Luxemburg

Die Zapfsäule glüht: Alles, was Sie über die explodierenden Spritpreise wissen müssen

Die Spritpreise erreichen in Luxemburg seit dem vergangenen Herbst immer wieder neue Rekordwerte. Warum ist das so? Und wer entscheidet überhaupt darüber, was schließlich an der Zapfsäule angezeigt wird? Das Tageblatt hat einen Experten vom Luxemburger Energieministerium gefragt.

Luxemburg benutzt eine spezielle Formel, um den Spritpreis auszurechnen

Luxemburg benutzt eine spezielle Formel, um den Spritpreis auszurechnen Foto: Editpress/Alain Rischard

Wie wird der Preis in Luxemburg festgelegt?

Die Maximalpreise, die in Luxemburg angewandt werden können, werden täglich mittels einer komplexen Formel neu berechnet. Darin sind die Dollarschwankungen, die Preisentwicklung auf dem Rohölmarkt, Transport- und Lagerungskosten sowie Steuern berücksichtigt. „Luxemburg hat eine Vereinbarung mit dem Sektor, sie nennt sich ‚Contrat de programme’“, sagt Georges Lanners, der sich beim Energieministerium um den Kraftstoffsektor kümmert, gegenüber dem Tageblatt. Darüber werden die Höchstpreise für verschiedene Produkte wie Super 95, Super 98, Diesel und Heizöl in Luxemburg festgelegt. Spezielle Produkte wie etwa „V-Power Diesel“ würden nicht direkt unter den „Contrat de programme“ fallen.

„Für die Formel beziehen wir uns auf Preisnotierungen, die von einem unabhängigen Institut ausgerechnet werden“, sagt Lanners. Das Unternehmen Argus sammele von allen Firmen, die die relevanten Produkte an dem Tag verkaufen, vertrauliche Daten, um daraus eine Preisnotierung zu berechnen, die den jeweiligen Marktpreis widerspiegelt. Argus erstelle diese Notierungen für die meisten Erdölprodukte (Rohöl, Biokraftstoffe, Kerosin, Diesel, LPG, usw.) und jeweils für einen geografischen Markt (London, Nordwesteuropa, usw.). Auf Basis der relevanten Preisnotierungen wird dann der Maximalpreis des Tages berechnet. In diesen fließen auch Notierungen von Produkten ein, die auf den ersten Blick nichts mit Erdöl zu tun haben. „In unseren Kraftstoffen befinden sich ja auch Bio-Stoffe, wie etwa Fettsäuremethylester oder Ethanol“, erklärt Lanners. „Die Preisnotierungen sind meistens in Dollar pro Tonne, aber der Verkaufspreis an der Tankstelle ist in Euro – das heißt, der Euro-Dollar-Kurs beeinflusst den Preis auch noch einmal.“

LINK Die hohen Spritpreise sind nicht schlecht – die Luxemburger Fahrradinfrastruktur schon

Wann wird der Preis angepasst?

Die Formel generiert automatisch jeden Tag einen Höchstpreis. Damit die Luxemburger Zapfsäulen nicht täglich ein anderer Eurobetrag schmückt, vergleicht das Energieministerium den theoretischen Preis und den momentanen Preis an der Tankstelle. „Beim Diesel funktioniert das beispielsweise so: Wenn die Durchschnittsabweichungen der zwei vergangenen Tage über 10 Euro pro 1.000 Liter lagen, dann kann der Preis am darauffolgenden Tag angepasst werden“, erklärt Georges Lanners. Eine zweite Möglichkeit: Wenn der durchschnittliche Preisunterschied in den vergangenen zehn Tagen mehr als 6 Euro pro 1.000 Liter beträgt, dann werde der Preis auch angepasst. Damit ist sichergestellt, dass der Maximalpreis die Entwicklung der internationalen Ölmärkte widerspiegelt, ohne dass der luxemburgische Konsument ständigen Preisschwankungen ausgesetzt sei.  

Luxemburg hat – wie auch Belgien – ein spezielles System. „In Deutschland z.B. können sich die Preise im Stundenrhythmus ändern. Das kennen wir bei uns so nicht“, sagt Lanners.

Hat die Regierung Einfluss auf den Preis?

„Wir haben in Luxemburg kein System, mit dem wir die Preise kontrollieren – wir legen den Maximalpreis fest“, sagt Georges Lanners. Der Staat könne nur die Formel applizieren und nicht verhindern, dass die Preise steigen. „Wenn die Preisnotierungen steigen, dann kaufen die Ölkonzern das finale Produkt zu diesen Preisen und dann muss der Endpreis auch angepasst werden“, sagt Lanners. Trotzdem: Der Spritpreis an den Zapfsäulen setzt sich laut petrol.lu aus dem Einkaufspreis bei der Raffinerie (47 Prozent), Transportkosten (9 Prozent), Akzisen (29 Prozent) und der Mehrwertsteuer (14 Prozent) zusammen.

Auf die Akzisen und die Mehrwertsteuer hat der Staat durchaus Einfluss. Im Vergleich zum nahen Ausland seien die Akzisen und die Mehrwertsteuer in Luxemburg aber bedeutend niedriger als in unseren Nachbarländern.    

Neues Rekordhoch: Super 98 steigt auf 1,666 Euro pro Liter

Autofahrern dürfte langsam schwindelig werden: Mit einer erneuten Preiserhöhung steigt das 98er-Benzin auf ein Rekordhoch. Ab Mitternacht wird der Liter um 2,1 Cent teurer und kostet dann 1,666 Euro. Seit Anfang 2022 hat sich der Preis für das 98er-Benzin kontinuierlich erhöht und erfährt seine bereits sechste Preiserhöhung seit Beginn des Jahres. Der Preis für 95er-Benzin ist am Mittwoch bereits um 2,3 Cent pro Liter auf 1,576 Euro gestiegen – ebenfalls ein Rekordwert. Wie für das 98er-Benzin war es auch für den 95er-Sprit die bereits sechste Preiserhöhung für 2022. Der Preis für einen Liter Diesel liegt derzeit bei 1,50 Euro. Seit Anfang dieses Jahres hat der Diesel-Preis fünf Preissteigerungen verzeichnet.

Warum steigen die Spritpreise seit kurzem so stark?

Nach einem Rückgang im Dezember stiegen die Preise für Erdölprodukte laut staatlichem Statistikamt Statec innerhalb eines Monats wieder um 12,3 Prozent. „Dies lässt sich zum einen durch den Anstieg der Preise für Brent und Gas auf den internationalen Märkten und zum anderen durch die Erhöhung der Steuer auf Erdöl und Erdgas erklären“, schreibt Statec. So habe auch die Erhöhung der CO₂-Steuer am 1. Januar 2022 den Preis mit angetrieben.

CO₂-Steuer

Mit dem Nationalen Energie- und Klimaplan (PNEC) hat Luxemburg 2021 eine CO₂-Steuer eingeführt. Im ersten Jahr wurden 20 Euro je ausgestoßene Tonne Kohlendioxid erhoben. In den beiden Folgejahren soll die Gebühr um jeweils 5 Euro ansteigen. Dies führt zu zusätzlichen Kosten – einschließlich Mehrwertsteuer – von 7 Cent auf den Liter Diesel im Jahr 2022 und 9 Cent im Jahr 2023. Beim Super sieht die Situation ähnlich aus: 6 Cent für 2022 und 8 Cent für 2023.

Die CO₂-Steuer kostet einen Autofahrer, der mit einem Dieselfahrzeug, das sechs Liter pro 100 Kilometer verbraucht und 20.000 Kilometer im Jahr fährt, ungefähr 84 Euro pro Jahr. Im Jahr 2023 beträgt die Differenz dann 105 Euro. Bei einem mit Super betriebenen Auto mit einem Verbrauch von sieben Litern pro 100 Kilometer beträgt die Differenz im Jahr 2022 auch 84 Euro – 2023 sind es allerdings 112 Euro. Die Einnahmen will der Staat in die Förderung von Klimaschutzmaßnahmen und zur Unterstützung ärmerer Haushalte investieren.

Die Zapfsäule glüht: Alles, was Sie über die explodierenden Spritpreise wissen müssen

Foto: Editpress/Alain Rischard

Die Spritpreise seit der Pandemie

Im Jahr 2020 waren die Spritpreise in Luxemburg auf historische Tiefststände gefallen. Für einen Liter Super 95 mussten Verbraucher Ende April beispielsweise nur 0,891 Euro bezahlen – es war der niedrigste Stand seit Beginn der Datenreihe auf petrol.lu. Hintergrund des Preissturzes war damals der Corona-bedingte Einbruch der Nachfrage. Kurzfristig war der Ölpreis an den Märkten damals sogar unter null gerutscht. Doch die Zeit der niedrigen Preise sollte nicht von Dauer sein. Schnell schossen sie wieder nach oben. Innerhalb eines Jahres hatten sie um mehr als 30 Prozent zugelegt, berichtete der Automobilclub (ACL) im November 2021 – die höchste Steigerungsrate in ganz Europa.

In den Tagen zuvor waren die Spritpreise in Luxemburg auf neue Rekordhöhen geklettert. Ende Oktober erreichte der Preis für Diesel (mit 1,418 Euro pro Liter) den höchsten Stand seit Beginn der Datenreihe auf petrol.lu. Rund eine Woche später folgte dann der Preis für Super 98 (1,598 Euro pro Liter) und noch einige Tage später auch der Preis für Super 95 (bei 1,526 Euro pro Liter). Nach einer leichten Beruhigung im Dezember geht es seit Anfang 2022 jedoch wieder stetig aufwärts mit den Preisen.

Strom tanken

Der günstigste „Treibstoff“ (pro Kilometer) ist derzeit (noch) Strom. Für die gleiche Geldsumme kann ein Fahrer eine etwa um ein Drittel längere Strecke zurücklegen als mit den traditionellen Kraftstoffen. Auch steigen aktuell nicht nur die Preise für Benzin und Diesel. Das „Volltanken“ mit Strom ist allerdings zuletzt ebenfalls deutlich teurer geworden. Während Autofahrer 2021 noch 26 Cent pro kWh an den Chargy-Ladesäulen zahlen mussten, so werden seit diesem Jahr 34,5 Cent fällig, berichtet der ACL – ein Anstieg um stolze 32 Prozent. Im Jahr 2019 waren es erst 20 Cent.

Wer an einer SuperChargy-Schnellladestation tanken will, muss aktuell 48,5 Cent pro kWh zahlen. Auf dem Strom werden allerdings keine Akzisen erhoben. Dabei gilt es noch zu bemerken, dass die Preise für den Luxemburger Verbraucher – sowohl beim Sprit als auch beim Strom – und trotz der jüngsten Preissteigerungen, weiterhin unter denen der Nachbarländer liegen.

Ein Blick in die Zukunft

Eine schnelle Besserung bei den hohen Preisen sieht der ACL indes nicht. Vania Henry ist beim ACL zuständig für Marketing und Kommunikation. Für das Jahr 2022 bleibe man pessimistisch, sagte Henry Mitte Januar  gegenüber dem Tageblatt. Das gelte nicht nur für Sprit und Strom, sondern auch für Preise und Liefertermine von Autos. Gespräche mit Branchenvertretern hätten ergeben, dass die Nachfrage wohl höher als das Angebot bleiben werde. 

Die aktuelle Situation könne man nun natürlich als „Trigger zum Umdenken“ sehen, so Vania Henry weiter. Doch das gelte nur für die, die es sich leisten können. Immerhin seien hierzulande satte 77.000 Autos zwischen 15 und 20 Jahre alt, gibt sie zu bedenken. „Vielleicht wären mehr Hilfen notwendig?“ Des Weiteren gibt Vania Henry zu bedenken, dass „der Staat Strom derzeit nicht so stark besteuert wie fossile Brennstoffe … für den Moment“. So werden auf dem Strom beispielsweise wie erwähnt keine Akzisen erhoben.

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