Altkanzlerin auf CDU-Parteitag
Küsschen rechts, Küsschen links – Merkel ist wieder da
Ihr Auftritt ist mit Spannung erwartet worden, und Angela Merkel wird auf dem CDU-Parteitag gefeiert. Alle geben sich versöhnlich. Warum sie tatsächlich gekommen ist, darüber wird weiter spekuliert.
Angela Merkel, ehemalige Bundeskanzlerin, nimmt am CDU-Bundesparteitag teil Foto: dpa/Kay Nietfeld
Küsschen rechts, Küsschen links gibt es für die frühere CDU-Vorsitzende, die eigentlich auch ihre Nachfolgerin als Kanzlerin werden sollte – was allerdings nicht geklappt hat: für Annegret Kramp-Karrenbauer.
Ihr anderer Nachfolger im Parteivorsitz strahlt über das ganze Gesicht und erhält von Altkanzlerin Angela Merkel ein freundliches Lächeln zurück: Armin Laschet. In der ersten Reihe nimmt Merkel am Freitagmorgen in der Stuttgarter Parteitagshalle zwischen Kramp-Karrenbauer und Laschet Platz, vorher sind Medien und Fotografen verscheucht worden.
Merkel kommt von der Seite, damit sie auch unbehelligt bleibt von Selfie-Jägern unter den Delegierten. Sie ist wieder da, und sie genießt den Auftritt sichtlich. Das erste Mal nach ihrem Ausscheiden aus dem Kanzleramt kommt die Frau aus der Uckermark wieder zu einem CDU-Parteitag.
Standing Ovations
Die Delegierten feiern Merkel mit langem Applaus und Standing Ovations, als sie von Friedrich Merz begrüßt wird. Viel Aufhebens macht der amtierende Chef um seine frühere Intimfeindin nicht. Und schließlich wirkt Merkel aber doch gerührt angesichts des Zuspruchs, der ihr entgegengebracht wird.
Die CDU gibt sich versöhnt und vereint mit der Altkanzlerin. Armin Laschet sagt: „Dass Angela Merkel da ist, ist schön.“ Der Wirbel darum habe ihn aber verwundert. „Manche haben die letzten Jahre geklagt, warum kommt sie denn nicht mehr. Jetzt kommt sie und es wird wieder spekuliert“, so Laschet zu unserer Redaktion. Annegret Kramp-Karrenbauer betont, ein Parteitag sei immer wie ein Familientreffen, so AKK auf Nachfrage. „Ich freue mich, dass wir nebeneinandersitzen und die Gelegenheit haben, ein bisschen zu plauschen.“ Die Union im Friede- und Freude-Modus.
Über Grund wird gerätselt
Morgens um kurz vor neun sieht man die 71-Jährige bereits in die Halle kommen. Grüner Merkel-Blazer, schwarze Steppjacke drüber. Am Vorabend ist sie angereist, die wenigen Meter vom Hotel in die Halle geht sie zu Fuß. Merkel kommt zum Parteitagsgottesdienst, begleitet von CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann, dem man einen gewissen Stolz ansieht. Beide können gut miteinander. Nach einer halben Stunde hat auch sie sich ihren Segen abgeholt, und dann doch, ein paar Selfies muss sie vor der Tür geben. So ist das, wenn die Altkanzlerin auftaucht. Kurz zuvor plaudert sie erstmals ein wenig mit Friedrich Merz, dann gehen beide zunächst ihre Wege. Politisch war das ja über all die Jahre ähnlich. Beide verbindet wenig. Aber jetzt ist sie da, und Merz nimmt es betont gelassen.
Auf dem Parteitag wird nach wie vor gerätselt, warum Merkel sich überhaupt blicken lässt. Die einen bewerten es als Geste, auch gegenüber Friedrich Merz in schwierigen Zeiten. Andere sagen, der Druck der verbliebenen Merkelianer in der Partei sei groß, dass Merkel nach alldem, was die Union für sie getan habe, sie nun endlich mal etwas für die CDU tun müsse. Dann betont ein früherer Vertrauter, die Altkanzlerin wolle ein Zeichen der Einheit für die gesamte Partei setzen. Gerade deshalb, weil auch der Landesverband Baden-Württemberg ihres verstorbenen, engen Weggefährten Wolfgang Schäuble vor der Landtagswahl so zusammenstehe wie nie. Es gibt viele Theorien, genau weiß es wohl nur Merkel selber. Während der Rede von Friedrich Merz applaudiert sie artig. Das zumindest kann jeder sehen.