Formel 1
Mit Mittelfinger: Hamilton fordert Antonelli zum Titelduell
Sein erster Ferrari-Sieg ist tiefe Genugtuung für Lewis Hamilton. Mercedes hat plötzlich ein Problem. Kommt es jetzt zum Titel-Zweikampf der Generationen mit Kimi Antonelli?
Lewis Hamilton strotzt nach seinem Sieg vor Selbstvertrauen und könnte nun eine Rolle im Titelrennen einnehmen Foto: David Davies/dpa
Schmollend hockte Formel-1-Wunderjunge Kimi Antonelli in der Garage vor dem Renn-Computer, als sich Lewis Hamilton mit Wonne in seine Siegesfeier stürzte. Die emotionalen Bilder aus Barcelona vom ersten Grand-Prix-Sieg des 41-jährigen Briten für Ferrari könnten den Beginn eines grandiosen Generationenduells um den WM-Titel markieren. „Wenn er Blut riecht, dann greift er an. Wenn der Lewis-Hamilton-Zug erstmal gestartet ist, dann ist er schwer zu stoppen“, sagte sein langjähriger Mercedes-Teamchef Toto Wolff.
„Roter Hammer“ jubilierte Tuttosport in Italien, die Tifosi erinnerten sich freudetrunken an den Start der Michael-Schumacher-Ära mit seinem ersten Ferrari-Sieg 30 Jahre zuvor an derselben Stelle. Hamilton selbst wirkte nach seiner Galafahrt von Katalonien wie befreit von einer tonnenschweren Last. „Wie findet man die richtigen Worte, um Gefühle auszudrücken, die die wildesten Träume übertreffen?“, fragte er noch Stunden nach der Zieldurchfahrt.
Das tiefe Glück des Rekordweltmeisters rührte auch seine Konkurrenten, sogar den von seinem späten Elektronik-Defekt frustrierten WM-Spitzenreiter Antonelli. „Es tut weh, aber ich freue mich vor allem für Lewis“, beteuerte der 19-Jährige. Auf 41 Punkte schrumpfte der Vorsprung des Italieners auf Hamilton. Ist das Ende der Silberpfeil-Siegesserie im siebten Saisonlauf ein Wendepunkt? „Ja, er wird eine echte Gefahr“, warnte Mercedes-Pilot George Russell vor seinem britischen Landsmann.
Hamilton trainierte so hart wie
Mehr als 17 Monate hatte Hamilton seit seinem spektakulären Wechsel von Mercedes zu Ferrari auf Momente wie diese warten müssen. Eine Zeit voller Zweifel, Wut und Gerüchte um ein baldiges Karriereende. „Viele Leute haben schlecht über ihn geredet, und er hat online von vielen Seiten ordentlich sein Fett wegbekommen – da ist es schön, dass er ihnen allen den Mittelfinger zeigen kann“, sagte Weltmeister Lando Norris von McLaren.
Dunkle Gedanken hätten ihn bisweilen begleitet, bekannte Hamilton: „Mensch, vielleicht stimmt es ja tatsächlich, dass man ab einem gewissen Punkt den Dreh verliert. Aber ich habe bewiesen, dass das nicht so ist. Man hat es immer noch drauf, es erfordert nur Arbeit.“
So intensiv wie nie habe er im Winter trainiert, auch mental habe er sich noch einmal abgehärtet, erzählte der siebenmalige Champion. In seinem ersten Ferrari-Jahr wirkte er teils verloren, hatte meist auch im internen Duell mit Charles Leclerc klar das Nachsehen. Er brauchte lange, ehe er die Mechanismen und die Kultur bei der Scuderia verstanden hatte und das Team auf seine Seite zog.
Kim Kardashian als Teil der Erfolgsstory
Mit der Rückendeckung von Teamchef Frédéric Vasseur, der ihn nach Maranello gelockt hatte, setzte Hamilton viele Veränderungen durch, die nun Basis für seinen Erfolg sind. „Meine Ankunft war ein Schock für das System, weil ich meine Meinung sehr, sehr deutlich äußere“, erklärte Hamilton. Vasseur versicherte: „Es ist eine Sache von Details.“
Genau diese Kleinigkeiten fügen sich jetzt als Puzzle für Hamilton zusammen. Die neuen Autos kommen seiner Fahrweise mehr entgegen, mit seinem neuen Renningenieur kommt er deutlich besser zurecht. Auch seine neue Begleiterin Kim Kardashian scheint ihren Teil beizutragen. „Vielleicht hilft die Freundin. Mir hat es geholfen, eine Partnerin zu haben und ein stabiles Familienleben zu führen – und die beiden scheinen sich wirklich gut zu verstehen“, sagte sein früherer Boss Wolff, der Hamiltons Gefühlsleben nur zu gut kennt.
Bald Vorfahrt für Antonelli bei Mercedes?
Eben deshalb weiß der Mercedes-Teamchef, dass er wohl bald eine Entscheidung im Stallduell zwischen Antonelli und Russell treffen muss, um den Titel nicht zu gefährden. „Wenn man gegen einen anderen kämpft, muss man manchmal auch den Schnelleren ziehen lassen“, sagte der Österreicher. Beobachter interpretierten das prompt so, dass Antonelli demnächst die Vorfahrt gegenüber Russell erhalten werde.
Der Super-Teenager war auch in Barcelona im Rennen wieder der Flottere der beiden Silberpfeil-Stars und verlor im Zweikampf mit Russell unnötig Zeit. „Das ist eine bittere Pille für George, aber er muss sich jetzt unterordnen. Das wird ihn auch innerlich brechen“, urteilte Sky-Experte Ralf Schumacher.
Was nach sechs Siegen in Serie wie ein Mercedes-Festspieljahr ausgesehen hatte, bekommt dank Hamiltons Auferstehung eine völlig neue Dynamik. Toto Wolff gestand bereits: „Ich würde lieber nicht gegen Lewis um den Titel kämpfen. Denn ich weiß, wozu er fähig ist.“