Mit Chemikalien übergossen
Angriff auf einen Aktivisten erschüttert Indonesien
Ein Aktivist in Jakarta wird mit Chemikalien übergossen. Die grausame Tat ist mehr als ein Angriff auf einen einzelnen Menschen. Sie richtet sich gegen die indonesische Demokratie selbst – und wirkt wie ein Déjà-vu für alle, die Suhartos Diktatur noch kennen.
Im Kern steht die Frage, wohin sich Indonesien unter Präsident Prabowo Subianto entwickelt Foto: AFP/Yasuyoshi Chiba
Es ist kurz vor Mitternacht, als Andrie Yunus auf seinem Motorrad durch die Straßen Zentraljakartas fährt. Der 27-jährige Aktivist ist gerade von einem Podcast-Interview nach Hause unterwegs – das Thema: die wachsende Rolle des indonesischen Militärs im zivilen Leben. Dann, in Sekundenbruchteilen, ändert sich alles. Zwei Motorradfahrer kommen ihm entgegen, fahren zentimeternahe an ihm vorbei – und schütten Flüssigkeit auf ihn.
Was danach auf den Überwachungskameras zu sehen ist, hat sich in den sozialen Medien innerhalb von Stunden verbreitet: Yunus reißt sich schreiend vor Schmerz die Kleidung vom Leib, während verstörte Passanten auf der belebten Straße hilflos um ihn herumlaufen. Die Aufnahmen wurden von der indonesischen Polizei als authentisch verifiziert.
Yunus, Aktivist bei der Kommission für Verschwundene und Gewaltopfer (KontraS), liegt seither auf einer Isolationsstation eines Jakartaer Krankenhauses – mit Verbrennungen auf 24 Prozent seines Körpers und möglicherweise bleibenden Schäden an der Hornhaut seines rechten Auges.
Militärgeheimdienst im Visier
Vier Militäroffiziere wurden verhaftet, sie sollen dem Militärgeheimdienst BAIS angehören. Laut Polizei wurden 86 Kameras ausgewertet und mehr als 8.000 Bilder gesichert, die zeigen sollen, dass Yunus über eine Woche hinweg systematisch beschattet wurde – vom Nationaldenkmal bis nach Bogor, wo seine Eltern leben, sowie rund um seine Arbeitsorte. Die Ermittler gehen von weiteren Beteiligten aus.
Andreas Harsono von Human Rights Watch fordert daher eine unabhängige Untersuchung. Präsident Prabowo Subianto solle sich nicht allein auf militärinterne Ermittlungen verlassen, schreibt er in einer E-Mail, da der Geheimdienst involviert sein könnte. Menschenrechtsgruppen verlangen ein per Präsidialdekret eingesetztes Untersuchungsteam („Tim Pencari Fakta“), wie es in früheren Fällen politischer Gewalt eingesetzt wurde – 2004 im Fall des ermordeten Aktivisten Munir Said Thalib oder nach der Gewalt in Osttimor 1999. Auch er selbst mache sich Sorgen, gesteht Harsono. „Aber ich gebe nicht auf.“
Kein Zufall – ein Signal
Mehrere Hundert Organisationen und Einzelpersonen weltweit verurteilten den Angriff in einem offenen Brief und schrieben, die Attacke sei „geplant und koordiniert“ gewesen – und das zu einem Zeitpunkt, zu dem Indonesien den Vorsitz des UN-Menschenrechtsrats innehabe. Der Geschäftsführer von Amnesty International Indonesien, Usman Hamid, sprach von einer „feigen Tat“, die „nicht als gewöhnliche Straßenkriminalität abgetan“ werden dürfe. Vielmehr zielte sie darauf ab, einen Menschenrechtsverteidiger zum Schweigen zu bringen.
Yunus war kein Unbekannter. Ein Jahr vor dem Angriff hatte er eine nichtöffentliche Parlamentssitzung zu Militärreformen gestört und später vor dem Verfassungsgericht gegen das Gesetz ausgesagt. Zudem war er Teil einer Kommission, die Polizeigewalt während der Massenproteste im August 2024 dokumentierte – darunter unverhältnismäßige Gewalt, Massenverhaftungen und mutmaßliche Folter.
Das Gespenst der Neuen Ordnung
Ary Hermawan und Usman Hamid, Wissenschaftler der Universität Melbourne, sehen in dem Angriff mehr als eine Einzeltat. Der Säureangriff sei eine düstere Erinnerung daran, wie weit sich Indonesien von den Idealen der Reformasi entfernt habe – der demokratischen Reformbewegung nach dem Sturz Suhartos 1998. Der Angriff markiere eine alarmierende Zäsur: Er sei schockierend in seiner Dreistigkeit, mitten in der Nacht, im Herzen der Hauptstadt, vor mindestens 16 Überwachungskameras. Die Wahl des Ortes, so die Akademiker, lege nahe, dass er bewusst gewählt wurde, um eine „breitere, abschreckende Wirkung“ zu erzielen.
Der Kampf für Indonesiens Demokratie ist gerade um ein Vielfaches gefährlicher geworden
Usman Hamid,
Amnesty International Indonesien
Im Kern steht die Frage, wohin sich Indonesien unter Präsident Prabowo Subianto entwickelt. Seit seinem Amtsantritt 2024 stärkt er systematisch die Rolle des Militärs im zivilen Leben. Aktive Offiziere übernehmen Posten in staatlichen Unternehmen, die von der neuen Superholding Danantara kontrolliert werden, die direkt dem Präsidenten untersteht. Auch bei seinem Prestigeprojekt kostenloser Schulmahlzeiten spielt das Militär eine zentrale Rolle.
Hermawan und Hamid sehen darin Parallelen zu Suhartos „Neuer Ordnung“, unter der jede Opposition systematisch unterdrückt wurde. Prabowo, einst selbst General und Suhartos Schwiegersohn, bezeichnete Kritiker kurz nach dem Angriff als „unpatriotisch“ und verwies auf Geheimdienstberichte über sie. Da eine starke progressive Bewegung fehle, seien NGOs die wichtigste prodemokratische Kraft, schreiben die Wissenschaftler. Indem Prabowo sie diskreditiere, schaffe er einen ideologischen Rahmen, der staatliches Vorgehen gegen Kritiker erleichtere – ohne breite Gegenwehr in der Bevölkerung.
Ob der Angriff auf Yunus das Werk einzelner Akteure ist oder Ausdruck institutioneller Interessen, bleibt offen. „Der Kampf für Indonesiens Demokratie“, schreiben sie, „ist gerade um ein Vielfaches gefährlicher geworden“.