Corona

Wie die Regierung Menschen en masse testen will

Tests spielen in der Strategie der Regierung seit dem Beginn der Corona-Pandemie eine wichtige Rolle. Jetzt sollen sie auch dazu beitragen, aus dem Lockdown heraus und zurück zu einer Art Normalität zu finden.

Gesundheitsministerin Paulette Lenert

Gesundheitsministerin Paulette Lenert Foto: Julien Garroy/Editpress

Es war nie die Absicht der Regierung, Luxemburg zu dem Land zu machen, in dem am meisten getestet wird. Und doch liegt das Großherzogtum in der OECD nur noch hinter Island zurück. „Wir sind überzeugt davon, dass das Testen das beste Mittel ist, um in dieser Situation Fortschritte zu machen“, sagte Gesundheitsministerin Paulette Lenert am Freitagmittag bei einer Pressekonferenz. „Testen ist fast das Einzige, was im Kampf gegen dieses Virus effizient ist“, so Lenert weiter. Tests erlauben es, Infektionen möglichst früh zu erkennen und die infizierten Personen zu isolieren. So wird dem Virus die Möglichkeit genommen, sich weiter auszubreiten – die Infektionskette wird gebrochen.

Anfangs waren die Tests eher reaktiv, wie Gesundheitsministerin Paulette Lenert berichtet. Getestet wurden vor allem Menschen mit Symptomen. Diese reaktive Herangehensweise sei dem Umstand geschuldet gewesen, dass es nicht genügend Testkapazitäten für das neue Virus gegeben hat. Später haben die Behörden angefangen, auch proaktiv zu testen. Es wurde zum Beispiel das Umfeld von erkrankten Personen untersucht.

Tests sollen jetzt den Weg ebnen, um aus dem Pandemie-bedingten Lockdown wieder heraus- und zu einer Art Normalität, so wie sie vor dem Ausbruch war, zurückzufinden. Zu diesem Zweck organisiert die Regierung bald ein „Large Scale Testing“ – einen Test im ganz großen Umfang. Eine medizinische Mammut-Aktion.

Einladung zum Test

Eine unter Einheimischen und Grenzgängern nach Stichproben-Prinzip ausgewählte Person erhält eine Einladung. Die Teilnahme an den Tests ist freiwillig, aber nur mit einer solchen Einladung möglich. Die Tests beginnen planungsgemäß am 27. Mai und enden voraussichtlich am 28. Juli. Um die Tests durchzuführen, werden durchs Land verteilt maximal 17 Drive-Through-Teststationen (für Autos) und zwei Walk&Bike-Teststationen (für Fußgänger und Räder) aufgebaut. Die Behörden rechnen damit, dass gegen Ende der Tests die Kapazitäten so weit ausgebaut sind, dass 20.000 Tests pro Tag durchgeführt werden können.

Nach Auskunft der Regierung erhalten die Testpersonen ihr Ergebnis innerhalb von zwei Tagen per SMS. Wenn das Testergebnis positiv ist, werde die Person persönlich von den Gesundheitsbehörden kontaktiert und gebeten, zwei Wochen in Isolation zu Hause zu verbringen. Wenn das Testergebnis negativ ist, soll die Person weiterhin die üblichen Gesundheitsregeln einhalten und kann an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, so die Regierung.

„Wenn wir das Virus auf diese Weise permanent im Auge behalten und kontrollieren, können wir freier und normaler leben“, sagte Bildungsminister Claude Meisch. Er rief alle, die eine Einladung erhalten, dazu auf, dieser nachzukommen. Zum einen sei es eine wertvolle Information, zu wissen, ob man erkrankt ist, um sein nahes Umfeld, Familie und Arbeitskollegen zu schützen. Meisch appellierte aber auch an die „kollektive Verantwortung“ der Menschen. Die Tests ermöglichten es, zu verstehen, wie sich das Virus in der Bevölkerung bewegt – „wo es dran ist“.

Freunde und Familie schützen

„Dadurch, dass man sich testen lässt, kann man zum Schutz seiner Familie, seiner Freunde, seiner Kollegen und der gefährdeten Personen beitragen. Wenn jeder sich testen lassen würde, wäre das ein Weg, um das Virus in unserer Bevölkerung unter Kontrolle zu halten“, sagte auch Paul Wilmes, Sprecher der Luxemburgischen Covid19-Taskforce, am Freitagmittag.

Die Teilnehmer am „Large Scale Testing“ sind in drei Kategorien eingeteilt. Zur ersten gehören Menschen, die in ihrem Beruf zwangsläufig mit anderen Menschen unmittelbar in Berührung kommen. Dazu zählen medizinisches Personal, Pflegepersonal, Polizeikräfte, das Personal von Kinderhorten, aber auch das Personal von Frisiersalons. In die zweite Kategorie fallen Menschen, die bereits wieder arbeiten oder in naher Zukunft die Arbeit wieder aufnehmen können. So soll rechtzeitig erkannt werden, wenn sich das Virus in einem Berufsstand auszubreiten beginnt. Die dritte Kategorie ist sehr allgemein und soll die Bevölkerung Luxemburgs mitsamt der Grenzgänger abbilden. Sie soll helfen, zu erkennen, wenn ein Infektionsherd in einer Region oder in einer Branche aufflammt. Die Behörden weisen darauf hin, dass die Testverfahren natürlich angepasst werden, wenn sich die Gegebenheiten verändern.

In den letzten Wochen wurden bereits einige Bevölkerungsgruppen mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen getestet (siehe Kasten). Unter anderem wurde der Bausektor überprüft – als erste Branche, die nach der Corona-bedingten Pause wieder geöffnet hat. Es wurden zwei Stichproben unter den Mitarbeitern dieser Branche durchgeführt. Eine erste Stichprobe am 17. April ergab eine Prävalenz von 2,2 Prozent. Auf die gesamte Branche hochgerechnet waren damit mehr als 1.000 Mitarbeiter ohne Symptome an Covid19 erkrankt. Eine zweite Stichprobe am 4. Mai ergab eine Prävalenz von nur noch 0,8 Prozent. Die Zahl der unentdeckt Erkrankten ist (wenn man der Stichprobe Glauben schenkt) gesunken.

„Ich kann mich gut an das Unbehagen, die Unsicherheit und, was mich persönlich betrifft, die Angst erinnern, als wir vor zwei Monaten ins Confinement gegangen sind“, erzählt Ulf Nehrbass, Direktor des Luxemburg Institute of Health. Die Regierung habe genau die richtigen Entscheidungen getroffen, um Bilder, wie wir sie aus Italien kennen, zu vermeiden. Dadurch erlebten wir ein „Präventions-Paradox“. Dadurch, dass die Maßnahmen so erfolgreich waren, sei nicht sichtbar, wie notwendig die Maßnahmen waren, sagt Nehrbass. „Wir müssen uns im Klaren sein, dass wir heute in Luxemburg im Beisein von symptomatisch und asymptomatisch Positiven leben, und ihre Zahl ist heute höher, als sie war, bevor wir ins Confinement gegangen sind“, so Nehrbass.

Die Baubranche (ca. 63.000 Menschen)

Erste Stichprobe (17. April): 185 Personen, davon 4 positiv (=2,2 Prozent)
Zweite Stichprobe (4. Mai): 123 Personen, davon 1 positiv (=0,8 Prozent)

Die Abschlussklassen

Bislang wurden von 6.046 Schülern 2.403 getestet, davon 3 positiv (=1,0 Prozent)*
Bislang wurden von 2.527 Lehrkräften 1.317 getestet, davon 2 positiv (= 0,6 Prozent)
*laut Regierungsangaben vom 22. Mai. Laut Angaben des Direktors der Santé, Jean-Claude Schmit, vom 6. Mai waren 9 von 2.354 Schülern der Abschlussklassen positiv getestet worden.

Die Sekundarschulen

Bislang wurden 152 Schüler getestet, davon 1 positiv (=0,7 Prozent)

Die Grundschulen

Bislang wurden 45 Schüler getestet, davon 1 positiv (=2,2 Prozent). Bislang wurden 15 Lehrkräfte getestet, davon 0 positiv (=0,0 Prozent).

Der Handel 

Bislang wurden 121 Personen getestet, davon 0 positiv (= 0 Prozent)

Die Körperpflegekräfte

Bislang 128 getestet, davon 1 positiv (=0,8 Prozent)

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