Ukraine
Ärger wegen Entlassung des Verteidigungsministers
Mitten im russischen Angriffskrieg hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erneut seine Regierung umgebildet – und damit viele Menschen in seinem Land vor den Kopf gestoßen.
Er kennt sich aus, wenn es um den Drohnenkrieg geht: Ukraines Verteidigungsminister Mychailo Fedorow Foto: Roman Pilipey/AFP
Insbesondere gegen den Rücktritt des beliebten Verteidigungsministers Mychailo Fedorow gab es am Donnerstag Proteste. Derweil bestätigte das Parlament den bisherigen Chef des staatlichen Energieversorgers Naftogaz, Serhij Korezky, als Nachfolger der nach nur kurzer Amtszeit entlassenen Regierungschefin Julia Swyrydenko.
Bereits früher hatte Selenskyj groß angelegte Kabinettsumbildungen vorgenommen. Im Zuge dessen waren bereits mehrfach Minister ausgetauscht worden. Den erneuten Kabinettsumbau hat er bislang nicht ausführlicher begründet. Bei der Bekanntgabe des Schritts führte er lediglich „neue Herausforderungen und neue Aufgaben“ an.
Nach Swyrydenkos Entlassung hatte auch Fedorow zwangsläufig seinen Rücktritt erklärt. „Es war eine große Ehre, dem ukrainischen Volk als Verteidigungsminister zu dienen“, erklärte er am Mittwochabend im Onlinedienst Telegram. Ukrainischen Medienberichten zufolge könnte er durch den derzeitigen Innenminister Ihor Klymenko ersetzt werden.
Auch wenn die jüngste Umbildung noch nicht endgültig ist, hat allein die Wahrscheinlichkeit von Fedorows Absetzung heftige Proteste ausgelöst. Für viele Ukrainer verkörpert der jüngste Verteidigungsminister, den das Land je hatte, einen echten Neuanfang – während sich die Armee mit dem Vorwurf konfrontiert sieht, durch Korruption und Bürokratie gelähmt zu sein.
Aus Protest gegen Fedorows Rücktritt versammelten sich allein in Kiew Hunderte Demonstranten. Die Demonstrierenden skandierten Rufe wie „Schande“ und „Bring Fedorow zurück“, viele schwenkten die Flaggen der EU und der Ukraine. Auch in anderen Orten des Landes gingen örtlichen Medien zufolge die Menschen auf die Straße, darunter Odessa, Charkiw, Dnipro und Lwiw.
„Fedorows Ziel ist es, dass die Menschen weniger kämpfen und die Drohnen mehr. Und das hat er bewiesen – nicht mit Worten, sondern mit Taten“, begründete die Demonstrantin Margarita Gretschko gegenüber AFP ihre Unterstützung für den Ex-Minister.
Wut gegen Armeechef
Fedorow war bei seiner Ernennung 25 Jahre alt. Er hatte die Leitung des Ministeriums mit dem Auftrag übernommen, der ukrainischen Kriegsmaschinerie nach vier Jahren Krieg frischen Wind zu verleihen. Auch machte er sich frühzeitig für den Einsatz von Drohnen stark, die mittlerweile für die Ukraine unverzichtbar geworden sind.
Gretschko war schon vor einem Jahr bei Demonstrationen nach der Aufdeckung eines groß angelegten Korruptionsskandals dabei, in den auch Selenskyjs Umfeld verwickelt war. „Fedorow hat Korruption und Veruntreuungen aufgedeckt und begonnen, dagegen vorzugehen“, sagte die 27-Jährige nun. „Er hat alles richtig gemacht, warum wurde er dann entlassen?“
Die Wut der Demonstranten richtet sich auch gegen Armeechef Oleksander Syrsky – dessen Konflikt mit Fedorow ukrainischen Medien zufolge Auslöser für dessen Entlassung war. „Er ist ein Schlächter“, sagte Margarita Gretschko über Syrsky. Er führe „Kanonenfutter-Angriffe“ aus, „bei denen unsere Leute einfach so sterben“.
Auch Fedorow selbst griff Syrsky am Donnerstag direkt an. Vor Journalisten in Kiew nannte er als Grund für seine Entlassung einen Streit mit dem Armeechef, dem er vorwarf, das vom Krieg zerrüttete Land „zu spalten“.