen Kosovo-Politikerin Rada Trajkovic noch stets Busse mit Kosovo-Serben zum Camp.

Gemeinsam mit den „Paramilitärs“ des von Kosovos Justiz wegen der blutigen Schießerei bei Banjska 2023 gesuchten Geschäftsmanns Milan Radoicic würden „leider viele unserer Leute“ Ćacilend füllen, berichtete die regierungskritische Kosovo-Serbin kürzlich in einem Interview. Manche seien auch „bereit“, bei umkämpften Kommunalwahlen im Mutterland, wie kürzlich in der Provinzstadt Kosjeric, als falsche Lokalwähler für die regierende SNS von Vucic zu stimmen.

Seinem Namen hat das im Hochsommer eher entvölkert wirkende „Ćacilend“ dem Schreibfehler eines Graffiti-Aktivisten im Regierungsdienst zu verdanken. „Schüler in die Schule“, wollte der unfreiwillige Wortschöpfer zu Jahresbeginn eigentlich an die Pforten eines streikenden Gymnasiums in Novi Sad sprühen. Doch er vergriff sich bei einem kyrillischen Buchstaben – aus Čaci (Schüler) wurden so Ćaci (Süler). „Wer nicht springt, der ist ein Süler“, skandierten fortan hämisch die Studenten. Ein neuer Ausdruck war geboren: Die falschen „Ćaci - Süler“ sind in Serbien zum Inbegriff loyaler Regimesöldner geworden.

Ćacilend-Lager soll Proteste vor Präsidentensitz verhindern

Zwar köcheln selbst im Hochsommer im ganzen Land noch immer die Proteste. Doch an den Fakultäten wird inzwischen wieder gelehrt. Der seit November währende Daueraufstand gegen Serbiens immer unpopuläreren Dominator Vucic scheint sich in der Hauptstadt vorläufig auf den Herbst vertagt zu haben.

Doch noch immer werden in Belgrad wegen der präsidialen Zeltwagenburg Buslinien und der Verkehr umgeleitet – und bleibt der Alltag im Zentrum der Hauptstadt ein Leben im Ausnahmezustand. „Ćacilend ohne Sinn, doch der Pionierpark ist weiter unter Besatzung“, titelte vergangene Woche entnervt die Belgrader Zeitung Danas: „Für was dienen die weißen Zelte vor dem Parlament, wenn die Studenten an den Fakultäten sind?“

Das Ziel des „völlig absurden“ Ćacilend-Lagers sei es, vor dem Präsidentenpalast Proteste zu verhindern, vermutet Djordje Pavicevic, Abgeordneter des oppositionellen Grün-Links-Bündnisses. Dafür werde im Stadtzentrum monatelang der Verkehr entregelt und ein unter Denkmalschutz stehender Park als „logistische Basis“ von Parteischlägern zweckentfremdet: „Mit Methoden aus dem Geheimdienstlehrbuch über den Bürgerkrieg streiten die Machthaber gegen gewaltlose Demonstranten.“

Als Zeichen der „Angst“ und des schwindenden Vertrauens von Vucic in Serbiens Sicherheitsdienste bewertet der Analyst Dragomir Andjelkovic gegenüber Danas das falsche Studentencamp. Vucic sei sich der „enormen Unzufriedenheit“ bei Polizei und Armee bewusst und nutze das Lager, um bei Bedarf paramilitärische „Formationen“ vor seinem Palast zu stationieren: „Ćacilend hat mit den Studentenprotesten nichts zu tun. Sondern es ist entstanden, weil sich der Präsident bewusst ist, dass die Mehrheit der Serben genug von ihm hat.“

Von WC-Häuschen belagert: Serbiens Parlament in Belgrad

Von WC-Häuschen belagert: Serbiens Parlament in Belgrad Foto: Thomas Roser

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