„An einem guten Tag ist vieles möglich“
Nächste Medaille für Patrizia Van der Weken?
Ein Jahr nach ihren EM- und WM-Bronzemedaillen startet Patrizia Van der Weken am Samstag mit großem Selbstvertrauen bei der diesjährigen Hallen-Weltmeisterschaft in Torun – und hofft auf die nächste Medaille. Doch der Weg aufs Treppchen des 60-Meter-Sprints ist alles andere als einfach und keine Selbstverständlichkeit.
Am 22. Februar lief Patrizia Van der Weken in Torun ihren Landesrekord von 7,01 Sekunden Foto: FLA
Tageblatt: Ziemlich genau vor einem Jahr haben Sie mit EM- und WM-Bronze Ihre ersten internationalen Medaillen gewonnen. Sind diese Momente vor dem Start der Hallen-Weltmeisterschaft wieder besonders präsent?
Patrizia Van der Weken: Eigentlich sind sie das ganze Jahr über präsent, da ich die Medaillen ja auch zu Hause aufgestellt habe. Vor allem weil der letzte Sommer schwierig war, hilft es mir auch, diese Dinge im Hinterkopf zu haben und nicht zu vergessen, dass ich schnell laufen kann, wenn ich gesund und in Form bin. Es ist daher vor allem auch ein „Confidence-Boost“, dass ich bei einer Meisterschaft abliefern kann. Natürlich würde ich das jetzt gerne wiederholen.
Gehen Sie diesmal mit weniger Druck in die WM-Rennen, wissend, dass Ihnen diese Medaillen schon gelungen sind?
Nein, eigentlich ändert das nichts. Man darf auch nicht zu lange an der Vergangenheit festhalten. Am Samstag stehen im Idealfall drei Runden an (Vorlauf, Halbfinale, Finale), da hat jeder die gleichen Chancen – ob man jetzt vor einem Jahr eine Medaille gewonnen hat oder nicht. Ich versuche, locker an den Start zu gehen, aber der Druck ist schon da.
Wie schätzen Sie die Kräfteverhältnisse ein? Vor Ihnen liegen mit Julien Alfred und Zaynab Dosso in der Meldeliste zwei Athletinnen, die mit 6,99 Sekunden gemeldet sind. Ihre eigene Zeit liegt als Dritte bei 7,01, auch dahinter geht es eng zu.
Ich habe vor allen Läuferinnen Respekt, vor den zwei ersten vielleicht noch einen Tick mehr, weil ich weiß, welche Leistungen sie abzurufen imstande sind. Dass ich vor einem Monat, als ich die 7,01 gelaufen bin, so nah dran war, zeigt mir aber, dass an einem guten Tag vieles möglich ist. Es sind ein paar Läuferinnen dabei, die international schon viele Medaillen geholt und große Leistungen gebracht haben, aber ich darf meine eigenen Fähigkeiten auch nicht unterschätzen. Ich habe auch schon gezeigt, dass ich abliefern kann, wenn es drauf ankommt.
Nur weil ich letztes Jahr eine Medaille geholt habe, darf man nicht davon ausgehen, dass das jetzt die ‚Benchmark‘ ist
Die 7,01 Sekunden sind Sie vor einem Monat ebenfalls in Torun gelaufen. Ein gutes Omen?
Ja, absolut. Ich hatte davor schon zweimal an dem Meeting teilgenommen und war zweimal nicht gut gelaufen. Deswegen war es mir wichtig, diesmal gut zu laufen, damit ich bei der WM mit einem guten Gefühl in die Halle gehen kann und mich wohlfühle. Es ist auch etwas anderes, hier zu laufen, wo die Tribüne komplett voll ist, als in der Coque, wo ein Drittel der Zuschauer sind. Das hat mich die beiden ersten Male ein bisschen aus der Ruhe gebracht, ich bin froh, dass ich das hinter mir habe und mich jetzt auf das Wichtigste konzentrieren kann.
Wie sind die letzten Vorbereitungen gelaufen?
Ich bin sehr zufrieden mit der Vorbereitung. Die Woche nach den 7,01 war es etwas schwierig, weil man dann auf einem Hoch ist und danach wieder ein wenig zurück in die Realität fällt. Das fällt mir manchmal etwas schwer. Aber wir haben gut die Kurve bekommen. Wir hatten ein paar sehr vielversprechende Einheiten mit guter Geschwindigkeit und guten Werten. Ich glaube, wir hätten nichts besser machen können. Die Arbeit liegt nun hinter uns, jetzt geht es darum, Spaß zu haben. Die Wettbewerbe sind der coole Teil. Ich werde versuchen, etwas Gutes abzuliefern und bin guter Dinge, dass das klappen wird.
„Etwas Gutes abliefern“ – was bedeutet das für Sie bei dieser WM?
Es geht zunächst mal darum, gut durch die Vorläufe zu kommen, ohne zu viel Energie zu verlieren. Danach wird es dann schon sehr ernst. Nur die beiden Ersten jedes Halbfinals kommen sofort weiter, und am Ende noch die beiden Zeitschnellsten (die nicht direkt über die Platzierungen qualifiziert sind). Den Hot Seat will ich unbedingt vermeiden, damit habe ich vor zwei Jahren in Glasgow nicht die beste Erfahrung gemacht. Es ging am Ende zwar gut aus, aber man verliert viel Energie. Das will ich vermeiden. Im Finale hat dann jeder die gleichen Chancen, es geht darum, zu versuchen, das beste Rennen des Jahres auf die Bahn zu bringen. Ob ich Platz X oder Z erreiche – wenn ich mein Bestes gegeben habe, muss ich dann zufrieden sein. Nur weil ich letztes Jahr eine Medaille geholt habe, darf man nicht davon ausgehen, dass das jetzt die „Benchmark“ ist. Es wäre natürlich toll, wenn es so wäre. Ich würde das sofort unterschreiben.
Die Top Ten der Meldeliste
1. Julien Alfred (LCA) 6,99 Sekunden, Zaynab Dosso (ITA) 6,99, 3. Patrizia Van der Weken (L) 7,01, 4. Jacious Sears (USA) 7,03, 5. Amy Hunt (GB) 7,04, Jonielle Smith (JAM) 7,04, 7. Karolina Manasova (CZE) 7,05, Dina Asher-Smith (GB) 7,05, Ana Azevedo (BRA) 7,05, 10. Brianna Lyston (JAM) 7,07, Ewa Swoboda (POL) 7,07