Sipri-Bericht
Friedensforscher warnen vor wachsender Bedeutung von Atomwaffen
Alle neun Atommächte setzten im vergangenen Jahr die Modernisierung und Ausweitung ihrer Atomwaffenarsenale fort. Abrüstungsverpflichtungen werden zunehmend außer Acht gelassen, warnt das Forschungsinstitut Sipri.
Archivfoto aus dem Jahr 2017, das eine mit Nuklearsprengköpfen bestückbare Interkontinentalrakete auf einer russischen Rüstungsmesse zeigt Foto: dpa
Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri warnt vor einer wachsenden Bedeutung von Atomwaffen in der internationalen Sicherheitspolitik. Staaten setzten Atomwaffen zunehmend als Instrumente nationaler Machtpolitik ein und machten damit jahrzehntelange Bemühungen um eine Verringerung der Zahl und der Rolle von Atomwaffen rückgängig, erklärte Sipri anlässlich der Veröffentlichung seines 57. Jahrbuchs am Montag.
Bereits im vergangenen Jahr hatte Sipri in seinem jährlichen Bericht vor einem „gefährlichen nuklearen Wettrüsten“ gewarnt. Der neue Bericht beschreibt nun eine weitere Zuspitzung dieser Entwicklung: Die neun Atommächte USA, Russland, Großbritannien, Frankreich, China, Indien, Pakistan, Nordkorea und Israel setzten demnach im vergangenen Jahr ihre Programme zur Modernisierung und Ausweitung ihrer Atomwaffenarsenale fort.
China könnte bald aufschließen
Die meisten von ihnen stationierten neue atomwaffenfähige oder nuklearbestückte Waffensysteme, hieß es in dem Bericht. Zwar ging die Gesamtzahl der Atomsprengköpfe weltweit nach Sipri-Schätzungen leicht zurück – von 12.241 Anfang 2025 auf 12.187 Anfang 2026. Dies liege aber allein daran, dass die USA und Russland weiterhin ausgemusterte Sprengköpfe demontieren. Bei den militärisch nutzbaren Sprengköpfen verzeichnete Sipri dagegen einen Anstieg von 9614 auf 9745. Etwa 4012 dieser Sprengköpfe waren demnach auf Raketen oder Stützpunkten mit einsatzbereiten Kräften stationiert – rund hundert mehr als im Vorjahr.
Zwischen 2100 und 2200 Sprengköpfe befanden sich laut Sipri in hoher Einsatzbereitschaft auf ballistischen Raketen. Fast alle gehörten Russland und den USA, in kleinerem Umfang verfügten auch Frankreich und Großbritannien über solche Sprengköpfe. Möglicherweise hätten inzwischen auch China und Indien begonnen, gelegentlich eine kleinere Zahl von Sprengköpfen auf Raketen zu platzieren.
Sipri-Direktor Karim Haggag warnte, eine stärkere Abhängigkeit nationaler Sicherheitsstrategien von Atomwaffen könne die nuklearen Risiken „erheblich erhöhen“. Die Gefahren erhöhten sich wegen technologischer Fortschritte, wegen des Zusammenbruchs der Rüstungskontrolle und wegen verschärfter geopolitischer Spannungen.
9745
militärisch nutzbare Atomsprengköpfe zählt das Friedensforschungsinstitut Sipri
Nach Einschätzung von Sipri könnte sich der seit Ende des Kalten Kriegs anhaltende Rückgang der weltweiten Atomwaffenbestände in den kommenden Jahren umkehren. Die Demontage ausgemusterter Sprengköpfe verlangsame sich, während neue Atomwaffen schneller stationiert würden. Sipri-Experte Hans Kristensen erklärte, die Atommächte ließen ihre Abrüstungsverpflichtungen zunehmend außer Acht und ließen stattdessen „ihre nuklearen Muskeln spielen“.
Die USA und Russland besitzen laut Sipri zusammen rund 83 Prozent aller militärisch nutzbaren Sprengköpfe. China baut sein Arsenal demnach schneller aus als jedes andere Land und verfügt inzwischen über rund 620 Sprengköpfe. Bis zum Ende des Jahrzehnts könnte China laut Sipri über mindestens so viele landgestützte Interkontinentalraketen verfügen wie Russland oder die USA.