Nachruf
Anarchist und Anwalt: Begegnungen mit Maître Gaston Vogel
In der Öffentlichkeit pflegte er das Bild eines zornigen Mannes. In den persönlichen Gesprächen mit dem Autor zeigte sich Me Gaston Vogel zumeist von einer anderen Seite. Der große Individualist war ein Kenner der Philosophie und Literatur sowie der asiatischen Kunst und Kultur. Am Samstag, 2. November, ist der berühmte Rechtsanwalt verstorben.
Hell und Dunkel: Gaston Vogel im Jahr 2015 Foto: Isabella Finzi/Editpress-Archiv
Sein Ruf eilte ihm voraus. Me Gaston Vogel war berüchtigt für seine Wutausbrüche ebenso wie für seine pointierten und fein ziselierten Plädoyers, aber auch für seine unermüdliche Kritik an der luxemburgischen Justiz und Politik – und für seine Einlassungen zu vielen gesellschaftlichen Fragen. Persönlich zum ersten Mal habe ich ihn im Laufe des „Bommeleeër“-Prozesses in den Jahren 2013 und 2014 erlebt. Unvergesslich für mich waren jene Momente, als er das Wort erhob, neben sich sein Mandant Marc Scheer sowie die Verteidigerin Lydie Lorang und deren Mandant Jos Wilmes. Vogel setzte leise und mit gewohnter Eloquenz an. Seine Rede war ein Beispiel brillanter Rhetorik. Das Crescendo, anfangs kaum zu bemerken, steigerte sich mehr und mehr, die Worte wurden härter, ihr feines Schleifzeug wich der gröberen Feile, bis der Wortschmied Punzen, Reißnadel und Stichel durch Hammer und Amboss eintauschte, sodass die Rede in einem mächtigen finalen Gewitter gipfelte, in dem die einzelnen Silben wie Blitze einschlugen – Vogels Zorn hatte sich mit Inbrunst Bahn gebrochen.