Ukraine-Krieg
NATO plant atomare Übung – lange geheim gehalten, soll sie kommende Woche stattfinden
Das westliche Verteidigungsbündnis droht gleichzeitig Russland mit Konsequenzen bei einem Atomschlag. Welche das sein sollen, bleibt geheim.
Das Bündnis will sich nicht einschüchtern lassen: Jens Stoltenberg, Generalsekretär der NATO, am Donnerstag in Brüssel Foto: dpa/Olivier Matthys
Vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs und massiver Drohungen aus Moskau bereitet sich die NATO auf eine großangelegte atomare Übung in Europa vor. Bei einem Treffen der nuklearen Planungsgruppe in Brüssel legten die 30 Verteidigungsminister des Bündnisses am Donnerstag letzte Hand an die Vorbereitung des Manövers „Steadfast Noon“.
Die lange geheim gehaltene Übung soll in der kommenden Woche stattfinden und der atomaren Abschreckung dienen. Die 14 Teilnehmer-Länder – Luxemburg ist nicht darunter – proben den Abtransport von Wasserstoffbomben vom Typ B-61 aus Lagern, die Beladung von Kampfflugzeugen und den Abwurf über simulierten Zielen.
Ein Großteil der Übung werde in Belgien und über der Nordsee stattfinden, teilte die belgische Verteidigungsministerin Ludivine Dedonder mit. Die Bevölkerung müsse sich aber keine Sorgen machen, da keine scharfen Bomben eingesetzt würden. Auch NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg wiegelte ab. Es handele sich um eine Routineübung ohne Bezug zum Krieg in der Ukraine.
Russische Reaktion bereits eingeplant
Dennoch ist der Einsatz diesmal besonders brisant. Schließlich hat Kremlchef Wladimir Putin mit dem Einsatz von (taktischen) Atomwaffen gedroht, wenn die vitalen Interessen Russlands bedroht würden. Zugleich hat er mit dem Finger auf den „kollektiven Westen“ und die NATO gezeigt – sie würden sich aktiv in den Krieg in der Ukraine einschalten und müssten mit Vergeltung rechnen.
In Brüssel geht man deshalb davon aus, dass Russland auf die NATO-Übung reagieren wird. „Russland wird ebenfalls seine jährliche Übung durchführen, ich denke, in der Woche nach oder kurz nach der jährlichen Übung“, sagte der britische Verteidigungsminister Ben Wallace. Davon dürfe sich die NATO jedoch nicht einschüchtern lassen. Vielmehr gehe es darum, Flagge zu zeigen.
Das Treffen der nuklearen Planungsgruppe war von düsteren Warnungen begleitet. Sollte die Regierung in Moskau tatsächlich Kernwaffen einsetzen, würde dies wohl eine „physische Antwort“ der Verbündeten der Ukraine und möglicherweise auch der NATO selbst zur Folge haben, sagte ein Insider. Der Schritt würde „noch nie dagewesene Konsequenzen“ für Russland nach sich ziehen.
Was damit gemeint ist, blieb offen – die nukleare Planungsgruppe tagt unter strikter Geheimhaltung. Sollten alle Bündnispartner zustimmen, könnte die Militärallianz versuchen, die russischen Invasionstruppen in der Ukraine militärisch auszuschalten, hieß es in Brüssel. Auch ein massiver Cyberangriff auf russische Infrastruktur wird nicht mehr ausgeschlossen.
Dabei hatte Stoltenberg vor Beginn des zweitägigen NATO-Treffens noch erklärt, dass sich die NATO nicht in den Krieg ziehen lassen werde. Man werde die Alliierten bei Waffenlieferungen unterstützen, jedoch nicht selbst eingreifen. Nun ist nicht mehr klar, ob diese „rote Linie“, die auch Kanzler Olaf Scholz immer wieder betont, hält.
Unterdessen kündigte die deutsche Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht den Aufbau einer europäischen Luftverteidigung an. Das Ziel der deutschen Initiative für einen „European Sky Shield“ sei es, „Lücken zu schließen“, sagte Lambrecht. Die NATO begrüßte den Vorstoß. Laut einer in Brüssel verbreiteten Erklärung haben sich der Initiative bisher 14 Bündnispartner und das Anwärterland Finnland angeschlossen.