Österreich
Gedenkstein des Anstoßes: Widerstand gegen „Neutralisierung“ des Hitler-Geburtshauses
Die Neugestaltung des Geburtshauses von Adolf Hitler in Braunau stößt auf massiven Widerstand: Der jetzt vor dem Gebäude stehende Gedenkstein soll entfernt werden.
„Komischer Nachgeschmack“: So soll Hitlers Geburtshaus nach der Neugestaltung aussehen Foto: AFP/Joe Klamar
Nach jahrelangen Diskussionen und ebenso langem Ringen mit der inzwischen enteigneten Besitzerin liegt nun das Konzept für den Umbau des Hauses an der Adresse „Salzburger Vorstadt 15“ vor. Das Vorarlberger Architektenbüro Marte.Marte hat sich in einem internationalen Wettbewerb mit seinem Entwurf durchgesetzt. Die sanfte Umgestaltung des im 17. Jahrhundert errichteten Biedermeierhauses hat auch die strengen Denkmalschützer überzeugt.
Weniger überzeugt sind dagegen Institutionen, die sich für das Wachhalten der Erinnerung an das Nazi-Regime engagieren. Denn dem zuständigen Innenministerium geht es um „eine Neutralisierung des gesamten Ortes“, wie es der hochrangige Beamte Hermann Feiner bei der Präsentation des Projektes formulierte. Eine interdisziplinäre Kommission habe, so Feiner, eine zeitgenössische Kommentierung untersagt. Deshalb soll auch der jetzt vor dem Haus stehende Granitblock mit der Inschrift „Für Frieden, Freiheit und Demokratie – Nie wieder Faschismus – Millionen Tote mahnen“ entfernt werden. Der Gedenkstein soll ins Wiener „Haus der Geschichte“ kommen, wo ab Juli auch jener Datenstick ausgestellt wird, auf dem das Ibiza-Video abgespeichert war.
Inschrift gegen Faschismus soll weg
Die Daten auf dem Stick wurden vorher gelöscht. Und irgendwie soll das auch mit dem Hitler-Geburtshaus geschehen. Nichts soll mehr an den Mann erinnern, der dort am 20. April 1889 das Licht der von ihm ins Verderben gestürzten Welt erblickt hat. Hatte die mit 812.000 Euro entschädigte Ex-Besitzerin früher die Anbringung einer Gedenktafel direkt am Haus untersagt, so soll es künftig nicht einmal mehr den erst 1989 von der Stadt Braunau platzierten Gedenkstein geben.
Ein Motiv für die Dekonstruktion des historischen Bezuges mag einleuchtend sein: Das Haus soll keine Pilgerstätte mehr sein für alte und neue Nazis, die hier gern am 20. April Geburtstag feiern. In dieser Hinsicht hat auch die künftige Nutzung des Gebäudes einen praktischen Wert: Wer hier mit Hitler-Gruß oder Heil-Geschrei gegen das Nazi-Verbotsgesetz verstoßen möchte, tut dies ab 2023 direkt unter den Augen der Polizei. Denn ins Hitler-Geburtshaus wird das Bezirkspolizeikommando einziehen, was Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) als Ausdruck „unserer historischen Verantwortung“ preist. Die Polizei in diesem Haus sei eine „Antithese zu all dem, wofür Hitler stand: ein Ort, an dem Demokratie und Menschenrechte verteidigt werden, ein Ort, der Sicherheit vor Verfolgung bietet und einen Blick nach vorne in Frieden und Freiheit ermöglicht“.
„Keine brillante Idee“, sagt Guy Dockendorf
„Ich finde die Idee nicht brillant“, sagt dagegen der Präsident des Internationalen Mauthausen Komitees (IMK), Guy Dockendorf. Man dürfe „nicht außer Acht lassen, dass Menschen eventuell sagen, wenn im Hitler-Geburtshaus eine Polizeidienststelle entsteht, hat das einen komischen Nachgeschmack“. Der frühere Generaldirektor des Luxemburger Kulturministeriums verweist darauf, dass „momentan in Deutschland in Polizeikrisen rechtsextreme Ideen zirkulieren und in den USA die Polizei nicht gerade bürgerfreundlich unterwegs ist“.
Nach dem Umbau soll die Polizei einziehen Foto: Thomas Ledl/Wikipedia
Erst am Donnerstag waren in Wien bei einer „#BlackLivesMatter"-Kundgebung zum Gedenken an den in Minneapolis von einem Polizisten getöteten Afroamerikaner George Floyd auch polizeiliche Übergriffe in Österreich thematisiert worden.
Dass die Polizei in Braunau umzieht, ist allerdings nicht der größte Stein des Anstoßes. Es ist vor allem die Ausblendung der Geschichte, die Widerstand provoziert und für die der zur Entsorgung ins Museum anstehende Gedenkstein das Symbol ist. „Die geplante Neugestaltung des Hitler-Geburtshauses orientiert sich an der Devise 'Verdrängung statt Auseinandersetzung'“, kritisiert Willy Mernyi, Vorsitzender des Mauthausen Komitee Österreich (MKÖ).
Offenbar will man die Welt vergessen lassen, dass der schlimmste Massenmörder der Geschichte in Braunau geboren wurde
Willy Mernyi,
Vorsitzender des Mauthausen Komitee Österreich
„Offenbar will man die Welt vergessen lassen, dass der schlimmste Massenmörder der Geschichte in Braunau geboren wurde“, so der sozialdemokratische Gewerkschafter. „Anstelle des krampfhaften Versuchs, die historischen Tatsachen zu ‚neutralisieren‘, sollte gedenkpolitisch offensiv vorgegangen werden“, fordert Robert Eiter vom oberösterreichischen Netzwerk gegen Rassismus und Rechtsextremismus. Ein solches offensives Konzept gebe es schon. Der Politologe Andreas Maislinger schlug ein „Haus der Verantwortung“ vor – eine internationale Begegnungsstätte für Jugendliche, die in Braunau mit den Prinzipien von Freiheit, Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit vertraut gemacht werden sollten.
Gegen ein solches „edukatives Projekt“ hatte sich allerdings schon 2016 eine Kommission ausgesprochen, der auch jüdische Vertreter angehörten: Dies führe „zu einer weiteren Assoziierung des Ortes mit der Person Hitlers“. Die Nutzung müsse „daher darauf gerichtet sein, die Symbolik des Ortes zu durchbrechen, indem ein gegenteiliges Zeichen gesetzt wird“.
Neuer Stein, neue Inschrift
Ein solches Zeichen hätte nicht unbedingt eine Polizeidienstelle sein müssen. Schon von 1977 bis 2011 beherbergte das Haus in der Salzburger Vorstadt 15 eine Behindertenwerkstatt, die jedoch auszog, weil die alten Gemäuer den barrierefreien Anforderungen nicht mehr genügten. Der frühere Landeshauptmann Josef Pühringer (ÖVP) präferierte die Rückkehr dieser Werkstatt als „eine Art ‚Antithese zum Nationalsozialismus‘, da es ‚unwertes Leben‘“ nicht gebe. Doch die Begeisterung hielt sich auch unter den Behinderten in Grenzen: „Es kann und darf niemand gezwungen werden, in diesem Haus leben und/oder arbeiten zu müssen“, argumentierte etwa Marianne Karner vom Verein Bizeps.
Totale Neutralisierung: Mit dem Umbau des Hitler-Geburtshauses in Braunau soll auch der Gedenkstein entsorgt werden Foto: Thomas Ledl/Wikipedia
An den Plänen für die Polizeistation wird sich wohl nichts mehr ändern. Doch dass die neue Fassade kein brauner Fleck stören soll, will das Mauthausen Komitee nicht hinnehmen. „Wenn der Gedenkstein entfernt wird, müsste zumindest ein neuer Gedenkstein oder eine Plakette an das Haus kommen“, fordert Guy Dockendorf. Und auf dem neuen Gedenkstein sollte auch Tacheles geredet werden, findet der IMK-Präsident, dem die gegenwärtige Inschrift als „Allerweltsspruch, der irgendwo stehen könnte“ ohnehin zu wenig deutlich ist. „Ich störe mich immer wieder an dieser Taktik, die über 50 oder 60 Jahre in Österreich vorgeherrscht hat, dass man probiert, alle Spuren zu verwischen“, fordert der Luxemburger Guy Dockendorf, dessen Vater Metty drei österreichische KZ – Mauthausen, Melk und Ebensee – überlebt hat, im Tageblatt-Gespräch.