Formel E
Saisonabschluss in London: Pascal Wehrlein ist neuer Weltmeister
Vor dem letzten Wochenende der ABB FIA Formel-E-Weltmeisterschaft 2025/26 war das Rennen um den Titel so spannend wie nie zuvor. Die ersten vier der Meisterschaft – Jake Dennis, Mitch Evans, Pascal Wehrlein und Oliver Rowland – trennten lediglich 14 Punkte, bei insgesamt noch 58 zu vergebenden Zählern. Fünf weitere Piloten hatten noch Außenseiterchancen.
Pascal Wehrlein ist mit Porsche nun zum zweiten Mal nach 2014/15 Formel E Fahrer-Weltmeister geworden Foto: Norbert & Fernande Nickels
Jake Dennis startete die Saison in Brasilien mit einem Sieg, indem er seine Pole-Position in einen Triumph verwandelte. In Mexiko-Stadt kämpfte sich Nick Cassidy von Startplatz 13 auf Platz eins vor und bescherte Citroën Racing bereits im zweiten Rennen seines Seriendebüts den ersten Sieg in der Formel E.
Auf dem Miami International Autodrome sicherte sich Mitch Evans seinen 15. Karrieresieg und führte damit die ewige Bestenliste der Formel E an. Pascal Wehrlein gewann das erste von zwei Rennen in Jeddah, während António Félix da Costa seinen ersten Sieg mit seinem neuen Team Jaguar TCS Racing feierte.
Da Costa setzte seinen Erfolg mit zwei aufeinanderfolgenden P1-Platzierungen fort, als die Formel E zum ersten Mal auf dem Circuito de Madrid Jarama gastierte. Anschließend feierte Nico Müller (Porsche) in Berlin seinen ersten Formel-E-Sieg. Am folgenden Tag stand Evans erneut ganz oben auf dem Podium und fuhr dank einer überragenden Strategie und seines Könnens von Startplatz 17 zum Sieg.
Auf den legendären Straßen von Monaco beendete Nyck de Vries die Durststrecke von Mahindra Racing und sicherte dem Team den ersten Sieg der GEN3-Ära. Am Sonntag lieferte Oliver Rowland (Nissan) nach seinem Sieg im Vorjahr in Monaco erneut eine Glanzleistung ab.
Zum Auftakt des China-Triple-Headers triumphierte Jake Dennis in Sanya fulminant mit Pole-Position und Rennsieg. Pascal Wehrlein heizte die Meisterschaft in Shanghai weiter an und überzeugte mit einem Sieg im Samstagsrennen. Darauf folgte eine strategische Meisterleistung von Lucas di Grassi, die Lola-Yamaha den ersten Konstrukteurssieg bescherte.
Unter Flutlicht in Tokio spitzte sich die Lage mit unglaublichen Fahrten von Dan Ticktum (Kiro-Porsche) und Nyck de Vries weiter zu. So hatten vor den beiden Rennen in London noch neun Piloten Chancen auf den Weltmeistertitel. Hitchcock hätte das Szenario für den Saisonabschluss nicht spannender gestalten können.
Porsches Galavorstellung
Beim Samstagsrennen lief alles wie geschmiert für das Porsche-Werksteam. In den Quali-Duellen bekam Pascal Wehrlein die Pole-Position zunächst von Dan Ticktum (Cupra Kiro-Porsche) und danach von seinem Teamkollegen Nico Müller förmlich geschenkt. Mitch Evans kam auf Platz drei.
Nach dem Start schirmte Müller seinen Teamleader vor den Verfolgern ab, sodass sich Wehrlein problemlos einen Vorsprung verschaffen konnte. Als der Drittplatzierte Mitch Evans vorzeitig zum Pit Boost einbog, um die Porsche-Blockade zu sprengen, wurde ihm kurz danach eine von Lucas di Grassi ausgelöste Full-Course-Yellow-Phase zum Verhängnis.
Nico Müller hatte Evans’ Taktik ebenfalls gecovert, und somit fielen beide unverschuldet weit zurück. Alle Fahrer, die ihren Boxenstopp bis dahin noch nicht absolviert hatten – unter anderem Wehrlein, Dennis und da Costa –, konnten diesen nun unter Gelb absolvieren und sich so einen nennenswerten Vorteil verschaffen.
Wehrlein brauchte danach nur noch seinen Sieg sicher nach Hause zu bringen. Jake Dennis versuchte zwar noch, die Lücke zu schließen, musste sich zum Schluss aber mit Platz zwei vor António Félix da Costa zufriedengeben.
Mit seinem abgeschlagenen achten Platz bewahrte der ewige Pechvogel Mitch Evans mit 21 Punkten Rückstand auf Wehrlein und Dennis nur noch Außenseiterchancen auf den Titel.
Mahindra glänzt, aber Barnard siegt
Der Sonntag wurde von den beiden Mahindra-Piloten Nyck de Vries und Edo Mortara bestimmt. Sie sicherten sich die erste Startreihe und führten bis zur vorletzten Runde das Feld an.
Der junge Taylor Barnard hatte sich über die Distanz heimlich, still und leise bis an die Spitze vorgekämpft und überraschte in der vorletzten Runde den bis dahin führenden de Vries. Damit holte er mit seinem DS Penske einen nicht unverdienten, wenn auch völlig überraschenden Sieg beim allerletzten Rennen in der Londoner ExCeL-Halle.
Was den Titelkampf betrifft, so ging es mehr als heiß her. Zuerst blockierte erneut Nico Müller den Jaguar-Piloten Mitch Evans, um den vor ihm fahrenden Porsche-Teamleader Pascal Wehrlein abzuschirmen.
Durch einen frühen Attack Mode vermochte der zweite Jaguar-Pilot António Félix da Costa jedoch, das Porsche-Duo zu sprengen. Nun spielte Jaguar die gleiche, bis dato von Porsche angewandte Teamtaktik: Da Costa half seinem Teamkollegen Evans, nach vorne zu kommen, und schirmte ihn zugleich vor Wehrlein ab.
Das letzte Renndrittel wurde dann zu einem regelrechten „Gemetzel“, das damit endete, dass die Renner der beiden Gesamtführenden Wehrlein und Dennis mit dem Envision von Joel Ericsson zusammenkrachten. Für beide bedeutete dies ein Rennen ohne Punkte.
Da Mitch Evans aber nicht weiter als auf Platz vier nach vorne kam, blieb es am Schluss bei der Gesamtwertung des Samstags: Wehrlein vor Dennis und Evans.
So endete also die GEN3-Ära der Formel E etwas unrühmlich mit Pascal Wehrlein als zweitem Doppel-Weltmeister neben Jean-Éric Vergne, Taylor Barnard als jüngstem Formel-E-Sieger und Jaguar als neuem Team-Weltmeister.
Dan Ticktum: der neue James Hunt der Formel E
Dan Ticktum ist vielleicht der schnellste Fahrer der Formel E. Sein rüpelhaftes Rennfahren auf der Strecke bringt mit sich, dass er zwar etliche Pole-Positions und, genau wie im letzten Jahr, ein Rennen gewonnen hat, jedoch auch viele Ausfälle zu verzeichnen sind. Somit hat er am Schluss mit 62 Punkten weniger Zähler in der Gesamtwertung als sein Rookie-Teamkollege Pepe Martí (66 Punkte). Sein ungehaltenes Benehmen außerhalb des Rennwagens bringt mit sich, dass er für die meisten Werksteams nicht ins Corporate-Schema passt und somit für die kommende Saison (noch) ohne Vertrag dasteht.
2026/27 mit Opel als Neueinsteiger
In der nächsten Saison stößt mit Opel ein neues Team zur Formel-E-Weltmeisterschaft hinzu. Das Team wird, wie Citroën, mit Stellantis-Motoren an den Start gehen.
Bislang ist nur der junge Franzose Théo Pourchaire als Pilot offiziell bestätigt. Es ist aber wohl nur eine Frage der Zeit, bis der zweite Fahrer des Teams offiziell bekannt gegeben wird.
Hierbei dürfte es sich um den erfahrenen Mitch Evans handeln, der die letzten zehn Jahre für Jaguar antrat, dort 16 Rennen – Formel-E-Rekord – gewann und in den letzten acht Jahren nicht weniger als sechsmal im letzten Rennen noch Chancen auf den Titel hatte, diesen aber bis dato nie erringen konnte.
Schon im Dezember werden die Karten in der Formel E wieder neu gemischt – mit einem komplett neuen und deutlich stärkeren GEN4-Rennwagen sowie einigen Neubesetzungen in den Cockpits.
Genau wie Wehrlein gewinnt TCS-Jaguar mit Evans und da Costa nach 2014/15 zum zweiten Mal die Formel-E-Team-Weltmeisterschaft Foto: Norbert und Fernande Nickels