Kriegsverbrechen
Bosnisch-serbischer Ex-General Ratko Mladic wird zu lebenslanger Haft verurteilt
26 Jahre nach Ende des Bosnienkriegs ist der Hauptverantwortliche für den Völkermord von Srebrenica endlich zur Rechenschaft gezogen worden: Das frühere UN-Kriegsverbrecher-Tribunal hat den bosnisch-serbischen Ex-General Ratko Mladic rechtskräftig zur Höchststrafe einer lebenslangen Haft verurteilt.
Ratko Mladic wird nicht mehr freikommen Foto: Jerry Lampen/ANP/AFP
Im Gerichtssaal erschien Ratko Mladic ohne Maske. Launig grüßte der gefürchtetste Scherge des Bosnienkriegs (1992-1995) zunächst die Fotografen. Polternd und fluchend war der Ex-General vor vier Jahren bei der Urteilsverkündung in erster Instanz 2017 wegen Missachtung des Gerichts des Saales verwiesen worden. Nun vernahm der Mann im dunklen Anzug mit heruntergezogenen Mundwinkeln und unbeweglicher Miene sprach- und regungslos am Dienstag das letzte und endgültige Urteil seiner Richter.
Punkt für Punkt verwarf die vorsitzende Richterin Prisca Matimba Nyambe die Einsprüche der Verteidigung und bestätigte das Urteil in erster Instanz. Wegen Völkermords, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und schwerer Kriegsverbrechen sprach die Berufungskammer des IRMCT, Nachfolger des früheren UN-Tribunals, den einstigen Oberbefehlshaber der bosnisch-serbischen Armee (VRS) in zehn von elf Anklagepunkten für schuldig: Nur vom Vorwurf, neben Srebrenica auch in Westbosnien Genozid begangen zu haben, sprach das Gericht den 78-Jährigen wie schon in erster Instanz frei.
Vergeblich hatte die Verteidigung von Mladic auf Freispruch plädiert. Die an 530 Prozesstagen gesammelte Beweislast für Mord, Vertreibungen und Völkermord war einfach zu erdrückend.
Allein nach der von Mladic befehligten Einnahme der Muslim-Enklave Srebrenica am 11. Juli 1995 waren über 8.000 Männer und Jugendliche in systematischen Massenerschießungen ermordet und in den umliegenden Wäldern verscharrt worden. „Was Hitler für die Juden war, ist Ratko Mladic für die Mütter von Srebrenica“, erklärte am Tag seiner Verurteilung die nach Den Haag gereiste Witwe Munara Subasic, die bei den Massakern neben Sohn und Mann 24 weitere Angehörige verlor: „Er ist der Hauptverantwortliche. Wohin seine Stiefel und Armee auch gelangten, alles wurde vernichtet.“
Zumindest die Opferverbände der muslimischen Bosniaken zeigten sich über die Bestätigung des Schuldspruchs für Mladic erleichtert. Mit dem Urteil schließe sich der „Kreis der Verantwortung“ der politischen und militärischen Führung der Republika Srpska während des Kriegs, so Murat Tahirovic, der Vorsitzende des Verbands der Opfer und Zeugen des Genozids: Nun stehe noch der „große Kampf“ bevor, auch „niederrangige Kriegsverbrecher vor den heimischen Gerichten zur Verantwortung zu ziehen“.
Unversöhnliche Töne in Serbien
Auf Ablehnung und Skepsis war das zu erwartende Urteil schon vor seiner Verlesung hingegen bei der regierungsnahen Boulevardpresse im benachbarten Serbien gestoßen. Die Verurteilung von Mladic „satanisiert zwar nicht alle Serben, aber die Welt wird versuchen, uns als Volk des Völkermords zu etikettieren“, fürchtete am Dienstag der Belgrader Kurir. „General Mladic ist ein Soldat und kein Verbrecher!“, schrieb grimmig der Informer: „Wenn nach Recht und Beweisen geurteilt würde, müsste er freigesprochen werden.“
Noch unversöhnlichere Töne wurden im bosnischen Teilstaat der Republika Srpska laut. „Es gab keinen Genozid“, verkündeten die Plakate der ultranationalistischen Gruppe „Östliche Alternative“ mit dem Antlitz des salutierenden Kriegsverbrechers. „Danke, General, Gott behüte dich!“, deklamierten bei einer Kundgebung in Bratunac am Vorabend der Urteilsverkündigung die Genozidleugner der Initiative, die auch dafür streitet, in Srebrenica dem den Völkermord relativierenden Literaturnobelpreisträger Peter Handke die Hauptstraße zu widmen: „Es lebe die Republika Srpska, es lebe Ratko Mladic!“
Bosniens Vielvölkerstaat bleibt gespalten, ist von einer Versöhnung über den Gräbern auch ein Vierteljahrhundert nach Kriegsende weit entfernt. Doch zumindest für den „Schlächter von Srebrenica“ ist der Vorhang nun endgültig gefallen. Wo Mladic seine Strafe absitzen wird, ist noch ungewiss. Aber auch den Rest seines Lebens wird der seit 2011 inhaftierte Kriegsverbrecher nach seiner rechtskräftigen Verurteilung in einer Zelle fristen.