GrundschuleLehrerin erhebt Vorwürfe – Bildungsministerium und Taskforce reagieren

Grundschule / Lehrerin erhebt Vorwürfe – Bildungsministerium und Taskforce reagieren
Lehrerin Kelly Meris kann nicht verstehen, wieso die Lehrkräfte keine Schlüssel ausgehändigt bekommen, um den Klassenraum zu lüften Foto: privat

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Eine Lehrerin aus der Grundschule in Cessingen ist mit vielen Vorgehensweisen während der Corona-Pandemie nicht zufrieden und erhebt Vorwürfe gegen die Taskforce und das Bildungsministerium. Wir haben die zwei Instanzen damit konfrontiert und Reaktionen erhalten. 

Kelly Meris ist wütend. Die Lehrerin aus der Grundschule in Cessingen beklagt sich im Tageblatt-Gespräch über viele Dinge, die in den Schulen nicht richtig laufen. Vor einigen Jahren war die Lehrerin auch politisch aktiv. Sie war Mitglied der ADR. Die Partei und sie gehen seitdem getrennte Wege. Heute engagiert sich Meris für die Belange von Kindern und Jugendlichen.

Die Lehrerin kann nicht verstehen, wieso ein Mitglied der Covid-Taskforce, wie sie sagt, ganz offensichtlich falsche Informationen erhalten habe und verbreiten würde. Die Rede ist von Alexander Skupin. Mitte Juli sagte er in einer Sendung auf Radio 100,7, dass seinen Informationen zufolge, die Einhaltung der Sicherheitsabstände in den Grundschulen garantiert werden könne, in den Lyzeen sei dies weniger der Fall. Deshalb müsse man in den Lyzeen eventuell auf eine Maskenpflicht im Klassenraum setzen, in den Grundschulen aber nicht.

Das ist gefährlich, wenn solche falsche Informationen von Mitgliedern der Taskforce verbreitet werden

Kelly Meris, Lehrerin

Nach der Aufhebung des Splittings wurde Meris schnell klar, dass der Sicherheitsabstand von zwei Metern in einer Grundschulkasse mit 18 bis 20 Schülern keineswegs einzuhalten sei. „Das ist gefährlich, wenn solche falsche Informationen von Mitgliedern der Taskforce verbreitet werden“, sagt sie. Noch schlimmer sei die Tatsache, dass diese fehlerhaften Informationen nun als Basis benutzt werden, um die „Rentrée“ im September zu planen.

Da die Taskforce keine direkten Einsichten in den Schulbetrieb hat, basiert meine Aussage in dem Interview auf Informationen aus dem Bildungsministerium

Alexander Skupin, Wissenschaftler der Taskforce

Wir haben den Wissenschaftler der Taskforce mit den Vorwürfen der Lehrerin konfrontiert. Skupin sagt: „Da die Taskforce keine direkten Einsichten in den Schulbetrieb hat, basiert meine Aussage in dem Interview auf Informationen aus dem Bildungsministerium. Diese besagen, dass die durchschnittliche Klassengröße in der Grundschule wesentlich kleiner ist als in der Sekundarschule, was die Einhaltung der Distanzregeln für die Grundschule wesentlich vereinfacht. Dies sollte jedoch nicht so verstanden werden, dass dies für jede Klasse in der Grundschule zutrifft, genauso wie es nicht zutrifft, dass jede Klasse in der Sekundarschule die Distanzregeln nicht einhalten kann. Insofern sehe ich darin auch keine ‚falsche Information’, sondern lediglich Grundannahmen, die uns vom Ministerium bereitgestellt werden und es uns ermöglichen, die Lage insgesamt zu analysieren.“

Taskforce nicht für konkrete Planung zuständig

Skupin weist darauf hin, dass die Taskforce nicht für die konkrete Planung verantwortlich ist. Sie stelle den politischen Entscheidungsträgern wissenschaftliche Erkenntnisse zur Verfügung, um deren Planung zu unterstützen. „Im Fall der Planung der ‚Rentrée’ zeigt unsere Analyse, dass, basierend auf dem jetzigen Kenntnisstand, eine Einhaltung der Distanzregeln angeraten ist“, sagt der Wissenschaftler. „Für die konkrete Umsetzung ist aber das Ministerium zuständig, das auch über die nötigen Informationen verfügt. Da ich in dem Interview lediglich Informationen wiedergegeben habe, die wir vom zuständigen Ministerium erhalten haben, sehe ich auch nicht die Gefahr, dass es hier zu falschen Interpretationen kommen kann“, so Skupin.

In der Grundschule haben wir eine theoretische Klassengröße von 16 Schülern, de facto liegt diese aber bei 13. Die Klassenzimmer haben über 60 m2 […] Es ist also durchaus möglich, die Distanzregeln in der Grundschule einzuhalten.

Bildungsministerium

Da, wie Skupin sagt, die Informationen aus dem Bildungsministerium stammen, haben wir auch dort eine Reaktion angefragt. Das Ministerium schreibt: „In der Grundschule haben wir eine theoretische Klassengröße von 16 Schülern, de facto liegt diese aber bei 13. Die Klassenzimmer haben über 60 m2, jene des Zyklus 1 sogar über 100 m2. Es ist also durchaus möglich, die Distanzregeln in der Grundschule einzuhalten.“

Mit diesen Aussagen haben wir wiederum die Lehrerin aus Cessingen konfrontiert. Sie sagt: „In der Praxis sieht es aber anders aus, als in der Theorie des Bildungsministeriums. Ich kenne nicht sämtliche Schulen im Land, aber ich weiß ganz sicher, dass in verschiedenen Schulen in Luxemburg-Stadt diese Daten nicht zutreffen. Alleine in Cessingen haben wir eine Klasse mit 20 Schülern. Ich habe die Säle nicht professionell ausgemessen … aber mein Arm ist ganz sicher keine zwei Meter lang.“ Meris schlägt vor, für die „Rentrée“ eine Bilanz zu ziehen, wo die großen Klassen ausfindig gemacht und gegebenenfalls gesplittet werden.

Bildungsminister Claude Meisch hat die Taskforce „Research Luxembourg“ beauftragt, die Situation der letzten Wochen vor den großen Ferien in den Schulen wissenschaftlich zu analysieren. Dazu sollen auch die Daten, die durch das Tracing bei infizierten Schülern und Lehrern erhoben wurden, ausgewertet werden. Dies soll als Grundlage für die „Rentrée“ im September gelten. Mitte August will das Bildungsministerium das Ergebnis vorstellen.

Fenster lassen sich nur auf Kipp stellen

„Ausgerechnet da, wo die Schüler sich am nächsten sind, nämlich in der Schulbank im Klassenzimmer, dürfen sie die Masken ausziehen“, sagt Meris. Das könne sie nicht verstehen. „Das ist fahrlässig.“ Ein weiterer Punkt, an dem sich die Lehrerin stört, ist die Problematik des Lüftens. In ihrem Klassenraum könne man die Fenster lediglich auf Kipp stellen. Dies sei kein Lüften. Dazu müsse man die Fenster schon richtig aufmachen, moniert sie. Doch dies sei ohne Schlüssel nicht möglich.

Ausgerechnet da, wo die Schüler sich am nächsten sind, nämlich in der Schulbank im Klassenzimmer, dürfen sie die Masken ausziehen

Kelly Meris, Lehrerin

Meris schaltete sogar die Bürgermeisterin ein und bekam die betreffenden Schlüssel vom technischen Personal ausgehändigt. Die anderen Lehrer an ihrer Schule hätten dies nicht gemacht und folglich auch keine Schlüssel erhalten. „Einmal habe ich den Klassensaal eines Kollegen betreten und bin fast umgekippt“, sagt sie. Die Luft sei derart stickig gewesen.

Die Lehrerin verweist auf eine Aussage von „Santé“-Direktor Jean-Claude Schmit Ende Mai auf RTL. Dort habe er betont, wie wichtig es sei, in geschlossenen Räumen viel zu lüften, weil eine Übertragung über Aerosole sehr wahrscheinlich sei. Diese Aussage würden auch luxemburgische und ausländische Forscher teilen. „Mir tun die Kinder leid, die von morgens 8 bis abends 18 Uhr im gleichen Klassenraum sitzen mussten“, sagt die Lehrerin. Nachmittags habe die Betreuung durch die „Maison relais“ ebenfalls im gleichen Raum stattgefunden.

Die Problematik des Lüftens scheint kein Einzelfall aus Cessingen zu sein. Lehrer aus anderen Teilen des Landes haben dem Tageblatt ebenfalls von Fenstern in Klassenräumen berichtet, die sich gar nicht beziehungsweise nur wenig öffnen lassen. Der Abgeordnete Fernand Kartheiser (ADR) stellte diesbezüglich Ende Mai eine parlamentarische Frage an den Bildungsminister.

Das bedeutet aber nicht unbedingt, dass das Lehrpersonal jegliche Schlüssel ausgehändigt bekommt, um jedes Fenster zu öffnen

Claude Meisch, Bildungsminister

Einen Monat später, Ende Juni, antwortete Claude Meisch mit folgenden Worten: „Die Verwaltung der Grundschulen unterliegt den Gemeindebehörden. Im Austausch mit den Gemeinden und insbesondere mit dem Gemeindeverbund Syvicol wurde stets die Wichtigkeit des Lüftens unterstrichen. Die Gemeindebehörden sind sich dessen bewusst und werden ihre technischen Dienste angewiesen haben, für regelmäßiges Belüften Sorge zu tragen. Das bedeutet aber nicht unbedingt, dass das Lehrpersonal jegliche Schlüssel ausgehändigt bekommt, um jedes Fenster zu öffnen. Das regelmäßige Lüften und das allgemeine Sicherheitskonzept der Schule müssen unter einen Hut gebracht werden.“

Am liebsten im Home-Schooling geblieben

Es stellt sich nun die Frage, wie die Lehrer denn die Fenster ohne Schlüssel öffnen können. Wieso die Fenster überhaupt mit Schlössern versehen sind, hat mit Sicherheitsbestimmungen zu tun. Die Fenster in den Schulen können jedenfalls aus Sicherheitsgründen nicht komplett geöffnet werden. Meris erklärt es so: „Meisch hat Angst, dass ein Kind aus dem Fenster fällt.“ Dies sei aber auszuschließen, da ein Lehrer niemals den Klassensaal verlässt, wenn sich Schüler darin aufhalten. Außerdem dürfe ein Lehrer dies gar nicht tun, argumentiert die Lehrerin. „Wenn Herr Meisch Angst hat, dass ein Kind rausfällt oder von einem Kind rausgeschubst wird, dann dürfen wir auch keine Stühle und Bänke in den Klassen aufstellen. Damit könnten sich die Kinder laut dieser Logik ebenfalls verletzen“, so Meris.

Auch zu diesen Aussagen haben wir das Bildungsministerium um eine Reaktion gebeten. Darauf ist das Ministerium allerdings nicht eingegangen. Stattdessen hat man der Zeitung ein klärendes Gespräch zu diesem und anderen Themen in Aussicht gestellt.

Die Lehrerin aus Cessingen hat eine Lösung parat. Man könne doch Fliegennetze oder Schutzgitter vor die Fenster anbringen. So könne man wirklich sichergehen, dass niemand rausfalle, sagt sie. In den Sommerferien habe man ja nun ausreichend Zeit, dies zu tun. Dass man damit den Zugang für die Feuerwehr versperre, lässt Meris nicht gelten. „Jede Schule hat einen Notausgang. Und dieser führt nicht über die Fenster.“

Am liebsten wäre Meris bis zum Ende des Schuljahres im Home-Schooling geblieben. Ihr Argument: „Kinder können sich anstecken und können infektiös sein.“ Solange es nicht absolut sicher sei, dass keine Gefahr bestehe, sollte man die Kinder schützen. Sie sagt: „Natürlich ist es wichtig, dass die Kinder in die Schule gehen. Aber in einer sanitären Krise muss die körperliche Gesundheit im Vordergrund stehen.“

Bessere Unterrichtsqualität durch kleinere Klassen

Sie selber hat gute Erfahrungen mit Home-Schooling gemacht. Sie habe einen guten Draht zu den Eltern aufgebaut. Vieles ging über Telefon. Man brauche nicht für alles einen Bildschirm, sagt sie. Das Argument, dass manche Kinder im Home-Schooling „verloren gingen“, lässt sie nicht gelten. Das Home-Schooling falle unter die Schulpflicht und da müsse jeder mitmachen. Auch ohne Computer und Internet sei dies möglich. Notfalls müsste man den Eltern, die nicht erreichbar seien, eine „Assistante sociale“ vorbeischicken.

Dennoch konnte sich Meris auch ein wenig mit dem Splitting anfreunden. Hier habe man gesehen, dass die Qualität des Unterrichts zugenommen habe, bedingt durch die kleinen Klassen. Die Lehrerin findet, dass man auch abseits von Corona kleinere Klassen in Luxemburg einführen sollte. Problematisch sei der organisatorische Aufwand für die Nachmittagsbetreuung gewesen. Dass viele Kinder nachmittags nicht nach Hause gehen können, sieht Meris als ein Problem unserer Gesellschaft an. „Eines Tages werden wir dafür die Quittung bekommen“, sagt sie.

Wir sind Versuchskaninchen. Die Kinder, die Lehrer und unsere Familien. Und das alles, damit nun Simulationen durch die Taskforce gemacht werden können.

Kelly Meris, Lehrerin

Was hält die Lehrerin davon, dass die letzten zwei Schulwochen eine Testphase waren, die Erkenntnisse für die „Rentrée“ im September liefern soll? „Das ist kriminell“, sagt sie. „Das dürfen Sie ruhig so schreiben“, betont sie. „Wir sind Versuchskaninchen. Die Kinder, die Lehrer und unsere Familien. Und das alles, damit nun Simulationen durch die Taskforce gemacht werden können. Und dies absurderweise aufgrund falscher Basisinformationen.“

Meris hat Angst vor der Rentrée. „Ich denke darüber nach, nicht arbeiten zu gehen, wenn die ‚Rentrée’ nicht ordentlich geplant ist“, sagt sie. Sie will keine Empfehlungen, sondern klare Regeln, die auf Fakten basieren und die von den Lehrkräften eingehalten werden müssen. Dazu gehören ihrer Meinung nach die Maskenpflicht, ein klarer Belüftungsplan sowie kleine Klassen. „Ich habe das Recht auf Sicherheit auf meiner Arbeitsstelle. Es kann nicht sein, dass ich mich in meinem Klassenzimmer einsperren muss, weil die anderen sich nicht an die Regeln halten.“

Dännschen
29. Juli 2020 - 14.50

Et gett ganz vill vum Primär geschwaat a ganz weineg vum cycle 1 wou d’Kanner mateneen spillen, waat wichteg as an deem Alter! Do as keen geschützt a keen Secherheetsofstand garanteiert! Zumols wann ee bedenkt daat dei ganz kleng vun September bis März an engem Steck schnuddelen an net alleng d’Nues botzen können! (A meeschtens gett et einfach mam Ärmel gewëscht) .... à méditer

J.C.Kemp
28. Juli 2020 - 17.21

Ier en an d'Zeitung geht, wier den éischte Schrëtt emol iwwert den Déngschtwee, beim Viirgesetzten.

titi
28. Juli 2020 - 16.07

Clemens RM trifft den Nagel in diesem Falle voll auf den Kopf!

K.J.M.
28. Juli 2020 - 14.29

@ Schmatt & titi: Selber handeln? Wie? Die Fenster einschlagen? Die Mauern abreissen, damit die Klassenzimmer grösser werden?

Charles Hild
28. Juli 2020 - 14.14

Et mussen elo efficace Konzepter entwéckelt ginn, fir all méiglech Situatiounen an der Schoul. Mir brauchen eng regelméisseg transparent Informatioun iwwert d’ Präsenz vum Virus an all Klass /Schoul. No welleche Regelen gi Kanner, ganz Klassen, Schoulen a 40taine gesat, a wéi leeft fir des de Schoulbetrib? Dëst Joer misst landeswäit mat därselwechter Vitesse a Reiefolleg op Première ënnerriicht gëtt. Soss ass um Ënn nees de Problem mam Examen. Et gi nach dausend aner esou Problemer. Et leeft awer keen Dialog mat de concernéierte Leit. De 15. Juli wéi déi 2. Well schonn do war, koum en Diktat: “No der Vakanz gi der an d’ Schoul wéi ëmmer”. An esou sinn dunn d’ Klassen, d’ Säll, d’ Stonnepläng, also alles opgestallt ginn. Léif LSAP, iwwerlee der gutt op s du dem Här Meisch seng Politik, déi esou nët am Koalitiounsprogramm steet, nach weider ënnerstëtze wëlls. Hie schéckt ons Kanner an en Tunnel schaffen, dee net genuch ofgeséchert ass, an dee riskéiert zu all Moment zesummen ze falen.

titi
28. Juli 2020 - 12.46

Vorwürfe erheben ist leichter als handeln!

de Schmatt.
28. Juli 2020 - 10.21

Man muss auch mal Eigenverantwortung übernehmen können, insbesondere Erzieher/innen.

Clemens RM
28. Juli 2020 - 10.20

@Tageblatt Schoulen zu Zéisseng an iwwer Land... Eng iwwerdimensional Foto vun enger Léierin déi u Profilneurose ze leide schéngt? Flott datt déi Fra an Ärer Zeitung esou eng Plattform gebuede kritt fir hiere Numm an hiert Gesiicht bei potentielle Wieler méi bekannt ze maachen. Iwwert Stil a Contenu vum Artikel äusseren ech mech net. Just esou vill: anscheinend ass an de Lëtzebuerger Schoulen den Horror ausgebrach? D’Noriicht huet de Wee bis oo Bangor nach net gepakkt, soss hätt de Stephen King sech sécher inspiréiert fir e neit Buch ze schreiwen! Et ginn Deeg wou ech d’Décisioun d’Tageblatt abonnéiert ze hunn fir eng gutt halen. Haut ass keen dervunn! Mat frëndleche Gréiss RM Clemens