Afghanistan
Fünf Jahre Taliban-Regierung: Väter kämpfen um Bildung ihrer Töchter
Fünf Jahre nach der erneuten Machtübernahme der Taliban im August 2021 ist Afghanistan das einzige Land der Welt, in dem Mädchen nach der Grundschule keine weiterführende Bildung erhalten dürfen.
Ein Vater unterrichtet seine Töchter in ihrer Wohnung in Kabul Foto: AFP
Wenn M. seine 13-jährige Tochter zu Hause verzweifelt sieht, geht er manchmal in ein anderes Zimmer. Er wolle nicht, dass sie ihn weinen sieht, sagt er. „Ich verstecke mich und heule“, berichtet der 32-jährige Logistik-Mitarbeiter im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP. Das Mädchen darf nicht mehr zur Schule. Wie viele afghanische Väter sucht M. verzweifelt nach Wegen, um seiner Tochter trotzdem den Zugang zur Bildung offenzuhalten.
Die Islamisten schlossen Mädchen 2022 von weiterführenden Schulen und später auch junge Frauen von Universitäten aus. Nach jüngsten Angaben der Unesco sind seit 2021 rund 2,4 Millionen Mädchen von weiterführender Bildung ausgeschlossen worden.
Die Taliban begründen das Verbot mit ihrer Auslegung des islamischen Rechts und bezeichnen es als vorübergehend. Auf Fragen von AFP zum Thema antwortet die Regierung nicht.
Viele afghanische Männer scheinen die Haltung ihrer Regierung jedoch nicht zu teilen. Laut einer UN-Umfrage aus dem Jahr 2025 halten 95 Prozent der Männer in Städten und 87 Prozent auf dem Land weiterführende Bildung für Mädchen für wichtig.
Unterricht kostet 130 Euro im Monat
So auch Mohammed, strenggläubiger Muslim, Arzt und Vater von zwei Töchtern. „Im Koran werden Sie nirgends finden, dass Bildung nur Männern vorbehalten ist“, sagt er. Seit vier Jahren versucht er, das Bildungsverbot zu umgehen. Eine Ausbildung im benachbarten Pakistan scheidet aus, seit den Kämpfen zwischen beiden Ländern ist die Grenze geschlossen. Privatunterricht ist zu teuer.
Schließlich fand Mohammed eine Privatschule, die neben religiösen Inhalten heimlich auch allgemeine Fächer unterrichtet. Rund 10.000 Afghani im Monat kostet der Unterricht für seine beiden Töchter, umgerechnet rund 130 Euro.
Ein Abschlusszeugnis gibt es nicht, bei Kontrollen drohen Konsequenzen. „Ich möchte nicht, dass die Polizei meine Töchter in Gewahrsam nimmt“, sagt Mohammed. Trotzdem schickt er sie hin. „Das Wichtigste ist, dass sie weiterlernen.“
Schulalltag zu Hause nachgebaut
Auch Ahmed, Ingenieur und Vater von vier Töchtern, sieht im eigenen Land nach eigener Aussage kaum noch Möglichkeiten. Seine Frau war Mathematiklehrerin an einer weiterführenden Schule und darf nicht mehr arbeiten. Das Paar beantragte Visa für Schweden, Dänemark, Deutschland und die USA – erfolglos. Eine heimliche Ausreise sei zu riskant, sagt Ahmed.
Seine älteste Tochter steht kurz vor dem Ende ihrer Grundschulzeit. Als sie sich vor Zwischenprüfungen einen Knochen brach und fürchtete, das Schuljahr wiederholen zu müssen, versuchte ihr Vater sie zu trösten: „Wenn du wiederholst, hast du die Chance, ein Jahr länger zur Schule zu gehen.“
Der Verwaltungsangestellte Nassir versucht dagegen, den Schulalltag zu Hause nachzubauen. In der Familienbibliothek, die der Stolz des dreifachen Familienvaters und seiner Frau ist, stehen neben gebrauchten Schulbüchern die Auszeichnungen seiner beiden Töchter aus der Grundschule. Die Eltern halten an festen Zeiten fest: früh ins Bett, morgens aufstehen, als müssten die Mädchen zur Schule. Inzwischen besuchen sie auch Kurse außerhalb des Hauses, illegal natürlich.
Keine Zukunft für die Töchter
Doch auch dieses Leben zehrt an der Familie. Seine jüngere Tochter sei deprimiert und finde manchmal nicht mehr die Kraft, alleine weiterzulernen, sagt Nassir. Um sie aufzumuntern, schenke er ihr Romane, weil sie so eine eifrige Leserin sei. „Wir verbringen schlaflose Nächte“, sagt der 47-Jährige.
Nassir blickt auf die Pokale seiner Töchter im Regal und fragt: „Wann kehren wir zu einem normalen Leben zurück?“
M., der Familienvater, der sich zum Weinen vor seiner Tochter versteckt, sieht auch positive Seiten an den Taliban-Herrschern. Sie bekämpften die Korruption, die Sicherheitslage habe sich verbessert, sagt er. Aber dafür, dass seine Tochter nicht mehr zur Schule darf, gebe es „keine Rechtfertigung“.
M. sagt, er habe zunächst die Auswanderung in den Iran geplant und schon daraufhin gespart. Dann brach dort der Krieg aus.
Schließlich meldete er seine Tochter in einer Koranschule an. So hat sie zumindest Kontakt zu Gleichaltrigen. Inzwischen wolle das Mädchen aber nicht mehr hingehen. Seine Tochter habe ihm gesagt: „Selbst wenn ich weitermache, gibt es keine Zukunft für mich.“ (AFP)