Großbritannien

Der Siegeszug des alkoholfreien Bieres: Junge Briten saufen weniger – Pubs geraten in Existenznot

Kaum haben die Briten den immer populärer werdenden Dry January hinter sich gelassen, sehen sich die Pubs auf der Insel mit neuen Hiobsbotschaften konfrontiert.

In Großbritannien enthalten die Pints immer öfter alkoholfreies Bier

In Großbritannien enthalten die Pints immer öfter alkoholfreies Bier Foto: AFP

Rechtzeitig zur Rückkehr der ausgenüchterten Bier- und Weinliebhaber hat die Regierung die Alkoholsteuer um 3,6 Prozent erhöht – eine „bittere Pille“ für den Sektor, wie Miles Beale von der Branchenvereinigung WSTA sagt. Die traditionsreichen Treffpunkte von Jung und Alt, Arm und Reich stehen ohnehin schwer unter Druck, weil sich immer mehr junge Leute der alten Tradition des Kampfsaufens bis zur Closing Time verweigern.

Die Entzugskur zu Jahresbeginn galt einst als Ausgleich für die schwierige Advents- und Weihnachtszeit. Um Einkaufsorgien, Firmenfeiern und Zusammenkünfte mit der ungeliebten Verwandtschaft zu überstehen, versetzten sich viele Briten zumindest in milden Rausch, häufig auch in Koma-artige Zustände. Aus und vorbei: Jüngste Statistiken deuten auf ein gesellschaftliches Umdenken hin, dem sich Pub-Betreiber einstweilen nur mühsam anpassen.

Einer Erhebung des Online-Supermarktes Ocado zufolge bezeichnet sich die Hälfte aller jungen Leute unter 34 als Alkohol-Verweigerer, in der nächsthöheren Gruppe der 34- bis 54-Jährigen stellen sie auch schon ein Drittel. Fachleute haben Sorgen um die Gesundheit und den Geldbeutel sowie das Vorbild einflussreicher Internet-Promis als mögliche Gründe ausgemacht. Auch die Religion spielt eine Rolle. Die anglikanische Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts brachte große Gruppen von Abstinenzlern hervor. Mittlerweile macht sich die wachsende Zahl streng religiöser Muslime auf der Insel bemerkbar.

Kronprinz als „One Pint Willy“ verspottet

Wie verächtlich die Mehrheitsgesellschaft lange Jahre den Alkohol-Verzicht beurteilte, lässt die überlieferte Herkunft des Begriffs Teetotaller erahnen. Er kam angeblich bei der Rede eines nordenglischen Predigers zustande, der in seinem Eifer für den „totalen“ Verzicht zu stottern begann. Inzwischen gilt der Ausdruck als mindestens veraltet, wenn nicht gar beleidigend; hingegen liegt mehr Mäßigung oder gar gänzliche Verweigerung total im Trend. Angeführt wird dieser vom 42-jährigen Kronprinzen William, der sich im Familienkreis als „One Pint Willy“ verspotten lassen muss, weil er es gern bei einer Halben Bier belässt.

Das freut die unermüdlichen Mahner, die der Saufepidemie Einhalt gebieten möchten. Immerhin beziffern Gesundheitsstatistiker und Sozialwissenschaftler die jährlichen Kosten für das Nationale Gesundheitssystem NHS sowie die Strafverfolgungsbehörden auf mehrere Milliarden Pfund. Die Notfallstationen britischer Krankenhäuser quellen am Wochenende häufig über von Alkoholopfern; 80 Prozent aller Täter und Opfer von Körperverletzungen gerieten alkoholisiert in Schlägereien.

Womöglich tragen solche Horrorzahlen zur neuen Abstinenz bei. Jedenfalls verlangen Pub-Kunden immer häufiger nach alkoholfreien Getränken oder solchen mit sehr geringem Anteil des beliebten Rauschmittels. Andere halten ihren Schwips durch abwechselnd konsumierte Getränke mit oder ohne Alkohol unter Kontrolle. Die Marketing-Spezialisten haben dafür aus der Straßenverkehrsordnung den Begriff des Zebrastreifens (Zebra Striping) entlehnt, wobei unklar bleibt, ob Wein und Bier als schwarz gelten oder doch Mineralwasser und Apfelsaft.

Alkoholfreies Guinness aus dem Zapfhahn

Einzelhandelsgiganten wie Tesco oder Waitrose registrierten im Dezember Rekordverkäufe von Null-Alkohol-Getränken wie dem irischen Guinness Zero (100 Prozent Zuwachs) oder Spaniens Corona 0,0 Prozent, dessen Absatz sogar um das Zweieinhalbfache wuchs. Das habe mit „der wunderbaren Vielfalt köstlicher Drinks“ in diesem Sektor zu tun, glaubt Sarah Holland von Waitrose.

Pubs bemühen sich verzweifelt darum, dem neuen Trend Folge zu leisten. Schon gibt es beispielsweise das alkoholfreie Guinness in Londoner Wirtshäusern aus dem Zapfhahn statt wie bisher nur aus der Dose. Das bringt dem Konsumenten neben der Frische des Produkts einen zusätzlichen Vorteil, ist doch die Steuer auf frisch gezapfte Biere gerade zum ersten Mal seit mehr als einem Jahrzehnt gesunken, wenn auch nur um einen einzigen Penny. Ob das die Kneipenkultur auf der Insel retten kann?

Seit 2000 ist die Zahl der Pubs auf der Insel um ein Viertel zurückgegangen. „Jüngste Schocks, wie die Covid-Pandemie und der Anstieg der Energiepreise, haben den finanziellen Druck erhöht“, berichtet Emma McClarkin von der Lobbygruppe BBPA und beklagt die jüngsten Steuererhöhungen: „Wir bezahlen viel mehr als unsere europäischen Nachbarn.“

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