Großbritannien
Andy Burnham gewinnt in Makerfield triumphal und fordert Keir Starmer heraus
Zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum geht Großbritannien erneut einem Sommer politischer Instabilität entgegen. Mit überraschend klarem Ergebnis gewann am Donnerstag der bisherige Bürgermeister von Manchester, Andy Burnham, die Nachwahl im nordwestenglischen Makerfield. Damit kehrt ein erklärter Rivale von Labour-Premier Keir Starmer ins Unterhaus zurück.
Andy Burnham (M.) wird nun seinem Premierminister Keir Starmer das Amt streitig machen Foto: Oli Scarff/AFP
Schon kommende Woche dürfte der 56-Jährige ein Viertel der Regierungsfraktion hinter sich versammeln und damit einen Machtkampf auslösen. Der zutiefst unpopuläre Amtsinhaber gab sich am Freitag ungerührt: „Sollte es dazu kommen, werde ich antreten.“
Makerfield galt lange als sicheres Labour-Mandat, 2024 machten 45 Prozent der Wähler dort ihr Kreuzchen. Bei der Kommunalwahl vor sechs Wochen aber holte die nationalpopulistische Reform UK unter Nigel Farage mehr als 50 Prozent. Burnham kehrte diesmal das Ergebnis um und verbuchte 55 Prozent der abgegebenen Stimmen, verbesserte also Labours Stimmenanteil gegenüber der Unterhauswahl um zehn Prozent. Abgeschlagen mit 35 Prozent folgte der im Wahlkreis verwurzelte Reform-Kandidat.
Platz drei (7) ging an den am äußersten rechten Rand angesiedelten, von Elon Musk unterstützten Reform-Ableger Restore UK. Hingegen kamen die im Parlament vertretenen Oppositionsparteien Torys, Liberaldemokraten und Grüne gemeinsam auf gerade drei Prozent.
Makerfield war in den vergangenen Wochen zum Schauplatz eines beispiellosen Polit-Zirkus geworden, Labour und Reform mobilisierten alle Kräfte. Dementsprechend häufig wurden die rund 77.000 Wahlberechtigten von Wahlkämpfern angesprochen. Labour-Organisatoren brüsteten sich in der Auszählungsnacht damit, sie seien bei jedem Haushalt durchschnittlich achtmal vor der Tür gestanden. Kein Wunder, dass zuletzt Schilder an Haustüren auftauchten: „Keine politischen Besucher mehr, ich habe die Nase voll.“
„Vote Andy for us“
Immerhin sorgte der Burnham-Effekt für einen erfreulichen Anstieg der Beteiligung auf beinahe 59 Prozent, eine für Nachwahlen unerhörte Höchstmarke. „Das läuft allen historischen und nationalen Trends zuwider“, erläuterte der Politik-Professor John Curtice von der Glasgower Strathclyde-Universität, ein seit Jahrzehnten erfahrener Wahl-Guru, der BBC.
Burnhams Wahlkampf stand unter dem Slogan „Vote Andy for us“, wählt Andy für uns – der überall nur als Andy bekannte Bürgermeister sozusagen als Verkörperung des viel beschworenen Wir-Gefühls der Region. Der Gegner, die anderen, waren einerseits Reform und Restore UK. Mindestens ebenso sehr zielte der Slogan aber auf das ungeliebte London und die dort handelnden Akteure, allen voran Starmer.
Dies ist die letzte Chance für einen Wechsel, das haben mir Hunderte von Menschen gesagt. Eine zweite Chance gibt es nicht.
Andy Burnham
Labour-Politiker
In London hatten Getreue des Premierministers vorab gestreut, ein einfacher Sieg mit einigen Stimmen Vorsprung, wie ihn das Mehrheitswahlrecht ermöglicht, werde Burnham nicht reichen. Der Thronprätendent müsse mehr Stimmen auf sich vereinigen als Reform und Restore zusammen. Nachdem er diese Hürde elegant übersprungen hatte, ging der Gewählte sofort in die Offensive und wandte sich direkt an die eigene Partei: „Dies ist die letzte Chance für einen Wechsel, das haben mir Hunderte von Menschen gesagt. Eine zweite Chance gibt es nicht.“
Wechsel, Change – das war der Slogan, mit dem Labour unter Starmer vor nicht einmal zwei Jahren die Unterhauswahl mit einem Erdrutschsieg für sich entschieden hatte. Mittlerweile liegt die alte Arbeiterpartei landesweit in allen Umfragen deutlich hinter Reform, musste bei den Regional- und Kommunalwahlen im vergangenen Monat verheerende Niederlagen einstecken. Der Premierminister gilt als entscheidungsschwach und wankelmütig, rund ein Viertel der Unterhausfraktion haben ihm öffentlich die Gefolgschaft aufgekündigt. Burnham ließ keinen Zweifel daran, dass er die Nachfolge antreten möchte.
Entscheidung im Herbst
Der Noch-Parteichef Starmer gratulierte dem Rivalen zum Sieg, bedankte sich bei allen Wahlkämpfern und appellierte an die Solidarität: „Wir sollten unsere Partei und unsere Bewegung nicht auseinanderreißen.“ Schließlich seien interne Querelen der Ruin der Konservativen gewesen. Ausdrücklich verwies er auch auf die Ende Juli anstehende Nachwahl um den verwaisten Bürgermeister-Posten von Manchester; sowohl Reform wie die Grünen rechnen sich dort gegen einen Labour-Neuling gute Chancen aus.
Alle Appelle aber dürften Starmer nichts nutzen. Im Burnham-Lager setzt man darauf, der politisch angeschlagene, nach dem Mai-Desaster als Wahl-Verlierer abgestempelte 63-Jährige werde doch noch freiwillig die Segel streichen. Andernfalls dürften die Stimmen lauter werden, die zum ersten Mal in der Parteigeschichte einen amtierenden Premierminister stürzen wollen – anders als die Torys hat damit Labour keine Erfahrung. Viel spricht dafür, dass dem Königreich im Herbst der sechste Regierungschef seit David Camerons Rücktritt im Gefolge der Brexit-Entscheidung 2016 ins Haus steht.
