Trotz und Stille
Wie Moskau den ukrainischen Drohnenangriff totschweigt
Die Welt wartet nach der ukrainischen „Spinnennetz-Operation“ gegen die russische Luftwaffe auf eine Antwort aus Moskau. Moskau gibt sich aber wie immer in solchen Situationen: Es sagt nichts. Auch in Istanbul sagt es wenig. Die Gespräche über Waffenruhe enden schon nach einer Stunde – erwartungsgemäß ohne Waffenruhe.
Demonstrative Normalität: Nach den verheerenden ukrainischen Angriffen auf Moskaus strategische Luftwaffe empfängt Putin die Kinder-Ombudsfrau Maria Lwowa-Belowa, die Tausende ukrainische Kinder nach Russland verschleppen ließ Foto: Gavriil Grigorov/Pool/AFP
Es ist eine Stille, die zunächst erstaunlich anmutet. Maria Sacharowa, die Sprecherin des russischen Außenministeriums, nie um einen bissigen, geharnischten Kommentar verlegen, zeigt sich zurückhaltend. Kein Wort zu den ukrainischen Drohnenangriffen auf russische Luftwaffen-Stützpunkte, bei Murmansk im russischen Norden, bei Rjasan, nicht weit im Südosten von Moskau, bei Iwanowo, nordöstlich der russischen Hauptstadt und tief in Sibirien bei Irkutsk. Auch ihr Chef, der russische Außenminister Sergej Lawrow, die Ukraine gern mal als „unfähiger Staat mit überfälligem Präsidenten“ bezeichnend, sagt nichts. Geschweige denn der russische Präsident Wladimir Putin. Er lässt sich am Montag mit seiner Kinder-Ombudsfrau Maria Lwowa-Belowa – gegen beide liegt ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag wegen Verschleppung ukrainischer Kinder vor – im Kreml ablichten. „War da was?“, sollen die Bilder verbreiten. Es ist Russlands gängige Strategie auf unerwartete Ereignisse: still sein, bloß nicht reagieren, wenn die Welt eine Reaktion erwartet. Eine schnelle Antwort – zumal eine Antwort in Moskau nie unter Druck formuliert werden will – gilt unter Russlands Offiziellen als Schwäche. Also breitet sich erst einmal eine Art Maulkorb über das Land aus.
Die Zeitungen schreiben den immer gleichen Satz von „Nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums gerieten mehrere Flugzeuge auf Militäranlagen in Brand“. Dass strategische Raketenträger getroffen worden sein sollen, erwähnt kaum einer. Und auch im Fernsehen wird lediglich die Pressemitteilung des russischen Verteidigungsministeriums eingeblendet: „Auf Militärflughäfen in den Regionen Iwanowo, Rjasan und Amur wurden alle terroristischen Attacken abgewehrt. In der Region Murmansk und Irkutsk kam es in Folge von gestarteten FPV-Drohnen in unmittelbarer Nähe von Flughäfen zum Entflammen einzelner Flugzeugeinheiten. Das Feuer ist liquidiert. Opfer innerhalb des Militär- und Zivilpersonals gibt es keine.“ Und schon berichtet der TV-Moderator von Schlägen der russischen Armee in der Ukraine.
Derweil zeigen Videoaufnahmen in unterschiedlichen russischen Telegram-Kanälen, wie sich auf Straßen in der Region Irkutsk die Lastwagen stauen: Jeder Wagen wird kontrolliert. Die ukrainische „Operation Spinnennetz“ – wonach, so auf Satellitenbildern zu sehen, mindestens zwölf strategische Bomber getroffen wurden – wurde von Lkws gestartet. Es herrscht offenbar die Sorge, dass noch weitere Lastwagen mit Holzboxen samt Drohnen ausgestattet sein könnten.
Propagandisten verlangen mehr Härte gegen Ukraine
Immerhin: Die Zeitung Moskowski Komsomolez macht ihre Montagsausgabe mit einem Bild des brennenden Flugplatzes Belaja bei Irkutsk auf. Was da in Flammen steht, wird nicht erklärt. Klar ist für die Redaktion aber eines: Es sei die Ukraine, die Terror verbreite, weil sie nicht am Frieden interessiert sei. „Schmutziger Verhandlungshintergrund“, titelt das Blatt. In einem Istanbuler Luxushotel treffen währenddessen ukrainische und russische Delegationen zu direkten Gesprächen aufeinander und gehen schon nach einer Stunde auseinander. „Ohne Konkretes“, wie es aus ukrainischen Delegationskreisen heißt. Immerhin: Offenbar einigen sich beide Seiten auf den Austausch schwerkranker Kriegsgefangener sowie Kriegsgefangener, die jünger als 25 Jahre alt sind. Die nächste Verhandlungsrunde soll in Vorbereitung sein und nach Angaben der ukrainischen Seite Ende Juni stattfinden.
Ob und wie die russische Seite auf die jüngste ukrainische Operation reagierte, ist nicht bekannt. Mit den Schlägen gegen die Flughäfen und den Sabotageakten, die zum Einsturz von Brücken und damit entgleisten Zügen bei Brjansk und Kursk führten, habe die Ukraine, so heißt es bei Moskowski Komsomolez, vor ihren westlichen Partnern „prahlen“ wollen. Gelungen sei das jedoch nicht. Andere russische Kriegsbefürworter versuchen die Verluste in der russischen Armee kleinzureden. Der russische Propagandist Andrej Medwedew schreibt, als würde er wie ein wütendes Kleinkind mit dem Fuß stampfen: „Ja, es gibt Verluste. Aber unsere restlichen Flugzeuge reichen dreimal aus, um die Ukraine zu zerstören.“ Auch der Z-Blogger Alexander Koz meint in seinem Telegram-Kanal trotzig: „Wir werden den Krieg trotzdem gewinnen.“ Andere russische Beobachter fordern, wie so oft, Moskau müsse nun endlich härter reagieren. „Alle Verhandlungen mit der Ukraine müssen für immer unterbrochen werden“, schreibt der russische Politologe Alexej Pilko. Die Ukraine spiele ein schmutziges Spiel und versuche, Russlands Bemühungen um langanhaltenden Frieden zu stören.
Der Ukraine geht es in Istanbul um sofortigen und bedingungslosen Waffenstillstand, den Russen um die „Beseitigung der Grundursachen“. Das ist in ihren Augen die politische Unterwerfung der Ukraine, letztlich die Kapitulation Kiews. Das russische Fernsehen bezeichnet am Montag die Forderungen der Ukraine als „von der Realität losgelöste Skizzen“.
Vormarsch russischer Invasoren beschleunigt
Die russischen Invasionsstreitkräfte haben in der Ukraine im Mai nach mehreren Monaten langsameren Vorrückens wieder mehr Territorium erobert. Wie eine Analyse der Nachrichtenagentur AFP von Daten des in den USA ansässigen Instituts für Kriegsstudien (ISW) ergab, eroberte Russland im vergangenen Monat 507 Quadratkilometer. Im April waren es noch 379 Quadratkilometer gewesen, im März 240. Alleine in der ostukrainischen Region Donezk verzeichnete Moskau territoriale Gewinne von fast 400 Quadratkilometern. Insgesamt brachte die russische Armee von Juni 2024 bis Mai 2025 5.107 Quadratkilometer ukrainisches Gebiet unter ihre Kontrolle, die Ukraine eroberte lediglich 85 Quadratkilometer zurück. Russland besetzte somit in den vergangenen zwölf Monaten weniger als ein Prozent des ukrainischen Staatsgebiets zusätzlich. Insgesamt kontrollierte Russland Ende Mai ganz oder teilweise knapp 19 Prozent des ukrainischen Staatsgebiets, einschließlich der 2014 annektierten Halbinsel Krim. Die Analyse der AFP basiert auf den täglich vom ISW gemeldeten Daten, die sich auf von beiden Seiten verbreitete Informationen stützen, sowie auf die Auswertung von Satellitenbildern. (AFP)