Analyse von außen

Saubere Energie ist trotz Trump notwendig 

Brexit, Donald Trump, die Corona-Pandemie, Russlands Krieg gegen die Ukraine, Trump 2.0: In den zehn Jahren seit der Unterzeichnung des Pariser Klimaabkommens sind die Debatten über die globale Erwärmung sowohl hitziger als auch – allzu oft – unehrlicher geworden. Als Leiterin von Greenpeace International – in Zusammenarbeit mit Umweltwissenschaftlern und Klimaaktivisten vor Ort – sowie als deutsche Staatssekretärin für Klimapolitik und Sonderbeauftragte für internationale Klimaschutzmaßnahmen habe ich dies miterlebt.  

Heute bieten 75 Prozent der neuen Wind- und Solar-PV-Anlagen günstigeren Strom als bestehende Kohle-, Gas- und Ölkraftwerke

Heute bieten 75 Prozent der neuen Wind- und Solar-PV-Anlagen günstigeren Strom als bestehende Kohle-, Gas- und Ölkraftwerke Foto: Patrick Dumas/LookatSciences

Das Pariser Klimaabkommen ist ein Abkommen, das in Rekordzeit von allen Ländern – ob Produzenten fossiler Brennstoffe, Inselstaaten oder die reichsten Volkswirtschaften der Welt – ausgehandelt und ratifiziert wurde. Es verbindet effektive Messung und Überwachung mit Flexibilität für die Länder, ihre eigenen Pläne zur Bekämpfung des Klimawandels festzulegen und zu entwickeln. Alle fünf Jahre werden alle Regierungen aufgefordert, mehr zu tun. Bislang hat die überwiegende Mehrheit der Regierungen dies tatsächlich getan, sehr zur Überraschung vieler.

Um die Wirksamkeit des Pariser Abkommens zu würdigen, bedenken Sie: Im Jahr 2024 machten erneuerbare Energien 92,5 Prozent aller neu installierten Stromkapazitäten aus. Zudem bieten 75 Prozent der neuen Wind- und Solar-PV-Anlagen (Fotovoltaik) heute günstigeren Strom als bestehende Kohle-, Gas- und Ölkraftwerke. All dies war 2015 noch unvorstellbar.

Kein ideologisches Thema

Diese Beschleunigung des ökologischen Wandels vollzieht sich unter verschiedenen politischen Systemen und Wirtschaftsmodellen. Das ist der Beweis, dass saubere Energie kein ideologisches Thema ist. Länder setzen auf erneuerbare Energien, weil sie sich bewährt haben. Sie treiben das Wachstum an, steigern die Wettbewerbsfähigkeit, verringern die Volatilität der Energiepreise und verbessern die Lebensqualität.

Zwar ist die Welt noch immer weit davon entfernt, ihre Klimaziele zu erreichen, und die verheerenden Auswirkungen der globalen Erwärmung zeigen sich schneller als erwartet. Die unbestreitbaren Fortschritte seit 2015 geben jedoch Anlass zur Hoffnung, dass weitere Fortschritte erzielt werden können.

Es ist jedoch auch völlig klar, dass das Pariser Abkommen vor seinen größten Herausforderungen steht. Kriege, Konflikte und angespannte öffentliche Finanzen – teilweise bedingt durch die enormen Kosten der Pandemie – veranlassen die Regierungen zu Zurückhaltung. Die nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffene internationale Ordnung wird in ihren Grundfesten erschüttert.

Diese Woche findet bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen eine große Bewährungsprobe für das Pariser Abkommen statt: Alle Länder sollen dort ihre nationalen Klimapläne vorstellen – ein Prozess, der später in diesem Jahr bei der UN-Klimakonferenz (COP30) in Belém, Brasilien, seinen Abschluss findet. Trotz der derzeit deprimierenden Lage in der Klimadebatte bin ich optimistisch, dass der in den letzten zehn Jahren aufgebaute Gemeinschaftsgeist nun still, aber entschlossen daran arbeitet, die erzielten Erfolge zu festigen und darauf aufzubauen.

Probleme gemeinsam angehen

Die Brasilianer nennen dies „mutirão“, was sich nur schwer übersetzen lässt. Ich verstehe darunter das „Zusammenkommen“, um ein Problem gemeinsam anzugehen. Angesichts der sich ausbreitenden Brände, der zunehmenden Dürren und der Überschwemmungen, durch die weltweit Häuser weggespült werden, ist genau das unsere Aufgabe.

Verständlicherweise wollen die Interessenvertreter fossiler Brennstoffe – und die Trump-Regierung – nichts dergleichen. Sie haben die Umgestaltung der Weltwirtschaft zwar nicht übersehen, scheinen darüber jedoch überrascht und besorgt zu sein, dass sie schneller voranschreitet als erwartet. Sie sind nicht bereit, ihren unvermeidlichen Niedergang tatenlos hinzunehmen. Schließlich arbeitet die Trump-Regierung mit aller Kraft daran, fossile Brennstoffe wieder einzuführen, und zerstört dabei nicht nur Amerikas saubere Energie, sondern auch die ausländische grüne Konkurrenz für US-Kohle und -Öl.

Dies macht die COP30 zu einem entscheidenden Zeitpunkt, an dem die Staats- und Regierungschefs ihre Verpflichtungen aus dem Pariser Klimaabkommen bekräftigen, intensivieren und beschleunigen müssen. Das bedeutet, sich erneut zu den Zielen der COP28 zu bekennen: die Modernisierung der Energiesysteme, der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen und der Ausbau erneuerbarer Energien. Es bedeutet auch, die Entwaldung bis 2030 auf null zu reduzieren. Und es bedeutet, die vereinbarten Ziele für die Klimafinanzierung zu erreichen. Investoren müssen wissen, wo sie ihre Investitionen tätigen sollen.

Wenn die nationalen Pläne der einzelnen Länder nicht ausreichen, um die globale Erwärmung auf unter 1,5 °C (im Vergleich zum vorindustriellen Niveau) zu begrenzen, wie es das Pariser Abkommen vorsieht, müssen sich die Staats- und Regierungschefs dazu verpflichten, diese Lücke mit verfügbaren Mitteln zu schließen. Um eine gerechte Energiewende zu erreichen, muss jedoch ein Paket spezifischer Lösungen für Stromnetze, Speichersysteme und eigene erneuerbare Energiesysteme entwickelt werden. Gleichzeitig müssen Produzenten und Verbraucher fossiler Brennstoffe dazu angehalten werden, den Ausstieg aus diesen Energieträgern zu beschleunigen.

Große Chance für Brasilien

Dazu ist natürlich ein neuer Finanzierungsmechanismus erforderlich, damit die Länder in den Schutz der Wälder investieren können. Der Vorschlag Brasiliens für eine „Tropical Forest Forever Facility“ könnte hier eine entscheidende Wende bringen. Außerdem müssen sich die reichen Länder dazu verpflichten, ihre Finanzmittel für Anpassungsmaßnahmen mindestens zu verdoppeln, wenn nicht sogar zu verdreifachen. Regionale Banken sowie die Weltbank sollten sich darüber hinaus dazu verpflichten, Resilienzmaßnahmen in alle Infrastrukturprojekte zu integrieren.

Dies ist eine große Chance für Brasilien, sein Vermächtnis als Verfechter der am stärksten gefährdeten Gemeinschaften in allen Ländern zu festigen. Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva könnte in die Geschichte eingehen – nicht nur in seinem Land als der Präsident, der Millionen Menschen aus der Armut befreit hat, sondern auch weltweit als der Präsident, der unsere Nachkommen vor ökologischer und wirtschaftlicher Zerstörung geschützt hat.

* Jennifer Morgan, ehemalige deutsche Staatssekretärin und Sonderbeauftragte für internationale Klimapolitik, ist ehemalige internationale Geschäftsführerin von Greenpeace International.

Auf Deutsch von Andreas Hubig.

Copyright: Project Syndicate, 2025

www.project-syndicate.org

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