Analyse von Joschka Fischer
Die USA in Europa: Wie Trump die EU zur Selbstverteidigung zwingt
Europa ohne die militärische und politische Präsenz der Vereinigten Staaten – wie wird dies werden? Präsident Donald Trump will und wird das nordatlantische Bündnis beenden, daran gibt es für mich keinen Zweifel.
US-Präsident Donald Trump (r.) schüttelt die Hand von NATO-Generalsekretär Mark Rutte während eines Treffens im Oval Office des Weißen Hauses Evan Vucci/AP/dpa
Offen ist allein das Wann der formellen Kündigung der amerikanischen NATO-Mitgliedschaft, nicht aber die Frage nach dem Ob. Bündnisse wie die NATO sterben nicht an einem einzigen Tag oder durch einen einzigen formellen Akt, sondern sie fallen mit dem schwindenden Vertrauen in die Zusagen, auf denen ein solches Bündnis ruht. Und genau dies ist seit einem Jahr in der zweiten Trump-Präsidentschaft im nordatlantischen Bündnis der Fall.
Über die Jahrzehnte des Kalten Krieges hinweg und auch in der Zeit danach war die Präsenz der USA in Europa das entscheidende Strukturelement für den Schutz und auch die innere Stabilität dieses nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und auch nach dem Ende des Kalten Krieges wiedererstandenen demokratischen Gesamteuropas, und das hieß auch der entstehenden EU.
Hinzu kommt die Tatsache, dass Trump und die ihn innenpolitisch tragende MAGA-Bewegung die EU regelrecht hassen und alles versuchen, um Europa in das Zeitalter des Nationalismus zurückzustoßen – eine für Europa im Erfolgsfalle absurd gefährliche, ja suizidale Vorstellung.
Die USA unter Trump werden sich aus Europa zurückziehen und damit die Europäer sich selbst überlassen, die somit fortan wieder allein sein werden und allein und selbst über ihr Schicksal zu entscheiden haben und selbst für ihre Sicherheit werden sorgen müssen.
Diese Feststellung klingt banal, ist dies aber im Lichte der europäischen Geschichte mitnichten. Denn seit dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg im Jahre 1917 auf der Seite Frankreichs und Großbritanniens war das Land für den europäischen Kontinent der entscheidende Sicherheits- und Stabilitätsgarant nach innen wie nach außen.
Der erneute militärische Rückzug der USA in die westliche Hemisphäre jenseits des Atlantiks nach Kriegsende und die Verweigerung des Beitritts zum damals gebildeten Völkerbund, der eine stabile europäische Friedenordnung garantieren sollte, ermöglichte es einem revanchelüsternen Deutschen Reich unter dem extremen Nationalismus Adolf Hitlers, den Zweiten Weltkrieg zu entfesseln.
Europa, wie wir es kennen und trotz aller Unzulänglichkeiten lieben, wäre ohne die dauerhafte Präsenz der USA und deren militärischen Schutz niemals Wirklichkeit geworden
Wäre die überlegene militärische und wirtschaftliche Macht der USA in Europa präsent geblieben, so hätte ein revanchelüsternes Deutschland keine Chance gehabt, und genau diese Konsequenz zogen die USA nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Sie blieben in Europa präsent. Das war nicht nur wegen der Bedrohung durch die Rote Armee, die damals in Berlin und in der Mitte Europas stand und in der Folge zum Kalten Krieg und der Spaltung Europas führen sollte, sondern die USA nahmen den europäischen Nachbarn der Deutschen auch die Angst vor einem Wiedererstarken Deutschlands und schufen so die Voraussetzungen für eine integrative europäische Friedenordnung namens Europäische Union, bis 1949 zuerst nur im westlichen Teil des Kontinents, ab 1989 dann auch im Osten, beginnend mit der durch die kurze Zeit später erfolgende Wiedervereinigung Deutschlands und dann durch die Osterweiterung von NATO und EU. Die deutsche Einheit war faktisch der erste Schritt zur Osterweiterung der NATO und ab 2004 dann zur großen Osterweiterung der EU. Europa, wie wir es kennen und trotz aller Unzulänglichkeiten lieben, wäre ohne die dauerhafte Präsenz der USA und deren militärischen Schutz niemals Wirklichkeit geworden. Was also wird die Zukunft für die Europäer bringen, allein mit sich selbst?
Wird Europa in Zukunft auch ohne die Präsenz der Supermacht USA zurechtkommen? Vor allem für Deutschland wirft der Rückzug Amerikas sehr komplizierte Fragen auf, denn die europäische Präsenz der Supermacht auf dem alten Kontinent balancierte auch die Furcht vor der Wiederkehr deutscher Macht und eines erneuten deutschen Hegemonialanspruchs in Europa aus. Verfügt die heute Deutschland regierende Generation über die notwendige historische Sensibilität, um Deutschlands neue Rolle gemeinsam mit Frankreich und anderen in der EU, trotz der schwierigen Geschichte Deutschlands, ausfüllen zu können, gerade im Zeitalter eines wiedererstehenden Nationalismus?
Deutschland und Frankreich als Führung?
Wer soll Europa zukünftig führen? Realistischerweise gibt es keine Alternative zu Deutschland und Frankreich, den beiden stärksten europäischen Mittelmächten. Diese beiden größten europäischen Nationalstaaten werden in die amerikanische Bresche springen müssen, gemeinsam mit anderen – Italien, Polen, Spanien, den Benelux-Ländern, den nordischen Staaten und in Fragen der militärischen Sicherheit auch Großbritannien. In der Vergangenheit war die Antwort auf die Frage nach der Führung recht einfach: Die Supermacht USA würde diese übernehmen und so die äußere wie innere Sicherheit auf dem alten Kontinent garantieren. Aber Trump hat diese für beide Seiten überaus erfolgreiche transatlantische Konstruktion in der Substanz beendet und wird dies auch formell noch tun.
Das Jahrzehnte währende US-amerikanische Protektorat ist unter Trump an sein Ende gekommen und wird nicht wiederkehren
Weiß Amerika, dass es damit den größten diplomatischen Erfolg seiner Geschichte insgesamt zerstören wird und dass es den transatlantischen Westen und sich selbst als Supermacht dabei enorm schwächen wird? Kann die Supermacht USA ohne schweren Schaden zu nehmen auf ihre strategische Gegenküste im Nordatlantik und auf das kulturell-geistige Erbe verzichten, das sie trotz aller demografischen Verschiebungen im Innern immer noch essentiell mit Europa verbindet?
Europa wird seinen eigenen Weg gehen und dafür Verantwortung übernehmen müssen. Das Jahrzehnte währende US-amerikanische Protektorat ist unter Trump an sein Ende gekommen und wird nicht wiederkehren. Das transatlantische Verhältnis, der Westen, wird nach einer Phase extremer Spannungen unter Trump neu definiert werden müssen, von beiden Seiten des Atlantiks. Denn gemeinsam sind wir allemal stärker in der neuen Weltordnung als getrennt.
* Joschka Fischer war von 1998 bis 2005 deutscher Außenminister und Vizekanzler. In den beinahe 20 Jahren seiner Führungstätigkeit bei den Grünen trug er dazu bei, aus der ehemaligen Protestpartei eine Regierungspartei zu machen.
Copyright: Project Syndicate, 2026.
www.project-syndicate.org