Großbritannien

Immer mehr Tory-Politiker wechseln zu Farages Reform UK

Der britische Rechtspopulist Nigel Farage sammelt konservative Überläufer ein. Eine Neuausrichtung der Rechten in Großbritannien ist im Gang.

Suella Braverman umarmt Nigel Farage, Tory-Überläuferin zu Brexit-Populisten und Reform UK Chef.

Und noch eine Tory-Überläuferin: Die ehemalige britische Innenministerin Suella Braverman wirft sich in die Arme des Brexit-Populisten und Chefs von Reform UK, Nigel Farage Foto: Ben Stansall/AFP

Es werden immer mehr. Prominente konservative Politiker wandern zur rechtspopulistischen Reform UK ab, und Parteichef Nigel Farage („Mister Brexit“) darf sich die Hände reiben. War es vor zwei Wochen der ehemalige Kabinettsminister Nadhim Zahawi, der eine neue politische Heimat fand, so lief kurz darauf ein weiterer Grande der Konservativen Partei zum rechten Rivalen über: Robert Jenrick, der in der konservativen Vorgängerregierung zuletzt Einwanderungsminister war. Wenige Tage später folgte ihm der Tory-Abgeordnete Andrew Rosindell, und am Montag dieser Woche war es das Schwergewicht Suella Braverman, Ex-Kabinettsministerin und Galionsfigur der Parteirechten, die die Seite wechselte.

Immer mehr Torys erkennen die Zeichen der Zeit. Sie gehen davon aus, dass Nigel Farage der nächste Premierminister werden wird und verlassen das sinkende Schiff der Konservativen Partei. Der Exodus scheint nicht zu stoppen. Wer wird der oder die nächste sein?

Eine Neuausrichtung der Rechten in Großbritannien ist im Gang. Davon ist jedenfalls der Reform-Chef Nigel Farage überzeugt. Der 61-Jährige, der maßgeblich für den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union verantwortlich ist, feierte die Fahnenflucht von Braverman: „Sie kam zu der Meinung, dass die Mitte-rechts in der britischen Politik sich tatsächlich um Reform herum vereinen muss.“ Die Konservative Partei, so behauptet Farage immer wieder gern, sei tot und Reform UK werde die Torys als die eigentliche Opposition ersetzen. Reform stellt zwar nur acht Abgeordnete im Unterhaus, aber die Meinungsumfragen stützen den Optimismus von Farage: Reform liegt seit Mai letzten Jahres um die 30 Prozent, während die Torys bei zurzeit 17 Prozent dümpeln.

Wir sehen eine Flut von Tory-Politikern und Ex-Politikern, die zu Reform wechseln, weil sie wissen, dass die Konservative Partei ein sinkendes Schiff ist

Keir Starmer

britischer Premierminister

Überläufer müssen Abbitte leisten. Braverman, wie auch zuvor schon Robert Jenrick, konnte kein gutes Wort über die Konservative Partei verlieren, der sie immerhin 30 Jahre angehört hatte: Die sei nur noch konservativ „dem Namen nach“, tatsächlich aber von Zentristen übernommen worden. „Ich bin mit Stolz rechts“, erklärte Braverman, „aber die Rechte hat den Kampf um die Konservative Partei verloren.“ Und sie wiederholte das Matra, das zuvor schon Zahawi und Jenrick vorgetragen haben: Großbritannien sei „zerbrochen“, das Land liege am Boden, und nur Nigel Farage und Reform könnten es wieder richten. Was alle diese Überläufer versäumten zu erwähnen, ist: Sie selbst haben als ehemalige Mitglieder der konservativen Vorgängerregierung einen gehörigen Anteil an all den Defiziten, die sie beklagen.

Blanker Opportunismus

Der Regierungspartei Labour kommen die Querelen im konservativen Lager gerade recht. Man liegt in den Umfragen mit aktuell 21 Prozent hinter Reform zurück, aber sieht jetzt Chancen, dass sich die politischen Gegner in Grabenkämpfen aufreiben. Regierungschef Keir Starmer kommentierte den Exodus der Konservativen: „Wir sehen eine Flut von Tory-Politikern und Ex-Politikern, die zu Reform wechseln, weil sie wissen, dass die Konservative Partei ein sinkendes Schiff ist.“

Tatsächlich ist es für Nigel Farage nicht ungefährlich, hochrangige Konservative in seine Partei aufzunehmen. Seine Strategie war bisher: Er bietet sich und Reform UK als eine radikale Alternative zum Establishment an. Aber wenn jetzt reihenweise ehemalige Regierungsmitglieder, die verantwortlich für die von Farage angeprangerte Misere im Land sind, zu den Rechtspopulisten wechseln, sieht das wie blanker Opportunismus aus.

Die Daily Mail ist schon ganz besorgt. „Unsere Botschaft“, lautete eine Schlagzeile des rechtsgerichteten Massenblatts, „an Reform und die Torys: Hört auf, euch gegenseitig zu bekämpfen – und beendet den Labour-Albtraum.“ Man fürchtet, dass eine Spaltung im rechten Lager den Sozialdemokraten erlauben könnte, sich trotz derzeitiger mieser Umfragewerte zu behaupten. Man würde am liebsten einen Pakt zwischen den beiden Parteien sehen.

Appelle an Tory-Partei

Doch das wird immer unwahrscheinlicher. Zum einen hat die Kollegenschelte der Überläufer viel böses Blut geschaffen. Zum anderen ist es das erklärte Ziel von Nigel Farage, die Konservative Partei auszulöschen, das hat er seinen Parteifreunden immer wieder versprochen. Für ihn wäre der einzig akzeptable Pakt die völlige Übernahme der Torys.

Kein Wunder, dass die Briten sich jetzt fragen, ob sich die Konservative Partei gegen den Ansturm der Rechtspopulisten behaupten kann. Es gibt Zeichen der Hoffnung. Kemi Badenoch hat sich nach einem schwachen Start als Parteichefin seit dem Parteitag im Oktober letzten Jahres sukzessive besser in Szene setzen und Premierminister Keir Starmer im Unterhaus unter Druck setzen können. Ihre persönlichen Umfragewerte wie auch die ihrer Partei haben sich leicht erholt. Sie nutzt den Übertritt von Robert Jenrick und Suella Braverman, um zu verkünden, dass sie jetzt „den Müll aus der Konservativen Partei ausräumen“ werde.

Seriöse konservative Medien wie die Times oder die Financial Times beschwören sie in Leitartikeln, die Partei mitte-rechts aufzustellen, mit „Klarheit, Kohärenz und Kompetenz“ sich gegen rechtspopulistische Kulturkriege zu stemmen und aus den Torys wieder eine Partei des „gesunden Menschenverstandes“ zu machen, denn genau das, so die FT, brauche das Land. Ob das klappt? Die Probe aufs Exempel kommt schon bald. Im Mai stehen Kommunalwahlen sowie Wahlen zu den Regionalparlamenten in Wales und in Schottland an. Sie werden der Gradmesser dafür, wie der Kampf um die Zukunft der Rechten in der britischen Politik ausgehen wird.

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