Deutschland
„Die Zukunft fand nicht statt“: Reaktionen nach dem TV-Duell der Kanzlerkandidaten
Kanzler Olaf Scholz und sein Herausforderer Friedrich Merz sind zum ersten Mal im Fernsehen gegeneinander angetreten. Das sind die Reaktionen aus der Politik auf das TV-Duell.
Olaf Scholz (l.) und Friedrich Merz sehen sich jeweils als Sieger des Fernseh-Duells vom Sonntag Foto: Michael Kappeler/Pool/AFP
Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und sein Herausforderer Friedrich Merz (CDU) sind am Montag zum ersten Mal im Fernsehen gegeneinander angetreten. Die Reaktionen fielen teils erwartungsgemäß, teils überraschend aus.
So haben die Grünen nach dem TV-Duell vom Sonntagabend Scholz und Merz vorgeworfen, keine Zukunftsperspektiven für das Land angeboten zu haben. Es sei „ein Duell zwischen dem Gestern und dem Vorgestern“ gewesen, sagte Grünen-Parteichef Felix Banaszak am Montag in Berlin. „Die Zukunft fand leider nicht statt“, sagte Banaszak. Stattdessen hätten Scholz und Merz sich vor allem gegenseitig zu übertrumpfen versucht, wer bei Migration und Abschiebung „der härteste Knochen“ sei. „Fest steht, es gibt einen Verlierer, und das ist der Klimaschutz“, sagte auch Grünen-Fraktionschefin Britta Haßelmann. Die Bekämpfung der Klimakrise, das Artensterben, der Schutz von Natur und Umwelt habe bei diesem TV-Duell nicht stattgefunden. „Dabei ist es eine der zentralen Zukunftsherausforderungen für unser Land und für die Sicherung unserer Lebensgrundlagen.“
Auch Fragen der Bildungspolitik, der Zukunftschancen von Kindern und Jugend, des Lebensalltags von Familie hätten keine Rolle gespielt, kritisierte Haßelmann. „Und wundern tut es wahrscheinlich auch niemanden, dass in einem Duell bei diesen beiden Männern auch die Frage von Frauen und dem Leben in dieser Gesellschaft keine Rolle spielte“, sagte die Grünen-Politikerin mit Blick etwa auf die gleiche Bezahlung von Frauen und Männer im Job oder auf die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen, die ebenfalls nicht thematisiert wurden. „Wir können doch nicht durch die Rückbesinnung auf das Gestern das Morgen gestalten.“ Sie verspreche sich, „dass wenn Herr Habeck dabei ist, solche Themen eine Relevanz haben“, sagte sie.
Ich habe vor, die Wahl zu gewinnen. Und ich glaube, gestern hat sich gezeigt: Geht auch.
Olaf Scholz
deutscher Bundeskanzler
Auf „X“ äußerte sich FDP-Chef Christian Lindner zu dem TV-Duell mit einer Bilanz. Für ihn blieb Merz „ungewöhnlich blass zur Wirtschaftswende und ambivalent zu Grünen“. Scholz habe dynamisch gewirkt, „aber abgekoppelt von dem, was in Wahrheit in seiner Regierung lief“. Auch bei Scholz findet Lindner keine guten Ideen zur Wirtschaft. Der Moderation unterstellt er eine „Schlagseite zu Gunsten Scholz“.
Für Bundeskanzler Olaf Scholz gab es unterdessen erwartungsgemäß Unterstützung aus den eigenen Reihen. So twitterte der Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD), dass Scholz „deutlich glaubwürdiger und sympathischer“ aufgetreten sei. „Friedrich Merz hat keinerlei Regierungserfahrung bisher.“ Das müsse klarer herausgearbeitet werden, so Lauterbach. Auch SPD-Generalsekretär Matthias Miersch attestierte Scholz einen Sieg des Duells, was mehrere Umfragen bestätigt hätten. Olaf Scholz bescheinigte sich zudem selbst einen guten Auftritt beim Duell. „Hab ich“, antwortete er im Interview von Radio eins auf die Frage, ob er gut performt habe. „Ich habe vor, die Wahl zu gewinnen. Und ich glaube, gestern hat sich gezeigt: Geht auch.“
Neuer Schlagabtausch im „Quadrell“
Ähnliches Bild in der Union: Dort gab es am Tag nach dem TV-Duell niemanden, der Friedrich Merz nicht als Sieger sehen wollte. Logisch. Schließlich ist es die Endphase des Wahlkampfes. Und es wurde Verständnis gezeigt, dass in den 90 Minuten des Schlagabtausches Fehler unterliefen. So hatte Merz von weit über zwei Millionen irregulärer Migranten gesprochen, die in der Regierungszeit von Scholz nach Deutschland gekommen seien. Das stimmte nicht. Es waren deutlich weniger.
Merz selber erlebte man am Montag im Konrad-Adenauer-Haus, der CDU-Zentrale, entspannt und gelassen. Später ließ er bei einer dpa-Konferenz mit Blick auf das Duell wissen: „Ob die wirklich am Ende des Tages noch mal Einfluss auf die Wahlen haben? Fragezeichen.“ Scholz und er seien vor der Sendung und danach „freundlich miteinander“ umgegangen, „in der Sendung weitgehend auch“, so Merz. „Also, ich habe mich nicht zu beschweren.“ Aus seinem Umfeld hieß es, es sei vor allem darum gegangen, gegen Scholz nicht zu verlieren. Das sei klar gelungen.
Der Kandidat richtet dem Vernehmen nach seine Blicke nun schon auf die nächsten TV-Auseinandersetzungen – und die könnten durchaus pikanter werden. Vor allem am kommenden Sonntag, wenn bei RTL/n-tv „Das Quadrell“ gesendet wird. Scholz und Merz treffen dann in einem direkten Schlagabtausch auf den Grünen-Kanzlerkandidaten Robert Habeck und AfD-Kanzlerkandidatin Alice Weidel. Aus der Union hieß es von mehreren Seiten, dass man mit scharfen Angriffen auf Merz speziell durch Weidel rechne. Der Kanzlerkandidat will aber die Gelegenheit nutzen, sich erneut deutlich von der AfD abzugrenzen und Weidel ebenfalls zu attackieren.