Deutschland
CDU vor SPD in Rheinland-Pfalz – Rekord für AfD
Wer stellt in Mainz den Ministerpräsidenten? Nach fast 35 Jahren verliert die SPD das Amt an die CDU. Die FDP und Freien Wähler fliegen aus Landtag. Auch die Linke schafft es nicht.
Anhänger der SPD reagieren bei der Prognose zum Ergebnis der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz Foto: dpa/Boris Roessler
Bei der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz ist die CDU klar stärkste Kraft geworden. Die Sozialdemokraten von Ministerpräsident Alexander Schweitzer erleiden nach Hochrechnungen von ARD und ZDF schwere Verluste und landen auf Platz zwei. Die AfD kann ihren Stimmenanteil im Vergleich zur letzten Wahl 2021 mehr als verdoppeln – es ist voraussichtlich ihr bestes Ergebnis in einem westdeutschen Bundesland.
Die Grünen verlieren leicht. Die Freien Wähler dürften den Wiedereinzug in den Landtag verpasst haben, die Linke muss ebenfalls bangen. Die FDP, bisher Teil der Ampel-Regierung im Land, fliegt klar aus dem Parlament.
Historisches Tief für SPD
Den Hochrechnungen (ca. 18.20 Uhr) zufolge steigt die CDU mit Spitzenkandidat Gordon Schnieder gegenüber der letzten Wahl 2021 auf 30,5 bis 30,6 Prozent (27,7 Prozent). Der 50-jährige Finanzwirt könnte nun nächster Ministerpräsident werden, nachdem seine Partei im Heimatland von Helmut Kohl fast 35 Jahre in der Opposition war.
Die SPD stürzt auf 26,5 bis 26,9 Prozent (2021: 35,7) – ein historisches Tief für die Traditionspartei bei Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz. Die AfD springt auf 20,0 (8,3) – ihr Rekordwert bei Landtagswahlen an Rhein und Mosel.
Die Grünen verlieren etwas auf 7,7 bis 8,3 Prozent der Stimmen (9,3). Die Freien Wähler erreichen nur 3,6 bis 3,9 Prozent (5,4), die noch nie im Mainzer Landtag vertretenen Linken 4,4 bis 4,5 Prozent (2,5). Beide Parteien dürften an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert sein. Die FDP liegt mit 2,0 bis 2,1 Prozent deutlich unter der Marke und muss den Landtag nach zehn Jahren verlassen – sie sitzt nun noch in sechs Bundesländern im Parlament und nur noch in Sachsen-Anhalt in der Regierung.
Zur Wahl aufgerufen waren knapp drei Millionen Bürger. Die Wahlbeteiligung lag den Hochrechnungen zufolge bei 65,5 bis 69,5 Prozent (2021: 64,3).
Aufholjagd der SPD reicht nicht
Seit zehn Jahren regiert eine Koalition aus SPD, Grünen und FDP das Land mit seinen gut vier Millionen Einwohnern. Über Monate hatte die CDU in Umfragen deutlich geführt, seit Jahresbeginn holte die SPD auf – aber am Ende nicht genug. Nun läuft alles auf eine große Koalition unter Schnieder hinaus, denn andere Bündnisse sind entweder rechnerisch oder – im Falle der AfD – politisch ausgeschlossen.
Schnieder führt die Landes-CDU als Partei- und Fraktionschef. Der Vater dreier Kinder punktete im ländlich geprägten Bundesland als bodenständiger Mann aus einem Dorf in der Vulkaneifel. Sein älterer Bruder Patrick (auch CDU) ist Bundesverkehrsminister.
Regierungschef Schweitzer stellte sich zum ersten Mal dem Wählervotum. Der 52-jährige Jurist hatte das Amt im Sommer 2024 von der populären Malu Dreyer übernommen, die über viele Jahre überdurchschnittliche Ergebnisse eingefahren hatte und aus gesundheitlichen Gründen abgetreten war. Die Wahlkampagne nannte er den Kampf seines Lebens. Schweitzer hat ausgeschlossen, als Minister in eine CDU-geführte Landesregierung einzutreten.
SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf, die Bundespartei trage einen Großteil der Verantwortung. Gefragt seien mehr Profil und Erkennbarkeit. „Wir müssen die Flucht nach vorne wagen.“
Für Schwarz-Rot im Bund wird es noch ungemütlicher
Mit dem Ergebnis hat die CDU zwei Wochen nach der knappen Niederlage in Baden-Württemberg den Start ins wichtige Wahljahr 2026 gerettet. Für die SPD ist die Niederlage nach knapp 35 Jahren Regierungszeit ein Fiasko. In der Bundespartei könnte das all jenen vom linken Flügel Auftrieb geben, die sich von den Vorsitzenden, Finanzminister Lars Klingbeil und Arbeitsministerin Bärbel Bas, einen konfrontativeren Kurs gegenüber dem Koalitionspartner Union wünschen.
In der Koalition dürfte es daher knirschen – ausgerechnet vor heiklen Beratungen über unumgängliche Sozialreformen bei Krankenversicherung, Pflege und Rente. CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann sagte: „Wir müssen anfangen zu sparen.“ Bis Jahresende wollen sich Union und SPD bei den Vorhaben einig werden. Dazwischen liegen im September Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, bei denen die AfD mit Abstand stärkste Kraft werden könnte.
AfD trotzt Affärenvorwürfen
In Rheinland-Pfalz dürfte sich die AfD wie schon in Baden-Württemberg als eigentlicher Wahlsieger feiern. Die Rechtspopulisten punkten trotz der Affäre um Vetternwirtschaft, bei der auch rheinland-pfälzische Abgeordnete Angehörige oder Freunde in den Büros anderer Abgeordneter untergebracht hatten. Parteichef Timo Chrupalla sagte: „Wir werden Schwarz-Rot auf die Finger klopfen.“
Wahlkampf kontrovers, aber sachlich
Der Wahlkampf verlief kontrovers, aber sachlich – beide Kontrahenten waren sich bewusst, je nach Wahlausgang mit der anderen Seite regieren zu müssen. Ein Thema war die Bildungspolitik. Die CDU warf der SPD vor, zu wenig gegen Gewalt an Schulen zu unternehmen und kein tragfähiges Konzept für die Schulentwicklung zu haben. Sie versprach, die von der SPD abgeschaffte unangekündigte Hausaufgabenkontrollen wieder zu erlauben.
Ein weiteres wichtiges Thema war der Klimaschutz. Schweitzer sagte, auch in der wirtschaftlichen Krise gebe es keinen Anlass für weniger Anstrengungen. Ein Ausbau erneuerbarer Energien sei nötig, um unabhängig von Öl, Gas und Kohle aus „irgendwelchen Schurkenstaaten“ zu werden.
CDU-Herausforderer Schnieder kritisierte dagegen, dass Rheinland-Pfalz schon 2040 die Klimaneutralität erreichen will – fünf Jahre früher als im Bund. Er sieht darin eine Belastung für Unternehmen und Gefahren für Arbeitsplätze.