Analyse

Jagd auf Migranten in spanischer Kleinstadt: Die Lehren aus Torre Pacheco

Nach tagelangen Ausschreitungen hat sich die Lage in der spanischen Kleinstadt Torre Pacheco inzwischen beruhigt. Die Polizei patrouilliert in den Straßen, die Cafés sind geöffnet, die Kinder gehen wieder zur Schule. Doch der Schock sitzt immer noch tief – bei den Einheimischen wie bei den Zuwanderern.

„Nein zu Rassismus – Ja zum Zusammenleben – #Stopodio (#StopHass)“, steht auf den kleinen Plakaten, die Menschen während einer Kundgebung in Madrid gegen Rassismus nach den Ereignissen im Torre Pacheco hochhalten

„Nein zu Rassismus – Ja zum Zusammenleben – #Stopodio (#StopHass)“, steht auf den kleinen Plakaten, die Menschen während einer Kundgebung in Madrid gegen Rassismus nach den Ereignissen im Torre Pacheco hochhalten Foto: Ricardo Rubio/Europa Press/dpa

Die Jagd auf Migranten – deren Bilder nicht nur die spanische Öffentlichkeit aufschreckten – hat etwas sichtbar gemacht, das unter der Oberfläche vieler europäischer Gesellschaften schwelt: die gefährliche Wirkung von Angst, Verunsicherung und politischer Hetze.

Am Anfang stand eine brutale Prügelattacke auf einen spanischen Rentner: Der 68-Jährige wurde in Torre Pacheco von einem jungen Angreifer marokkanischer Herkunft attackiert – offenbar grundlos. Die Tat war schlimm, das Mitgefühl groß, die Empörung verständlich. Inzwischen weiß man, dass der mutmaßliche Täter nicht aus dem Ort stammte, in dem Einheimische und Einwanderer bisher friedlich zusammenlebten.

Doch statt erst einmal genau hinzuschauen und zu differenzieren, wurde die Tat sofort generalisiert und kollektiv einer ganzen Bevölkerungsgruppe zugeschrieben – wie so oft, wenn Emotionen hochkochen und willige politische Akteure bereitstehen.

Rechtsextreme Gruppen in Spanien riefen in sozialen Netzwerken zu Gewaltakten gegen Migranten auf. Innerhalb weniger Stunden wurden aus Worten Angriffe: mit Messern, Knüppeln und Eisenstangen. Ein Kebab-Restaurant wurde verwüstet, Autoscheiben gingen zu Bruch, Steine flogen auf Geschäfte von Migranten. Familien flohen in Panik oder schlossen sich in ihren Häusern ein, weil sie um ihr Leben fürchteten.

Man muss auch die aufwieglerischen Reden bekämpfen, die zu ihr führen. Und man muss deutlich machen, dass die Auseinandersetzung mit Hass nicht erst beginnen darf, wenn es brennt – sie ist dauerhafte Aufgabe der Demokratie.

Der Agrarort Torre Pacheco, auf dessen Feldern vor allem Melonen für Europas Supermärkte wachsen, war tagelang Spaniens Epizentrum rechtsextremer Gewalt. In der Kleinstadt mit 40.000 Einwohnern sind 30 Prozent der Bevölkerung Einwanderer, die meisten von ihnen arbeiten als Erntehelfer.

Spaniens Innenminister Fernando Grande-Marlaska beklagte zu Recht, dass mit gezielten Kampagnen in den sozialen Netzwerken die Stimmung gegen die ausländischen Bürger angeheizt worden sei. Die rechtspopulistische Partei Vox, Spaniens aufsteigende und inzwischen drittstärkste politische Kraft, nutzte die Gunst der Stunde: Vox-Politiker sprachen von „Straßen voller Krimineller“ und machten pauschal die Migranten zum Sündenbock.

Aussagen, die nach Angaben der spanischen Regierung nicht die Wirklichkeit widerspiegeln. Ein Zusammenhang zwischen Kriminalität und Immigration sei in Spanien nicht belegt, heißt es aus dem Innenministerium. Das gelte auch für die Migrantenstadt Torre Pacheco, in der die Ausländerquote doppelt so hoch ist wie im Landesdurchschnitt.

Nicht nur ein spanisches Problem

Zudem verweist die Regierung darauf, dass es zunehmend Immigranten sind, die mit ihrer Arbeitskraft Spaniens Wirtschaft am Laufen halten. Auch Millionen von Urlaubern, die jedes Jahr ins Land kommen, profitieren davon: Der Tourismusmotor, Spaniens wichtigster Wirtschaftszweig, würde ohne ausländische Arbeitskräfte gehörig ins Stottern kommen.

Torre Pacheco war bislang ein Ort des Miteinanders. Viele der Einwanderer, von denen mehr als die Hälfte aus Marokko stammen, leben seit Jahrzehnten dort, zahlen Steuern, schicken ihre Kinder zur Schule. Wie in vielen wirtschaftlich benachteiligten Regionen Spaniens gibt es natürlich auch im südlich gelegenen Torre Pacheco soziale Probleme – Schulabbrüche, niedrige Löhne, Armut, Arbeitslosigkeit. Diese Herausforderungen betreffen jedoch nicht nur Zugewanderte, sondern ebenso die einheimische Bevölkerung.

Die Eskalation in Torre Pacheco ist übrigens längst nicht nur ein spanisches Problem. Was sich dort entlud, spiegelt Entwicklungen in vielen Ländern: den Aufstieg rechter Bewegungen, die Verrohung politischer Sprache, das Ausnutzen von isolierten Fällen für kollektive Schuldzuschreibungen. Ob in Frankreich, Deutschland, Italien oder in den USA – überall wächst die Versuchung, komplexe gesellschaftliche Fragen mit einfachen Feindbildern zu beantworten.

Wenn man aus Torre Pacheco eine Lehre ziehen kann, dann diese: Es reicht nicht, Gewalt zu verurteilen. Man muss auch die aufwieglerischen Reden bekämpfen, die zu ihr führen. Und man muss deutlich machen, dass die Auseinandersetzung mit Hass nicht erst beginnen darf, wenn es brennt – sie ist dauerhafte Aufgabe der Demokratie.

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