Olympische Winterspiele

Von Girlhood bis zur neuen „Hand Gottes“: Die Olympia-Momente der Tageblatt-Redaktion

Die Olympischen Spiele in Mailand und Cortina d’Ampezzo sind seit Sonntag vorbei und ließen auch die Tageblatt-Redaktion mitfiebern, die sich alles andere als Wintersportmuffel entpuppte. Von Frauenpower, einem gefallenen Ausnahmetalent und einer neuen „Hand Gottes“. Diese olympischen Momente werden in Erinnerung bleiben.

Zwei glückliche Eiskunstläuferinnen feiern gemeinsam Girl Power bei den Olympischen Spielen.

Das Podium der Eiskunstläuferinnen: In einer Welt, in der Frauen oft gegeneinander ausgespielt werden und man sich nicht mehr für jemand anderes freuen kann, geht es auch anders Foto: AFP/Gabriel Bouys

Die magische 35

Francesca Lollobrigida zeigt starke Frau beim Eisschnelllauf, die Familie und Sport erfolgreich vereint

Francesca Lollobrigida hat gezeigt, dass sich Frauen keinesfalls zwischen Kind und Sport entscheiden müssen Foto: AFP/Gabriel Bouys

Es war geballte Frauenpower, die den Gastgeber in Jubelstürme versetzte. Noch nie war Italien bei Olympischen Winterspielen so erfolgreich wie vor heimischem Publikum 2026. Zu verdanken haben sie dies gleich mehreren beeindruckenden Damen, die zeigten, dass sie auch die schwersten Hürden meistern können. Allen voran Eisschnellläuferin Francesca Lollobrigida, die geschwächt von einer hartnäckigen Virusinfektion noch im Dezember alles hinschmeißen wollte. An ihrem 35. Geburtstag hat sie dann jedoch eindrucksvoll gezeigt, dass man sich als junge Mutter nicht zwischen Kind und Sportkarriere entscheiden muss. Im Ziel feierte sie mit ihrem kleinen Sohn Tommaso, ein Bild, das in Erinnerung bleiben wird. Nur wenige Tage später gewann die Eisschnellläuferin dann sogar ihr zweites Gold.

35 scheint in Italien sowieso die magische Zahl dieser Spiele gewesen zu sein. Denn auch Federica Brignone, die ihren Comeback-Wahnsinn mit gleich zwei Goldmedaillen im Ski Alpin krönte, ist 35. Dass sich sogar die Konkurrenz vor ihr, die sich aus einer Horrorverletzung zurückgekämpft hatte, verneigte, spricht Bände. Am Ende gingen sechseinhalb (aufgrund der Mixed-Staffel im Shorttrack) von zehn Goldmedaillen an die italenischen Damen. Dass Frauensport ein ganzes Land begeistern kann, haben die Gastgeberinnen eindrucksvoll bewiesen. (J.Z.)

Col de l’Europe

Die Mixed-Zone beim Riesenslalom in Cortina d’Ampezzo platzt aus allen Nähten. Klar: Die italienischen Journalisten lauern auf Federica Brignone, die später gewinnen wird, die US-Amerikaner auf Mikaela Shiffrin – und überhaupt ist alles vertreten, was im Wintersport Rang und Namen hat. Doch kaum sind die Topstars durch, passiert das Unvermeidliche: Die Mixed-Zone leert sich schneller als eine Berghütte nach dem letzten Kaiserschmarrn. Eben noch dichtes Gedränge, jetzt plötzlich viel Ellenbogenfreiheit. Zurück bleiben die journalistischen Delegationen der „exotischeren“ Wintersportnationen: ein Ire, ein Rumäne, ein Liechtensteiner – und ich. Als der Liechtensteiner Kollege auf meiner Akkreditierung ein „LUX“ entdeckt, kommt er nicht um eine Anmerkung herum: „Ich war zwar noch nie in Luxemburg, aber ich wusste gar nicht, dass ihr Berge zum Skifahren habt.“

Tja. Wie erklärt man nun diplomatisch, dass wir davon ungefähr so weit entfernt sind wie von einem fertiggestelltem Velodro… Moment – von einer eigenen Bobbahn mit Meerblick? Ich erzähle ihm also vom Col de l’Europe, der allein vom Namen her zumindest wie ein Alpenpass klingt. 2029 will der Kollege zu den Spielen der kleinen Staaten von Europa zum ersten Mal nach Luxemburg kommen. Sicher ist: die Skier kann er zu Hause lassen. Auch, wenn er sich auf den Gipfel des Anstiegs in Niederkorn begeben will. (pg)

Alles andere als ein Prahlhans

Ilia Malinin führt bei der Abschlussgala der Eiskunstläufer eine beeindruckende Kür als Ausnahmetalent vor

Bei der Abschlussgala der Eiskunstläufer zeigte Ilia Malinin, warum er ein wahres Ausnahmetalent ist Foto: AFP/Gabriel Bouys

Als Ilia Malinin bei seiner Kür stürzte, endete ein Traum. Der 21-jährige US-Amerikaner, Sohn von Tatiana Malinina und Roman Skorniakov, die einst für Usbekistan aufliefen, war bis zu dem Zeitpunkt der absolute Favorit. Er hatte vorherige Wettbewerbe mit einem Abstand von 30, teilweise sogar 40 Punkten zum Zweitplatzierten gewonnen – in einem Sport, bei dem der Sieger oft durch Kommastellen ermittelt wird. Malinin auf dem Eis ist Simone Biles am Schwebebalken, ist Michael Jordan auf dem Basketballfeld – ein absolutes Ausnahmetalent.

Und doch ist er gefallen. Er, der sich selbst „Quad god“ nannte. Hochmut kommt vor dem Fall, hört man nun viele sagen. Da klingt Schadenfreude mit. Aber Malinin ist kein Prahlhans. Er ist nur ein Mensch, der an sich glaubt. An seine Fähigkeiten. An seinen Traum. Sein Sturz hat ihn nicht davon abgehalten, die anderen Eiskunstläufer anzufeuern, dem Gewinner Michail Schaidorow zu gratulieren. Aber selbst dieser hat gesagt: Ilia Malinin ist der beste Eiskunstläufer der Welt. Hoffen wir, dass er seinen Traum bei den nächsten Winterspielen erfüllen kann. Und dass der vierfache Axel ihm dann gelingt. (hat)

Zerbrechlich und magisch zugleich

Es war ein Moment, in dem die Sportwelt stillstand: Trotz schwerer Knieverletzung trat Lindsey Vonn bei Olympia an, entschlossen, ihr Comeback mit Gold in der Abfahrt zu krönen. Schon vor den Spielen dominierte ihr Risiko die Schlagzeilen, ihr möglicher Triumph versprach eines der größten Sportmärchen. Doch kurz nach dem Start stürzte sie schwer und ihr Traum nahm ein abruptes Ende – es ist wohl das bittere Ende einer der größten Karrieren im alpinen Skisport. Wie nah Freud’ und Leid im Sport beieinanderliegen, bewies dann aber nur wenige Tage später Federica Brignone. Nach einer schweren Verletzung im Vorjahr (Fraktur des Schienbeinplateaus und des Wadenbeinkopfes sowie ein Kreuzbandriss) kämpfte sie sich rechtzeitig fit und holte im Super-G und Riesenslalom zwei beeindruckende Siege. Trotz „Todesangst“ im Rennen entstand eine der schönsten Geschichten der Olympischen Spiele – Momente, die zeigen, wie zerbrechlich und zugleich magisch Sport sein kann. (jw)

Girl Power ohne Patriarchat

Die halbe Welt analysiert gerade das Piercing und jede Haarsträhne von Alysa Liu – am meisten beeindruckt hat mich jedoch ihre mentale Reife und Solidarität. Die Goldmedaillen-Gewinnerin trat nicht nur mit einer Leichtigkeit und Freude an ihrem Sport auf, die auch Nichtkenner mitfiebern ließ, sondern freute sich genauso für ihre direkten Konkurrentinnen. In einer Welt, in der Frauen ständig gegeneinander ausgespielt und nach patriarchalen Idealen bewertet werden, in der Menschen es verlernt haben, sich wahrhaftig – ohne Hintergedanken, ohne Ellenbogen-Mentalität oder Hoffen auf Eigennutzen – für jemand anderes zu freuen, ist der Anblick einer Alysa Liu, die der Drittplatzierten Ami Nakai um den Hals springt und auch die Silbermedaillen-Gewinnerin Kaori Sakamoto in höchsten Tönen lobt, enorm erfrischend. Und sie war nicht die einzige Athletin, die ihre Größe auf diese Weise zeigte.

Apropos Haare: Auch die sind im Grunde das Ergebnis eines Emanzipationsprozesses. Alysa Liu ist mehr als die Nachwuchshoffnung, mehr als der blutjunge Shootingstar, der mit 16 bereits ausgebrannt war, mehr als das Klischee der Kinder chinesischer Abstammung, die angeblich nur etwas erreichen, weil sie von den Eltern gepusht worden seien. Übrigens hat auch ihr Vater die Entscheidung seiner Tochter, seinen Einfluss einzuschränken, akzeptiert und damit Souveränität bewiesen. Das Leben ist eben ein ständiger Prozess und man lernt, trotz Alter auf dem Pass, nur hinzu. Und was wir hier gelernt haben: Wenn Sport keine Freude bereitet, bringt auch der drallste Drill nix. (gia)

Hand und Finger Gottes: Gleiche Einsicht

Marc Kennedy beim Curling, konzentriert mit zwei Curling-Steinen gleichzeitig im Spiel auf dem Eis

Marc Kennedy hatte seine Finger beim Curling gleich doppelt im Spiel Foto: AFP/Odd Anderson

Was haben Diego Maradona und Marc Kennedy gemeinsam? Beide hatten auf dem Weg zum ganz großen internationalen Titel die Hände im Spiel. Dass es bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1986 noch keinen Videoschiedsrichter gab, der das irreguläre Tor des argentinischen Ausnahmekönners hätte annullieren können, ist verständlich. 2026 zeigte sich allerdings, dass eine digitale Überwachung des olympischen Curling-Turniers nicht ganz abwegig gewesen wäre.

Von Einsicht – heute wie damals – keine Spur: „Es war ein bisschen Maradonas Kopf und ein bisschen die Hand Gottes“, posaunte der Fußballer vor fast 40 Jahren. „Wer macht das? Wer? Ich hab’ das kein einziges Mal gemacht. Verpiss dich!“ – so der Wortlaut des kanadischen Curling-Spielers Kennedy Mitte Februar, nachdem seine Aktion einem schwedischen Gegner aufgefallen war.

Das Internet hatte berechtigterweise wenig Erbarmen mit dem frechen Schummler: Videos und Fotos, auf denen man deutlich erkennen konnte, wie der Sportler den Granitstein hinter der „Hog line“ berührte, machten die Runde. „Dieser ganze Versuch, Leute bei einem Verstoß auf frischer Tat zu ertappen, ist nervig“, wurde Kennedy vom Guardian zitiert. „Wenn jemand etwas Unangemessenes tut, wird das einfach in diesem Moment geklärt, und man macht weiter. Man braucht keine Offiziellen, die unser Spiel leiten.“ VARscheinlich wäre damit auch Maradona einverstanden gewesen. (chd)

So queer wie noch nie

Die Sportler und Sportlerinnen bei Olympia stehen natürlich vor allem für ihre Leistungen auf dem Schnee und Eis im Fokus. Doch die Spiele haben auch gezeigt, dass man sich als queere Person im Sport nicht mehr verstecken muss. Rund 50 Athleten und Athletinnen sind bei diesen Spielen „Out and proud“ gewesen. Eine rekordverdächtige Zahl.

Und es wurde romantisch. Die Eishockey-Kapitänin des US-Teams, Hilary Knight, und die Eisschnellläuferin Brittany Bowe haben sich während der Spiele 2022 in Beijing verliebt. In Cortina-Milano kam der nächste Schritt: Knight hat Bowe am Abend vor dem Gold-Match einen Heiratsantrag gemacht.

Sogar queere Geschichte wurde geschrieben: Elis Lundholm aus Schweden nahm als erster offen als Transmann lebender Athlet an Olympia teil. Der Schwede startete im Frauen-Wettbewerb auf der Buckelpiste. Da er bisher weder eine juristische Änderung des Geschlechtseintrags noch medizinische Maßnahmen zur geschlechtsangleichenden Behandlung durchgeführt hat, erfüllte er die Kriterien für eine Teilnahme. Eine Medallie sprang allerdings nicht dabei heraus. (joe)

Erst das „Aua“, dann das „Oha“

Nicht aufgeben war die Devise bei der Südkoreanerin Choi Ga-on beim Finale der Frauen in der Halfpipe im Snowboard. Im ersten Lauf war die 17-Jährige heftig gestürzt und blieb zunächst regungslos liegen. Sorge machte sich breit, eine Trage wurde vorbereitet. Beim Sturz trug sie unter anderem Verletzungen am Bein davon, das sie danach nicht mehr ganz strecken konnte. Sie dachte kurz ans Aufgeben, fuhr aber, von ihrem Vater ermutigt, weiter. Im zweiten von drei Läufen stürzte sie prompt erneut. Dann kam der dritte Lauf. Mit eigenen Angaben zufolge zitternden Knien eroberte sie die Führung, vor ihrem Idol und Superstar Chloe Kim (USA). Damit avancierte sie zur jüngsten Goldmedaillengewinnerin in der Disziplin. (stetu)

Choi Ga-on kämpft entschlossen weiter und zeigt, dass Durchhaltevermögen zum Erfolg führt

Ein Beweis dafür, dass sich Weiterkämpfen lohnt: Choi Ga-on Foto: AFP/Kirill Kudryavtsev

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