Luxemburg

Wie es mit den Kleidergeschäften weitergeht – Gespräch mit Jean-Paul Herber von der „Fédération de la mode“

Ein Wirtschaftsbereich, der von der Corona-Krise und dem damit einhergehenden Stillstand voll getroffen wurde, sind Kleidergeschäfte. Die Situation verschafft den Unternehmern eine ganze Reihe sektorspezifischer Probleme. Sie hoffen auf neue Hilfen und ein baldiges Wiederöffnen der Läden.

Von einer Braderie können Kleidergeschäfte derzeit wohl nur träumen. Die neue Regel in den Geschäften könnte künftig lauten: ein Kunde pro 20 m2 – wobei eine Mutter mit Kind etwa als ein Kunde zählen soll.

Von einer Braderie können Kleidergeschäfte derzeit wohl nur träumen. Die neue Regel in den Geschäften könnte künftig lauten: ein Kunde pro 20 m2 – wobei eine Mutter mit Kind etwa als ein Kunde zählen soll. Foto: Editpress/Isabella Finzi

Seit dem 15. März sind Luxemburgs Kleidergeschäfte geschlossen. Wann sie ihre Türen wieder für ihre Kunden öffnen dürfen, ist noch nicht entschieden. Würde es nach den Wünschen von Jean-Paul Herber, Vizepräsident der FEMO („Fédération de la mode“; Teil der „Confédération luxembourgeoise du commerce“, CLC), gehen, dann wäre der 4. Mai oder zumindest der 11. Mai das Stichdatum. Doch noch gibt es keine Entscheidung. „Die steht noch in den Sternen”, sagt Herber gegenüber dem Tageblatt.

„Vielen Betrieben steht das Wasser bis zum Hals“, so der FEMO-Vizepräsident weiter. Der Sektor habe seine ganz eigenen Schwierigkeiten. Man backe kein Brot für den kommenden Tag, sondern müsse die Waren im Vorfeld einkaufen. Dabei stehe nun schon fest, dass das Frühjahr für das Textilgeschäft schon fast bereits gelaufen sei: „Normalerweise kaufen die Leute viel für die Feste, für Ostern“, so der Geschäftsmann. „Doch jetzt gibt es keinen Bedarf für die Waren, die wir auf Lager haben. Shopping als Freizeitbeschäftigung ist aktuell nicht angesagt.”

„Situation spitzt sich zu“

Für einen großen Teil der im Lager liegenden Waren sei die Zeit bereits abgelaufen. „Doch was tun? Unter Wert verkaufen? Auch das Lagern kostet Geld. Viele werden derzeit richtig nervös. Zwei Monate ohne Einnahmen. Sie sind wie gelähmt“, so Herber. „Sie können nichts tun. Nur warten auf eine Entscheidung der Regierung. Die Situation spitzt sich zu.”

Eine überstürzte Öffnung der Geschäfte fordert die FEMO jedoch nicht. Ein Exit müsse mit Vorsicht geplant werden, unterstreicht Herber. „Wir können erst öffnen, wenn der Zeitpunkt richtig ist.” Eine zweite Corona-Welle müsse verhindert werden. Mit Spannung erwartet der FEMO-Vizepräsident in einer Woche die Zahlen aus Deutschland. Dort sind die meisten Geschäfte bereits wieder offen. „Doch die Folgen sind noch ungewiss.”

Klar sei aber eines: „Nach einer ersten sanitären Phase gehen wir nun in eine zweite über. Wir müssen alle lernen, mit dem Virus zu leben: Hände waschen, Abstand halten …“ Diese Phase werde noch lange dauern, davon ist Herber überzeugt. Mit einem Medikament werde ja frühstens im Herbst und mit einer Impfung erst im Jahr 2021 gerechnet.

Die Krise nach der Krise

Die meisten Geschäfte seien mittlerweile auf das neue sanitäre Umfeld vorbereitet, erklärt Herber. Mit Mittelstandsminister Lex Delles hat er Ende vergangener Woche über mögliche Wege geredet. Der Geschäftsmann geht davon aus, dass die Regel künftig ein Kunde pro 20 m2 lauten wird. In ein Geschäft von 100 m2 dürften dann fünf Kunden gleichzeitig rein – wobei etwa eine Mutter mit Kind als ein Kunde zählt. „Wir sind bereit. Der Kunde braucht nicht verunsichert zu sein.”

Doch auch mit der Wiederöffnung der Geschäfte werden die krisenbedingten Schwierigkeiten der Branche nicht gelöst sein, so der Geschäftsführer von Mode Hoffmann Thill. „So, wie es war, geht es nicht weiter. Das wird wohl noch ein ganzes Jahr dauern. Die Einnahmen werden auch weiter niedriger bleiben.” Er rechnet mit Umsatzeinbußen von 30-40% in der Branche. Gleichzeitig müssten jedoch all die Rechnungen und Abgaben bezahlt werden, die nun verschoben werden. „Auch die Hilfen, die zum größten Teil Kredite sind, müssen irgendwann zurückbezahlt werden.“

Eine weitere Schwierigkeit sei bereits absehbar: „Sobald wir wieder öffnen, werden die Zulieferer die Waren liefern, die wir zum 15. März bestellt hatten. Derzeit liegen die Waren bei den Zulieferern. Wir können nichts zurückgeben. Braderie gibt es auch keine. Vor allem für Familienbetriebe wird die Lage schwierig bleiben“, sagt er. „Die aktuelle Situation darf nicht länger als zwei Monate dauern.” Der Textilhandel habe es bereits in den letzten Jahren schwer gehabt.

Neue Hilfe in Sicht

Zwei Monate müssten die meisten Betriebe (mit Reserven und Hilfen) überstehen können, glaubt Herber. „Vorausgesetzt, die Kunden bleiben uns treu.” Doch: „Wer zu knapp gewirtschaftet hat und keine Reserven hat, dem reichen auch die Hilfen wohl nicht zum Überleben. Die, die bereits vorher fast ausgeblutet waren, werden wohl als Erste wegfallen.“ Auch für die, die Neueröffnungen gewagt haben, werde es schwierig. Langfristig rechnet Herber damit, dass 10 bis 15 Prozent der Geschäfte verschwinden könnten.

Eine beruhigende Wirkung soll indes das Gespräch mit Mittelstandsminister Lex Delles gehabt haben. Während die bisher angekündigten Hilfen über 5.000 oder 12.000 Euro „nur das Notwendigste abdecken“, zeigte der Minister wohl Verständnis für die sektorspezifischen Probleme der Branche.

Die Regierung arbeite derzeit an einer neuen Hilfe, so Jean-Paul Herber. Sie sei bereit, den Geschäften ein Darlehen (mit Staatsgarantie) von bis zu 800.000 Euro zur Finanzierung der Stocks (maximal 50 Prozent) zu gewähren. „Das wird vielen helfen, die schwere Zeit zu überbrücken“, so Herber. Der Einkauf mache den größten Teil der Kosten aus. „Die Regierung will, dass ein Maximum an Geschäften überlebt.” 

Der Stillstand versetzt den Kleidergeschäften einen schweren Schlag. Doch wer gut aufgestellt ist, wird es schaffen.

Jean-Paul Herber

Vizepräsident der „Fédération de la mode“

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