Domaine Tageblatt

„Der Baum ist ein guter Partner“: Wie Rosen und Nisthilfen den Weinberg beleben können

Um die Biodiversität im Weinberg zu fördern, pflanzt das SIAS Obstbäume und andere Pflanzen bei den Reben. Nisthilfen sollen den Insekten einen Schlafplatz bieten. Wir haben in unserer „Domaine Tageblatt“-Parzelle fünf davon installiert.

Tom Dall’Armellina vom Gemeindesyndikat SIAS hat mit dem Tageblatt darüber gesprochen, wie man die Biodiversität im Weinberg fördern kann

Tom Dall’Armellina vom Gemeindesyndikat SIAS hat mit dem Tageblatt darüber gesprochen, wie man die Biodiversität im Weinberg fördern kann Fotos: SIAS/Editpress/Fabrizio Pizzolante, Fotomontage: Editpress

„Wo ist Süden? Das Insektenhaus sollte bestenfalls nach Süden ausgerichtet werden“, murmle ich in mich hinein. Ich stehe vom Regen durchnässt in unserer Weinbergparzelle und suche im grau bewölkten Himmel nach einer Antwort, für die mir allerdings die nötigen Survivalskills fehlen. Dann muss eben das schlauere Mobiltelefon herhalten. Das Insektenhaus sollte zudem kerzengerade hängen, damit sich die Löcher nicht mit Regenwasser füllen. Das hat Tom Dall’Armellina vom Gemeindesyndikat SIAS meinem Redaktionskollegen Sidney und mir am vergangenen Donnerstag im Weinberg von Sunnen-Hoffmann in Schengen erklärt. Das Naturschutzsyndikat hat dort Obstbäume, Blumenwiesen und Rosen gepflanzt. „Das Gelände gehört der Gemeinde Schengen – das war vorher eine leere Wiese“, erklärt der Umweltberater.

Wir haben die Insektennisthilfen des SIAS auch in unserer Parzelle angebracht

Wir haben die Insektennisthilfen des SIAS auch in unserer Parzelle angebracht Foto: Editpress/Alain Rischard

Die vor zwei Monaten bepflanzte Fläche ist Teil einer Initiative zur Förderung der Artenvielfalt in der Luxemburger Weinbauregion. Das SIAS kümmert sich um die Koordination des Projektes und – falls von den Winzern gewünscht – auch um das Pflanzen. Die Umsetzung wird komplett über den „Fonds pour la protection de l’environnement“ vorfinanziert. Das Naturschutzsyndikat will von 2023 bis 2028 unter anderem 2.000 Insektenschutzhilfen und zehn Lebenstürme in der Moselregion installieren. Hinzu kommen 300 Obstbäume, 500 Wildkräuterpflanzen, 1.000 Hecken und 2.000 Rosen.

Wie erfolgreich sind die Nisthilfen?

Das SIAS hat bisher 600 Nisthilfen installiert. Diesen Sommer haben sie etwa 230 davon kontrolliert und herausgefunden, dass 18 Prozent davon nicht belegt waren. 11 Prozent waren fast komplett voll. Bei dem größten Teil (59 Prozent) waren zwischen 1 und 25 Prozent der Löcher belegt. „Wir haben Ende 2023 angefangen, die Nisthilfen aufzuhängen – und viele davon erst 2024. Das sind eigentlich ganz vielversprechende Zahlen. Wir gehen davon aus, dass die leeren Löcher auch schnell besiedelt werden“, sagt Tom Dall'Armellina vom Gemeindesyndikat SIAS.

Warum Rosen? „Sie produzieren sehr viele Pollen – und wurden auch traditionell in den Weinbergen gepflanzt“, erklärt Tom Dall’Armellina. Die Blumen dienten als Frühwarnsystem für die Pilzerkrankung Mehltau, weil sie vor den Reben befallen werden. Auch wenn die Rosen diese Rolle mittlerweile wegen der Pflanzenschutzmittel nicht mehr übernehmen, dienen sie weiterhin als gute Nahrungsquelle für Wildbienen. Die Reben profitieren nicht direkt von den Bestäuberinsekten, weil die Pflanzen über den Wind bestäubt werden. „Aber die Biodiversität und funktionierende Ökosysteme sind generell wichtig. Wenn ein Ökosystem nicht mehr funktioniert, dann ist auch keine Resilienz mehr da gegen Schadorganismen“, sagt Dall’Armellina.

Maue Mikroorganismen

Das bestätigt auch Winzerin Corinne Kox. Unsere Parzellen-Patentante interessiert sich bereits seit 2019 für Viti-Forstwirtschaft und belegte einen entsprechenden Kurs in Bordeaux. Die Natur- und Waldverwaltung (ANF), das Weinbauinstitut IVV und das SIAS haben sich damals die Arbeit der gelernten Molekularbiologin angeschaut. Momentan bewirtschaftet die Domaine Kox vier Parzellen, in denen ebenfalls andere Pflanzen blühen. Ein Teil in Zusammenarbeit mit dem SIAS. 

„Es gibt rezente Studien, die zeigen, dass der Boden im Weinberg nicht divers ist. Die Anzahl der Mikroorganismen im Boden ist ziemlich mau – das liegt auch daran, dass es eine Monokultur ist“, erklärt Kox. Das würde sich auch auf die Qualität des Weines auswirken. Die Wurzeln der Bäume seien anders als die der Reben, wodurch sich im Boden andere Mikroorganismen ansiedeln. Und: „Die Forschung hat gezeigt, dass hinsichtlich Wassergehalt und Nährstoffe keine große Konkurrenz zwischen der Rebe und Baum existiert – der Baum ist ein guter Partner“, erklärt die Winzerin. Schwierigkeiten könnten allerdings während besonders nassen Jahren entstehen. „Dann hast du Krankheiten, die unter dem Baum bessere Voraussetzungen haben, weil die Feuchtigkeit nicht so schnell verschwindet.“

Laut Kox sei jetzt der Moment, gegen die Monokultur im Weinberg vorzugehen. „Der Klimawandel schreitet so schnell voran, das Dürrerisiko wird in 20 Jahren viel größer sein als heute“, so die studierte Biologin. Bäume würden Schatten spenden und den Boden während einer Dürre vor dem Austrocknen beschützen. Deswegen müsste man jetzt anfangen, diese Bäume zu pflanzen, damit der Weinberg in 20 Jahren resistenter gegen den Klimawandel ist. „Viele Menschen können sich das nicht vorstellen, weil es noch so weit weg ist. Aber ich muss nur in die Vergangenheit schauen: Wie war es bei den Eltern und wie ist es heute? Der Unterschied ist erschreckend.“

Auch wenn es jetzt noch ziemlich trist wirkt, soll hier in Schengen im Frühjahr ...
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Auch wenn es jetzt noch ziemlich trist wirkt, soll hier in Schengen im Frühjahr eine Blumenwiese blühen
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„Der Baum ist ein guter Partner“: Wie Rosen und Nisthilfen den Weinberg beleben können

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Initiative kommt gut an

Bei den Winzern scheint die Initiative des SIAS bisher gut anzukommen. „Vom kleinen Hobbywinzer bis zum großen, der durch halb Europa exportiert, ist alles dabei“, sagt Tom Dall’Armellina. Seit 2023 haben sie mehr als 900 Rosen, etwa 180 Hecken und 144 Bäume gepflanzt. Viele der Winzer seien sowieso schon naturnäher. Andere haben seit langem Parzellen in ihrer Familie und finden niemanden mehr, der diese pachten will. „Deswegen reißen sie die Reben heraus und versuchen etwas anderes anzupflanzen“, sagt der Umweltberater. „Das haben wir letztes und vorletztes Jahr bei insgesamt vier Winzern gemacht.“ Dabei gehe es nicht darum, Geld mit diesen Pflanzen zu verdienen. „Sie nutzen das für sich selbst“, sagt Dall’Armellina.

Das gemischte Anpflanzen hat allerdings nicht nur Vorteile. Zum Teil verliert der Winzer an Anbaufläche. Und es ist ein teures System. Der Umweltfonds übernimmt zwar die Vorfinanzierung, „aber je nach Art der Bepflanzung muss man viel öfter manuell arbeiten – und das ist immer sofort teurer, das will kein Kunde mehr bezahlen“, sagt Corinne Kox. Trotzdem: „Meiner Meinung nach könnten wir sehr viel davon profitieren.“ Das Forschungsinstitut „Luxembourg Institute of Science and Technology“ (LIST) untersucht seit Anfang Januar zusammen mit der Domaine Kox die Auswirkungen der Kultivierung von Bäumen im Weinberg. Mit ersten Ergebnissen rechnet das LIST voraussichtlich ab 2026.

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