Olympia
Das Ende des Höhenrauschs: Malinin stürzt ab und zeigt Größe
Eiskunstlauf-Gold bei den Männern schien für ihn reserviert, doch „Vierfach-Gott“ Ilia Malinin stürzt ab – und steht auf: als wahrhaft großer Verlierer.
Der US-Amerikaner Ilia Malinin verlor nach einem Sturz alle Hoffnung auf die Goldmedaille Foto: AFP/Gabriel Bouys
In der „Kiss and cry“ Zone verlor Ilia Malinin endgültig die Aura des Überirdischen. Blass, erschöpft und schwer geschockt saß er da und wartete auf das Urteil der Jury, das vernichtend ausfallen würde. Der selbst ernannte „Vierfach-Gott“ war beispiellos abgestürzt auf das harte Eis der Realität, bei seinem Abgang begleiteten ihn Häme und Mitleid. „Heute hat man gesehen, dass auch er nur ein Mensch ist“, sagte Deutschlands Expertin Katarina Witt in der ARD tief betroffen.
Die Schockwellen dieser Olympia-Sensation breiteten sich aus: Aus der Eiskunstlauf-Arena von Mailand in die Welt, mit solch einem tiefen Fall hatte niemand gerechnet am Freitagabend, eher mit einer Heldentat, über die noch Generationen sprechen würden. Manchem Beobachter standen die Tränen in den Augen – und just in diesem Moment, in dem die Sportwelt still zu stehen schien, rappelte sich Malinin selbst auf.
Größe gezeigt
Die Gratulation für Olympiasieger Michail Schaidorow aus Kasachstan, den er herzlich in den Arm nahm, zeugte von Größe. Hinter den Kulissen bezog er Stellung, „ruhig, höflich und intelligent“, wie USA Today bewundernd schrieb. Malinin schwang sich in der Stunde der Niederlage auf zu einem großen Verlierer – für einen 21-Jährigen mit immensem Selbstvertrauen und Qualitäten keine Selbstverständlichkeit.
„Mein Leben war von vielen Höhen und Tiefen geprägt. Kurz bevor ich meine Ausgangsposition einnahm, überfluteten mich all diese Erlebnisse, Erinnerungen und Gedanken mit voller Wucht, und es war einfach überwältigend“, sagte Malinin nach der vierminütigen Kür, die sein Leben veränderte – nur eben nicht so, wie alle Welt es erwartet hatte.
Der einzige Mensch, der jemals sieben Vierfachsprünge in einer Kür gezeigt hat, bei dem es nicht um die Farbe der Medaille zu gehen schien, sondern nur darum, wie er diesmal die Welt auf den Kopf stellen würde, kollabierte regelrecht. Zwei Stürze, den Axel sprang er nur einfach, den Rittberger zweifach, jegliche Leichtigkeit ging ihm verloren, Platz acht geht als Mahnmal in die Sportgeschichte ein.
Olympiafluch auch bei Malinin
Malinin, neben der auf andere Weise dramatisch gescheiterten Ski-Königin Lindsey Vonn die Attraktion dieser 25. Winterspiele, hatte zur immensen Fallhöhe selbst beigetragen. „I broke physics“, sagte er einmal. Ja, tatsächlich hatte er, der noch bei seinen Eltern in Fairfax/Virginia wohnt, die Grenzen des möglich erscheinenden verschoben. Selbst ein Fünffachsprung schien für Mailand machbar.
„Man sagt, es gebe einen Olympiafluch. Dass der Goldfavorit bei Olympia immer schlecht läuft. Und genau das ist passiert“, analysierte Malinin erstaunlich gefasst und gab zu: „Der Druck war enorm.“ Etwas Vergleichbares hatte er nie zuvor gespürt, auch die Erfahrungen aus dem Teamwettbewerb, als er die USA zu Gold geführt hatte, halfen nicht.
Mensch mit Stärken und Schwächen
Bislang war Malinin von Jahr zu Jahr höher und höher geflogen, das Gefühl einer Niederlage kannte er kaum, schon gar nicht einer dieses epochalen Ausmaßes. Was folgt nun aus einem Absturz, den nur die Größten erleben? Ein Ende des Höhenrauschs? Oder ein neuer Anfang?
„Wir werden ihn wiedersehen. Da bin ich mir sicher, er ist 21 Jahre alt und er hat noch locker zwei olympische Zyklen vor sich. Der wird daraus lernen und noch stärker zurückkommen“, sagte der frühere Eiskunstläufer aus Deutschland Daniel Weiss in der ARD. Wenn Malinin das gelingt, geht er in die Sportgeschichte ein. Nicht als Eiskunstlauf-Gott, sondern als Mensch mit allen Stärken und Schwächen.