Sizilien
Katastrophe mit Ansage: Vor Erdrutschen waren Probleme bekannt
Der Albtraum im sizilianischen Niscemi scheint kein Ende zu finden: Seit mehreren Tagen rutscht die Erde unter der 25.000 Einwohner zählenden Stadt ab. Immer mehr Häuser drohen, in den Abgrund zu stürzen. Bislang sind 1.300 Bewohner obdachlos, ein Ende ist nicht abzusehen.
An die 1.500 Menschen mussten in Niscemi evakuiert werden Foto: AFP/Marco Bertorello
Der Beginn oder das Einsetzen der Katastrophe war lange Zeit schon vorhersehbar. Dringend erforderliche Maßnahmen wurden jedoch nicht ergriffen oder umgesetzt. Das jetzige Abrutschen hätte vermieden werden können. Erst am Samstag rutschte ein dreigeschossiges Haus in die Tiefe. Es stand unweit neben dem vom Erdrutsch halb verschütteten Auto, dessen Foto bereits zum Symbol der Katastrophe geworden war. Auch am Wochenende regnete es über der Stadt ununterbrochen, sodass auch mit weiteren Abbrüchen zu rechnen ist.
Doch das Unwettertief „Harry“ und die aktuellen Regenfälle sind nicht schuld am Abbrechen der Erdkante und dem Rutschen der Häuser. Die desolate Situation des Untergrunds der Stadt ist schon seit langem bekannt. Bereits 1790 verzeichneten Ortschronisten einen Erdrutsch, der Häuser zum Einsturz brachte. Mehrere solcher Ereignisse folgten, das letzte größere fand im November 1997 statt. Geologische Untersuchungen stellten fest, dass die Bodenschicht unter der Stadt aus pliozänen Tonen besteht. Diese mehr als fünf Millionen Jahre alten Sedimente absorbieren Wasser sehr langsam wie ein Schwamm, ohne es jedoch wieder abzugeben. Das gespeicherte Wasser verursacht von innen heraus einen Druck, bei dem der Boden nachgibt. Neuerliche Wasserzufuhr bedingt dann ein Einbrechen von Erdschichten, wie es aktuell zu beobachten ist.
Bereits seit dem letzten Erdrutsch in den neunziger Jahren drangen Experten darauf, Gegenmaßnahmen wie Drainagen zu ergreifen. Doch in der Praxis geschah nichts. „Man hätte längst reagieren müssen und können“, erklärt der Bürgermeister von Niscemi, Massimiliano Conti, „doch selbst die Gelder, die für die Beseitigung der Schäden des Erdrutsches von 1997 bereitgestellt wurden, erreichten uns erst 2025.“
Politiker lavieren, statt zu agieren
Ministerpräsidentin Giorgia Meloni hat das Unglück medienwirksam zur Chefsache gemacht. Mit einem Hubschrauber ließ sie sich über die Bruchkante fliegen und machte sich ein Bild von der Situation. Ein Bild, das inzwischen Millionen online über die Medien verfolgen können: Kaum eine Zeitung oder Fernsehstation verzichtet auf die Drohnenaufnahmen, die mitunter live zeigen, wie die Häuser mehr und mehr in den Abgrund bröckeln. Melonis Minister für Zivilschutz, Parteifreund Nello Musumeci, hat nicht etwa Sofortmaßnahmen angeordnet, sondern erst einmal eine Kommission ins Leben gerufen, die die geologischen Bedingungen vor Ort erkunden sollen. Von 2017 bis 2022 amtierte Musumeci als Regionalpräsident von Sizilien. Schon damals verwies der Politiker darauf, dass der Schutz Niscemis vor Naturereignissen Sache der Kommune sei. Eine Aussage, die bei Bürgermeister Conti nur ein Kopfschütteln hervorruft: „Wie können wir die Stadt vor den Erdrutschen schützen? Wir haben ja nicht einmal die Mittel, um dringende Reparaturen an der Infrastruktur zu leisten.“
Infrastrukturminister und Lega-Chef Matteo Salvini hingegen denkt in größeren Kategorien: „Wir müssen die epochalen Projekte angehen: die Hochgeschwindigkeitstrasse nach Frankreich, den Brennertunnel und die Brücke über den Stretto – eine Landverbindung vom Festland nach Sizilien.“ Bei der Bevölkerung der bedrohten Kleinstadt rufen solche Äußerungen nur Missfallen hervor. Allein die berühmte „Ponte sullo Stretto“ ist mit mehreren Milliarden Euro Baukosten veranschlagt – ein Bruchteil der Summe reichte aus, um Sicherungsmaßnahmen in Niscemi und an anderen Orten einzuleiten.
Nicht mehr in gefährdeten Regionen bauen
Kein Wunder, dass die Menschen ärgerlich auf die wenigen Vorschläge reagieren: „Unsere Häuser verlassen und in Containern wohnen wie die Leute nach dem Erdbeben von L’Aquila? Nein, danke“, so eine Anwohnerin, die unter Schutz der Feuerwehr einiges von Hab und Gut ihrer Wohnung rettet. „Ich habe jahrelang hart im Norden gearbeitet, um bin jetzt in die Heimat zurückzukommen, ich ziehe hier nicht weg“, erklärt Marco Sammartino Reportern der römischen Zeitung La Repubblica.
Die Verantwortlichen, so die einhellige Meinung, sollen für die Sicherheit der Stadt sorgen und Region und Staat dafür die Mittel bereitstellen. Und vor allem dafür sorgen, dass Bauvorschriften untersagen, in gefährdeten Regionen zu bauen – so in Niscemi, an den Vulkanrändern der Phlegräischen Felder in Neapel oder auch an den Steilhängen bei Genua, die regelmäßig von Sturzfluten überspült werden.