Australiens Internet-Wächterin

Die Frau, die das Silicon Valley das Fürchten lehrt

Von den einen als „Zensurkommissarin“ beschimpft, von den anderen als Pionierin des Jugendschutzes gefeiert: Julie Inman Grant leitet die weltweit erste staatliche Internet-Aufsichtsbehörde. Nun legt sich die Australierin mit dem US-Kongress an – und riskiert dabei ihre eigene Sicherheit.

Julie Inman Grant wird im US-Repräsentantenhaus vom Vorsitzenden des Justizausschusses befragt und unter Druck gesetzt

Julie Inman Grant wird vom Vorsitzenden des Justizausschusses im US-Repräsentantenhaus unter Druck gesetzt Foto: eSafety Commission

Julie Inman Grant ist es gewohnt, im Fadenkreuz zu stehen. Die 57-jährige Leiterin der australischen eSafety Commission hat sich bereits mit den mächtigsten Männern des Silicon Valley angelegt. Doch die neueste Front in ihrem Kampf für ein sichereres Internet verläuft nicht durch die Serverzentren der Tech-Giganten, sondern durch die Flure des US-Kapitols in Washington D.C.

Der republikanische Kongressabgeordnete Jim Jordan, Vorsitzender des Justizausschusses im US-Repräsentantenhaus, hat Inman Grant offiziell vorgeladen. Er bezeichnet sie als „bekannte Fanatikerin für globale Löschungen“ und als Feindin der amerikanischen Redefreiheit. Der Vorwurf: Die australische Beamtin würde versuchen, US-Unternehmen ihren Willen aufzuzwingen. Sollte sie der Vorladung zur Aussage nicht nachkommen, drohen ihr theoretisch Anklagen wegen Missachtung des Kongresses.

Eine „beispiellose“ Forderung

Inman Grant, die selbst die australische und die US-amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt, zeigt sich unbeeindruckt, aber vorsichtig. „Dies ist eine sehr beispiellose Forderung eines anderen Gesetzgebers, der versucht, eine hochrangige Beamtin einer anderen Regierung dazu zu zwingen, Rechenschaft über ihre Arbeit abzulegen“, sagte sie laut der Tageszeitung Sydney Morning Herald bei einer Senatsanhörung in Canberra letzte Woche. Sie hat inzwischen einen eigenen Anwalt eingeschaltet, um ihre Optionen zu prüfen.

Es ist der vorläufige Höhepunkt einer Eskalation, die im April 2024 begann. Damals wies Inman Grant Elon Musks Plattform X an, Videomaterial einer terroristischen Messerattacke in einer Kirche in Sydney weltweit zu löschen. Während Meta (Facebook/Instagram) kooperierte, weigerte sich Musk und bezeichnete Inman Grant vor seinen Millionen Followern als „Zensurkommissarin“.

Die Folge war eine beispiellose Welle von Online-Missbrauch. Laut einer Fallstudie der Columbia University wurde Inman Grant in fast 74.000 Posts auf X erwähnt – oft mit hasserfüllten Kommentaren wie „linke Barbie“ oder „Kapitän Tampon“. Gegenüber der BBC verglich sie Musks Verhalten mit der „Trillerpfeife eines sehr mächtigen Tech-Milliardärs“, der sein eigenes Megafon besitze. Zeitweise musste sie sogar ihre Bewegungsabläufe ändern und die Polizei einschalten.

Vom Silicon Valley zur „Jägerin“ der Plattformen

Dass ausgerechnet Inman Grant zur Nemesis der Tech-Konzerne wurde, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Die gebürtige US-Amerikanerin aus Seattle verbrachte Jahrzehnte in leitenden Positionen bei Microsoft, Adobe und sogar dem heutigen X (damals Twitter). „Ich habe versucht, die Dinge von innen heraus zu ändern“, erklärt sie ihren Wechsel auf die Regulierungsseite im Jahr 2017.

In Australien leitet sie nun ein „weltweites Testlabor“ für Online-Sicherheit. Ihr Arsenal ist mächtig: Sie kann schädliche Apps blockieren und Bußgelder in Millionenhöhe verhängen. Ihr jüngstes Projekt ist das weltweit erste Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 16 Jahren, das im Dezember 2025 in Kraft trat. Trotz eines chaotischen Starts, bei dem Teenager versuchten, die Sperren mit falschem Bart oder Make-up zu umgehen, zeigen erste Zahlen die Wucht der Maßnahme: Allein Meta deaktivierte in der ersten Woche über eine halbe Million Konten von Teenagern in Australien.

Ein globaler Konflikt um die „algorithmischen Rips“

Für Inman Grant geht es bei ihrem Streit mit dem US-Kongress um weit mehr als um verletzte Eitelkeiten. Sie sieht ihre Arbeit als notwendigen Schutzraum in einer digitalen Welt. „Genau wie bei der Wassersicherheit müssen wir unseren Kindern das Schwimmen beibringen“, sagt sie oft und zieht Vergleiche zu den tückischen Strömungen australischer Strände. „Wir müssen ihnen etwas über Risiken wie algorithmische Rips (Strömungen) beibringen.“ Unterstützung erhält sie von Australiens Premierminister Anthony Albanese, der Elon Musk als „arroganten Milliardär“ bezeichnete, der glaube, er stehe über dem Gesetz. „Social Media muss soziale Verantwortung übernehmen“, so Albanese.

Doch der Druck aus den USA wiegt schwer. Inman Grant gestand, dass sie sich unsicher sei, ob eine Rückkehr in ihr Geburtsland derzeit sicher wäre. Dennoch bleibt sie bei ihrer Linie: Sie exekutiere lediglich den Willen und die Gesetze des australischen Parlaments. Ob sie tatsächlich vor dem US-Kongress erscheinen wird, bleibt abzuwarten.

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