Hitzewellen
Kein Kontinent erwärmt sich so schnell wie Europa
Die aktuelle Hitzewelle erinnert eindrücklich daran, dass Europa der Kontinent ist, der sich am schnellsten erwärmt. Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien gaben diese Woche für große Landesteile die höchste Hitze-Warnstufe aus. Der Deutsche Wetterdienst prognostiziert für Freitag lokal Werte von bis zu 41 Grad. Was sind die Gründe für den raschen Temperaturanstieg auf unserem Kontinent?
Abkühlung im Wasser: Bis zu 40 Grad warm könnte es in diesen Tagen in manchen Ländern Europas werden Foto: Oscar del Pozo/AFP
Die Erde insgesamt ist heute etwa 1,4 Grad wärmer als im vorindustriellen Zeitraum von 1850 bis 1900. Europa hingegen hat sich laut dem EU-Erdbeobachtungsprogramm Copernicus bereits um rund 2,4 Grad erwärmt.
Der langfristige Anstieg der weltweiten Durchschnittstemperaturen ist hauptsächlich auf Treibhausgasemissionen aus der Verbrennung von Öl, Gas und Kohle zurückzuführen. Das Ausmaß unterscheidet sich jedoch von Region zu Region. So erwärmen sich zum Beispiel Landflächen schneller als Ozeane, da Wasser mehr Wärme aufnehmen und sich durch Verdunstung wieder abkühlen kann.
Häufigere Hochdrucklagen
Hochdruckgebiete, die für stabiles Wetter und höhere Temperaturen sorgen, treten nun laut Copernicus in Europa öfter auf. „Wenn man die letzten 20 bis 30 Jahre betrachtet, sieht man insbesondere im Sommer eine Häufung solcher Hochdrucklagen, die Hitzewellen wahrscheinlicher machen“, sagte Copernicus-Direktor Carlo Buontempo. Ob diese zunehmende Häufigkeit tatsächlich eine Folge des Klimawandels ist oder lediglich eine „statistische Schwankung“, ist Buontempo zufolge unter Wissenschaftlern umstritten.
Grund für die erste Hitzewelle des Jahres im Mai war eine sogenannte Hitzekuppel – ein großräumiges Hochdruckgebiet, das über einer Region verharrt und wie ein Deckel wirkt, der heiße Luft einschließt. Die aktuelle Hitzewelle hängt dagegen mit einer dynamischeren Omega-Lage zusammen, deren Form an den griechischen Buchstaben Ω erinnert.
Dabei werden laut Deutschem Wetterdienst die atlantischen Tiefdruckgebiete in weitem Bogen um Mitteleuropa herumgeführt. „Wir haben vor Portugals Küste einen Kältezipfel, der wie eine Wärmepumpe wirkt“, erklärt Sébastien Léas vom französischen Wetterdienst Météo-France die aktuelle Lage.
Nähe zur Arktis
Eine weitere wichtige Rolle spielt die Geografie: Europa ist mit der Arktis verbunden, die heute bereits 3,2 Grad wärmer ist als in vorindustrieller Zeit. Die steigenden Temperaturen dort sind teilweise auf den sogenannten Albedo-Effekt zurückzuführen. Heller Schnee und Eis reflektieren einen Großteil der Sonnenstrahlung zurück ins All. Wenn sie jedoch schmelzen, kommen dunklere Oberflächen wie Land oder Meerwasser zum Vorschein, die wesentlich mehr Wärme aufnehmen.
Auch in anderen Teilen Europas gibt es Regionen, die jetzt weniger lange und regelmäßig schneebedeckt sind als früher.
Weniger Luftverschmutzung
Durch strengere Umweltauflagen ist die Luftverschmutzung seit den 1980er Jahren deutlich gesunken. Diese eigentlich positive Entwicklung hat einen negativen Nebeneffekt: Sie trägt indirekt zur Erwärmung bei, da viele der winzigen Partikel verschwunden sind, die kühlend wirken, indem sie Sonnenlicht reflektieren.
Innerhalb Europas verläuft die Erwärmung allerdings unterschiedlich schnell. Ost- und Südosteuropa sowie Teile Mitteleuropas, darunter die Alpen, erwärmten sich laut Copernicus in den vergangenen 30 Jahren um 0,5 bis 1 Grad Celsius pro Jahrzehnt. In Westeuropa, Südwesteuropa sowie den subarktischen Regionen Finnlands, Norwegens und Schwedens waren es nur 0,2 bis 0,5 Grad pro Dekade. Besonders stark betroffen ist Spitzbergen, wo die Temperaturen sogar um 1,5 bis 2 Grad Celsius in zehn Jahren stiegen. Zwischen 2022 und 2024 wurden dort Rekord-Sommertemperaturen gemessen. (AFP)
WHO: Europa muss mehr in Hitze-Schutz investieren
Angesichts der derzeit extrem hohen Temperaturen in weiten Teilen Europas hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu mehr Investitionen in den Hitze-Schutz aufgerufen. „Die Hitzewelle in Europa führt zu Schulschließungen und gefährdet die Gesundheit der Menschen“, erklärte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus am Mittwoch im Onlinedienst X zu der aktuellen extremen Wetterlage.
„Die Daten sind klar: Die Temperaturen in Europa steigen doppelt so schnell wie im globalen Vergleich, und das erhöht die Wahrscheinlichkeit und die Schwere extremer Wetterphänomene“, fügte der WHO-Chef mit Blick auf die Klima-Entwicklung auf unserem Kontinent im Zuge der Erderwärmung hinzu. Die Politik müsse daraus Konsequenzen ziehen.
„Wir können uns keine weiteren Verzögerungen leisten“, mahnte Tedros. Die Regierungen müssten „Investitionen in klimaresiliente Gesundheitssysteme Priorität einräumen und zugleich den Klimaschutz beschleunigen und die Treiber der Klimakrise zurückfahren“. (AFP)
Chef von Weltklimarat: Hitzewelle heftiger als manche Prognosen
Die aktuelle Hitzewelle in Europa fällt nach Angaben des Weltklimarats IPCC heftiger aus als in manchen wissenschaftlichen Prognosen vorhergesagt. Europa werde angesichts der globalen Erwärmung zwangsläufig mit weiteren Extremsituationen konfrontiert werden, sagte IPCC-Chef Jim Skea am Mittwoch.
Die Bedingungen, unter denen Europa in dieser Woche leide, lägen am oberen Rand des Spektrums dessen, was der Weltklimarat seit langer Zeit prognostiziert habe, führte Skea aus. Einige Auswirkungen auf regionaler Ebene und im Ozean überstiegen die Erwartungen, fuhr er fort.
Frankreich verzeichnete am Dienstag den heißesten Tag seit Beginn der Aufzeichnungen. Mehrere andere europäische Länder wie Großbritannien und Ungarn gaben Hitzewarnungen mit hoher Stufe heraus. In Deutschland galten am Mittwoch fast im ganzen Land wieder amtliche Hitzewarnungen.
Nach Berechnungen der Nachrichtenagentur AFP dürften am Mittwoch mindestens 94 Millionen Menschen in Europa Temperaturen von mehr als 35 Grad erleben, die meisten von ihnen in Spanien und Frankreich.
„Wir werden zwangsläufig mehr von dem erleben, was wir in den vergangenen Tagen gesehen haben“, sagte Weltklimarats-Chef Skea. Die heißesten Tage würden sich viel schneller erwärmen als durchschnittliche Tage. In einer Welt, in der die Temperaturen um durchschnittlich zwei Grad steigen würden, wäre der heißeste Tag des Jahres drei bis 3,5 Grad heißer. (AFP)