Coupe de Luxembourg
„Vielleicht bekommt man so ein Spiel nur einmal im Leben“: Rosport träumt vom Pokal-Coup
18 Jahre nach einem der bittersten Tage der Vereinsgeschichte steht die Victoria Rosport wieder im Pokalfinale. Zwischen Außenseiterrolle, Euphorie im Dorf und dem Vermächtnis des verstorbenen Präsidenten Jean Dondelinger träumt der Klub vom größten Abend seiner Geschichte. Am Freitag (19.30 Uhr) trifft das Team im Stade de Luxembourg auf Differdingen.
Lockere Stimmung beim Training am Dienstag: Stürmer Frederick Kyereh und Mario Brkljaca (beide rechts) posen noch vor der Kamera Foto: Editpress/Claude Lenert
Der 24. Mai 2008 hat sich tief in das Gedächtnis der Victoria Rosport eingebrannt. Erst der bittere Abstieg aus der BGL Ligue nach einem demütigenden 0:6 in Grevenmacher, wenige Tage später dann auch noch die Niederlage im Pokalfinale – erneut gegen den ungeliebten Nachbarn. Während Enttäuschung und Leere über dem Verein lagen, fand ausgerechnet Jean Dondelinger noch Worte voller Hoffnung. Als Großherzog Henri ihm nach dem verlorenen Finale die Hand schüttelte, sagte der damalige Präsident nur einen Satz: „Wir werden wiederkommen.“
18 Jahre später steht Rosport tatsächlich wieder im Pokalfinale. Dondelinger, der im vergangenen Jahr verstorben ist, sollte Recht behalten. Sein Nach-Nachfolger Guy Reiter, erst seit November 2025 Präsident der Victoria, blickt dem größten Spiel der jüngeren Vereinsgeschichte mit gemischten Gefühlen entgegen. „Die Stimmung ist schon ein bisschen angespannt. Ich verspüre Euphorie, habe aber auch Respekt vor dem Gegner. Gegen Differdingen tun wir uns immer schwer. Vor allem Standards, hohe Bälle – da sind sie stark.“
Rosport nimmt die Außenseiterrolle an
Die Rollenverteilung vor dem Finale ist klar definiert. In den vergangenen elf direkten Duellen gegen Differdingen gelang Rosport lediglich ein einziges Remis – alle anderen Begegnungen gingen an den Favoriten. Der letzte Sieg gegen den F91 datiert aus dem Jahr 2021. Budget, Kaderqualität, Titel und Erfahrung in solchen Endspielen: Auf dem Papier spricht nahezu alles für Differdingen. In Rosport ist man sich auch deswegen um die Rolle bewusst. „Wir nehmen die Rolle aus Außenseiter an“, sagt Reiter. „Wir kennen unsere Rolle. Wir haben Respekt, aber keine Angst. Der Trainer ist zuversichtlich.“

Guy Reiter, Präsident von Victoria Rosport Foto: Editpress/Claude Lenert
Für die Mannschaft von Martin Forkel wird das Finale am Freitag dabei Neuland sein. Schon die Anreise unterscheidet sich vom gewohnten Ablauf. Statt der privaten Anreise wartet eine Busfahrt ins Stade de Luxembourg, begleitet von größerem Medieninteresse und einer Atmosphäre, die viele Spieler in dieser Form noch nie erlebt haben. „Wir versuchen einfach, unsere Routinen einzuhalten“, sagt der Präsident. „Natürlich gibt es Umstände, die anders sein werden, wie die Anreise mit dem Bus. Im Großen und Ganzen wollen wir aber so wenig Störfaktoren wie möglich haben.“
Ein Mann der Victoria
Kaum jemand verkörpert die Victoria Rosport so sehr wie Guy Reiter. Seit seinem neunten Lebensjahr ist der heutige Präsident Mitglied des Vereins – inzwischen also seit einem halben Jahrhundert. Er durchlief sämtliche Jugendmannschaften und ging mit der ersten Mannschaft den Weg von der 1. Division bis in die BGL Ligue. „Ich kenne das Umfeld ganz gut“, sagt der bescheidene Reiter, der seit seiner Kindheit in Rosport lebt und nun ausgerechnet als Präsident die vielleicht erfolgreichste Phase der Vereinsgeschichte erleben könnte.
„Der Einzug ins Pokalfinale ist Verdienst der Kontinuität im Verein. Die Philosophie der Präsidenten vor mir, Kolbusch und Dondelinger, ist immer die selbe gewesen. Wir wollen mit den uns verfügbaren Mitteln das Beste rausholen. Das gelingt uns auch gut. Wir haben nicht die finanziellen Mittel, die andere Klubs haben“, sagt er.
Der starke Mann an der Seitenlinie
Ganz ohne eigenen Anteil am Erfolg ist Reiter allerdings nicht. Im Winter war er an den Verpflichtungen von Jérémy Villeneuve und Mario Brkljaca beteiligt – zwei Transfers, die sich sofort auszahlten. Während Brkljaca seit seiner Ankunft im Februar keine einzige Minute verpasste, entwickelte sich auch Villeneuve schnell zu einem festen Bestandteil der Mannschaft. „Spielerisch haben die beiden uns enorm weitergeholfen“, erklärt Reiter.

Trainer Martin Forkel verlässt Rosport nach dem Pokalfinale Foto: Editpress/Claude Lenert
Neben der Kontinuität des Vereins und den eingeschlagenen Transfers, ist aber vor allem auch Martin Forkel einer der Architekten des Rosporter Erfolgs. Seit Sommer 2022 steht der 46-Jährige an der Seitenlinie der Victoria. Reiter beschreibt ihn als „sehr akribisch. Wir hatten schon viele gute Trainer. Was er aber leistet, ist schon enorm. Er ist nochmal eine Stufe über den anderen guten Trainern, die wir hatten.“ Forkel lebt in Saarbrücken und nimmt für seinen Job beinahe täglich mehr als 100 Kilometer Fahrtstrecke auf sich. Sein Fokus gilt voll und ganz dem Fußball, dem er sich bis ins Detail widmet.
„Mit breiter Brust“
Am Dienstag und Donnerstag bat der Coach sein Team noch einmal auf den Platz. Zunächst stand zu Wochenbeginn die Videoanalyse auf dem Programm, anschließend rund 90 Minuten Training. Nervosität? Kaum zu spüren. Die Stimmung am Camping wirkte gelöst, beinahe locker. „Wir wissen, dass die Abläufe am Freitag andere sein werden“, sagt Forkel. „Der Rahmen ist ein anderer. Aber diese Plattform haben wir uns erarbeitet. Vielleicht bekommt man so ein Spiel nur einmal im Leben, aber das ändert in der Vorbereitung nichts. Es ist für uns wie ein normales Spiel, auch wenn es ein Finale ist. Wir machen uns nicht verrückt, gehen frei und mit breiter Brust in das Spiel. Wir wissen, dass wir Außenseiter sind.“
Forkel wird den Verein nach Saisonende verlassen – sein Ziel ist noch unbekannt. „Ich könnte mir keinen schöneren Abschied als den Pokalsieg vorstellen“, sagt der Deutsche. „Aber auch schon das Erreichen des Finals ist toll. Ich hatte, kurz nach dem ich bekanntgegeben habe, dass ich den Verein verlasse, ein Interview von Kevin (Marques, Kapitän, Anm.) gelesen. Er sagte, dass sie mir das schönste Abschiedsgeschenk mit dem Klassenerhalt und dem Einzug ins Pokalfinale machen wollen. Das haben sie geschafft. Aber es gibt auch noch andere verdiente Spieler, die aufhören. Ben (Vogel) stand noch nie im Finale und auch Johannes (Steinbach) wurde am letzten BGL-Ligue-Spieltag verabschiedet. Wir fahren nicht ins Stade de Luxembourg, um den Rahmen dort auszufüllen.“
Zweiter Europapokal-Auftritt möglich
Die Euphorie im Osten des Landes ist derweil groß. Etwa 230 Anmeldungen zählte Reiter am Dienstag für die Fahrt in die Hauptstadt, mehrere Busse stellt der Verein dabei zur Verfügung. Mit dabei sind auch die „Spartinaikos“, die Fans der Basketballer von Sparta Bartringen, die eine Fan-Freundschaft zu den Rosportern pflegen. „Wir wollen unseren Zuschauern ein tolles Spiel bieten“, sagt Reiter, der dann auch augenzwinkernd hinzufügt. „Ich habe mal online nachgeschaut: in unserem Block sind schon viele Tickets verkauft worden. Das sieht auf der anderen Seite noch anders aus.“ Unabhängig vom Ausgang werden Mannschaft und Fans den Abend dann in Rosport ausklingen lassen.
Es könnte also ein historischer Tag für den Klub werden, das dann als das „Rosporter Double“ in die Geschichte eingehen könnte: Klassenerhalt und Pokalsieg. Zudem würde im Sommer dann die zweite europäische Reise des Vereins warten. 2005 spielte man im UI Cup gegen IFK Göteborg, verlor im Stade Josy Barthel 1:2, das Rückspiel in Schweden 1:3. Sicher ist, dass Rosport am Freitag nichts zu verlieren hat – aber die Chance, 18 Jahre nach Dondelingers nun gehaltenem Versprechen Vereinsgeschichte zu schreiben.