Olympia
Abfahrtskönig von Allmen: Der Mutigste unter den Mutigen
Der Schweizer Franjo von Allmen gewinnt nach WM-Gold auch Olympia-Gold in der Abfahrt. Sein Teamkollege Marco Odermatt leidet.
Stellte sich keine Fragen und jagte die Piste hinunter: Franjo von Allmen Foto: AFP/Fabrice Coffrini
Ein Olympiasieger ohne Goldmedaille um den Hals? Franjo von Allmen sorgte rasch für Aufklärung. „Die ist schon im Bunker“, sagte der frisch gekürte Abfahrtschampion nach seiner Triumphfahrt am Samstag auf der Pista Stelvio in Bormio, „sonst verliere ich sie nur, ich kenne mich.“ Also wurde das wertvolle Edelmetall schnell in Sicherheit gebracht, schließlich bedeutete es den vorläufigen Höhepunkt einer außergewöhnlichen Laufbahn – die vor sieben Jahren kurz vor einem jähen Ende gestanden hatte.
17 Jahre alt war Franjo von Allmen, als unerwartet sein Vater verstarb. „Das war sehr hart für mich“, erinnerte sich der Schweizer einst in einem Interview im Tagesanzeiger. Zumal durch den Tod des Vaters plötzlich das Geld fehlte, um die Karriere als Skirennfahrer zu finanzieren. Dank einer Crowdfunding-Kampagne rettete sich von Allmen durch eine weitere Saison – und schaffte es dann in die Schweizer Nationalmannschaft.
Eine Sportschule hat von Allmen nie besucht, dafür eine Ausbildung zum Zimmermann absolviert. Im Sommer arbeitet der 24-Jährige gelegentlich noch auf Baustellen, auch wenn er „jetzt nicht mehr so viel Zeit dafür“ hat.
Sein internationaler Durchbruch gelang von Allmen vor einem Jahr bei der WM in Saalbach-Hinterglemm, als er, ohne je zuvor einen Weltcupsieg in dieser Disziplin geholt zu haben, zu Gold in der Abfahrt fuhr- und anschließend auch den Titel in der Team-Kombination gewann. Nun ist er der dritte amtierende Abfahrtsweltmeister nach dem Italiener Zeno Colo (WM 1950/Olympia 1952) und seinem Schweizer Landsmann Bernhard Russi (1970/1972), der anschließend auch Olympiasieger wurde.
In Bormio tat er das abermals in seinem tollkühnen Stil, mit dem er seinem Kumpel und Landsmann Marco Odermatt sieben Zehntelsekunden abnahm und die italienischen Lokalmatadoren Giovanni Franzoni (+0,20 Sekunden) und Dominik Paris (+0,50) auf die weiteren Medaillenränge verwies. Simon Jocher belegte abgeschlagen Rang 21.
Inmitten der waghalsigsten Abfahrer der Welt sticht von Allmen mit seiner kompromisslosen Fahrweise noch einmal hervor. Wo andere ein wenig zurückstecken, drückt er das Gaspedal voll durch. Auch der geschlagene Goldkandidat Odermatt musste anerkennen: „Wenn Franjo keine Fehler macht, ist er natürlich schwer zu schlagen.“
Für Odermatt reichte es hingegen nur zum vierten Platz, zum zweiten Mal innerhalb von zwei Wochen konnte sich der sichtlich geknickte viermalige Gesamtweltcupsieger einen Traum nicht erfüllen: In Kitzbühel hatte er den heiß ersehnten Abfahrtssieg auf der Streif um 0,07 Sekunden hinter Franzoni verpasst. „Vierter bei Olympischen Spielen ist schon scheiße“, sagte er am Samstag gefrustet.
Am Mittwoch im Super-G (11.30 Uhr) bietet sich dem Riesenslalom-Olympiasieger von 2022 und Abfahrtsweltmeister von 2023 die nächste Medaillenchance. Sein wohl gefährlichster Gegner aber heißt auch dann wieder: Franjo von Allmen. (SID)