Sportpolitik

Der verlorene Glanz: Vom Aufstieg und Niedergang des ungarischen Fußballs

Ungarn war einmal eine Weltmacht – im Fußball. Zweimal Vizeweltmeister und dreimal Olympiasieger stehen im Palmarès der Magyaren ganz oben. Der Sport, vor allem der Fußball, wurde von Viktor Orbán politisch instrumentalisiert und großzügig gefördert. Wie es damit weitergeht, bleibt offen.

Bau der Puskás Aréna mit 67.000 Sitzplätzen und Steuererleichterungen für beteiligte Firmen in Budapest

Beim Bau der etwa 67.000 Zuschauer fassenden Puskás Aréna gab es Steuererleichterungen für die beteiligten Firmen Foto: Stefan Kunzmann

Eine Fahrt durch Budapest führt unter anderem an Fußballstadien vorbei, die so berühmte Namen wie die von Ferenc Puskás und Nándor Hidgkuti tragen, zwei der großen Spieler aus jener Goldenen Elf, die 1954 als beste der Welt galt und damals sensationell der westdeutschen Mannschaft im Finale beim Wunder von Bern mit 2:3 unterlag.

Der noch amtierende ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán, der am vergangenen Sonntag mit seiner Partei Fidesz deutlich die Parlamentswahl verlor, wollte selbst einmal Fußballer werden. Doch er war nur mäßig talentiert. Seine Technik ließ zu wünschen übrig, und er spielte zu hart bis überhart. Ein Raubein, würde man sagen. Wie in der Politik.

Dafür hat Orbán viel in den Sport investieren lassen, insbesondere in die beiden Nationalsportarten Handball und Fußball. Die sportliche Bilanz fällt jedoch eher bescheiden aus. Von der Ära Orbán, über insgesamt 20 Jahre (1998-2002 und 2010-2026), die er Regierungschef war, werden vor allem Sportstätten wie Stadien zeugen. Selbst in der Provinz entstanden moderne Anlagen, wie etwa der Fußballplatz in Budaörs, wo diese Woche die luxemburgische Frauenfußballnationalmannschaft ihre Spiele gegen Israel hat. Das Spielfeld ist in einem exzellenten Zustand, war zu sehen und hieß es seitens der internationalen Offiziellen. Kein Wunder, Orbán hat ganze Arbeit geleistet.

Korruption und Vetternwirtschaft

Ein anderer Ort in Zentralungarn, der kaum zweitausend Einwohner zählt und noch wohlhabender sein soll als Budaörs, ist Felcsút. Hier wuchs Orbán auf. Hier gründete er den Fußballverein Puskas Akademia. Der Klub hat weder eine Tradition noch eine breite Fanbasis, aber spielt in der ersten ungarischen Liga, der Fizz Liga. Dort kann er mittlerweile mit den großen Klubs mithalten. Die Pancho Arena fasst zwar nur 3.500 Plätze, immerhin mehr als Einwohner des Dorfes, ist aber ein kleines architektonisches Schmuckstück. So wie die Roten Löwinnen in Budaörs spielen, hat in Felcsút die Schweizer Nati gegen Israel gekickt. Orbán war für sein Renommée als Sportfan gerne bereit, für andere in die Bresche zu springen. Bereits während der COVID-Pandemie wurden einige internationale Spiele in Ungarn ausgetragen.

Die Finanzierung von Orbáns Prestigeprojekt ist jedoch unklar. Es sollen der Regierung nahestehende Firmen gewesen sein, die das Stadion bauten, zudem noch ein Luxushotel. Korruption und Vetternwirtschaft waren zentrale Themen bei den Wahlen. Im Sport und insbesondere im Fußball manifestieren sie sich. Orbáns rechtspopulistische Partei Fidesz, einst liberal, heute illiberal, hat in den vergangenen beiden Jahrzehnten nach und nach die großen ungarischen Klubs für sich vereinnahmt.

Der verlorene Glanz: Vom Aufstieg und Niedergang des ungarischen Fußballs

Foto: Stefan Kunzmann

Neue Stadien entstanden, so wie das von Rekordmeister Ferencváros Budapest, die Groupama Aréna, oder das des Rivalen MTK Budapest, das Hidegkuti-Nándor-Stadion, aber vor allem die etwa 67.000 Zuschauer fassende Puskás Aréna, wo die ungarische Nationalmannschaft ihre Spiele austrägt. Dafür gab es Steuererleichterungen für die beteiligten Firmen. 2024 wurde ein weiterer Traditionsklub, Újpest Budapest, an den Ölkonzern MOL verkauft.

Orbán umgibt sich gern mit ehemaligen Sportlern wie etwa Péter Szijjártó, früherer Futsalspieler und heute Außenminister. Er wurde im vergangenen November zum Präsidenten von Honvéd Budapest ernannt; dank eines neuen Sponsors vergrößerte sich der finanzielle Spielraum des Vereins in den nächsten vier Jahren um mehrere hundert Millionen Forint. Honvéd ist der einstige Klub von Ferenc Puskás. Doch die Honvéd-Fans wollen sich nicht von der Fidesz vereinnahmen und instrumentalisieren lassen.

Nervosität in den Chefetagen der Klubs

Es verwundert nur, dass es trotz der Investments, die in den Sport flossen, „keine signifikante Verbesserung gab“, wie der italienisch-ungarische Historiker Stefano Bottoni feststellt, der das Buch „Vom Dorffußballer zum globalen Vorbild der Illiberalen“ über Orbán geschrieben hat. Nach der Wahlniederlage herrscht in den Chefetagen der Klubs Nervosität, denn es besteht Unklarheit darüber, wie es mit den Finanzen weitergehen soll. Zudem läuft der lukrative TV-Vertrag mit dem Staatssender M4 Sport aus.

Was passiert nach dem Regierungswechsel mit dem ungarischen Profisport? Hat das Zittern unter den Fidesz-Leuten in den Klubs bereits begonnen? Etwa bei Ferencváros-Präsident Gábor Kubatov? Der Fidesz-Politiker hatte schon Sicherheitsordner des Vereins gegen regierungskritische mobilisiert und Hooligans als Ordner bei Parteikundgebungen eingesetzt.

Schon häufig ließ man in Ungarn gewaltbereite rechtsextreme Hooligans gewähren. Orbán wollte von all dem offiziell nichts zu tun haben. Auch nicht mit der Geschichte der sogenannten Karpaten-Brigade, in der sich etliche Neonazis tummeln. Sie ist nur einer von mehreren Tiefpunkten, die der ungarische Fußball mittlerweile erreicht hat. Es liegt also einiges im Argen und besteht Handlungsbedarf. Eines ist sicher: Auch Wahlsieger Péter Magyar ist Fußballfan. Sein Lieblingsverein heißt Ferencváros.

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