Nationaler Jugendbericht

Wohlbefinden junger Menschen sinkt – Social Media prägt ihren Alltag

Für Jugendliche und junge Erwachsene gehören digitale Technologien zum Alltag, soziale Medien beeinflussen ihr Leben und Wohlbefinden. Das geht aus dem alle fünf Jahre erscheinenden nationalen Jugendbericht hervor, den die Universität Luxemburg im Auftrag des Bildungsministeriums erstellte und der am Montag präsentiert wurde.

Jugendliche beim Sport als gesunder Ausgleich zur Bildschirmzeit für bessere Screen-Life-Balance

Hier scheint die Screen-Life-Balance zu stimmen. Sport als idealer Ausgleich für Jugendliche. Foto: Editpress/Julien Garroy

„Was junge Menschen bedrückt, was sie sich erhoffen und was sie befürchten“, darum unter anderem geht es nach den Worten von Claude Meisch (DP) in dem nationalen Jugendbericht. Damit leitete der Minister für Bildung, Kinder und Jugendliche die Vorstellung des Berichts ein. Vor fünf Jahren, beim letzten Bericht, stand die Covid-Pandemie im Vordergrund. Was hat sich seither getan? Die Welt ist verstärkt von internationalen Konflikten und von der Sorge der Menschen um die wirtschaftliche Lage geprägt. Und sie verändert sich zudem rasant unter dem Einfluss der Digitalisierung und der Künstlichen Intelligenz. Unter den gesellschaftsbezogenen Ängsten der Jugendlichen liegen die Furcht vor einem Krieg in Europa (80,6 Prozent der Jugendlichen) und jene vor einer schweren Erkrankung (78,9 Prozent) – letztere Sorge ist übrigens stärker ausgeprägt als in anderen Ländern – sowie die Sorgen über Umweltverschmutzung (77,3 Prozent) und Klimawandel (74,5 Prozent) vorn.

Komplizierter Kontext

Das allgemeine Wohlbefinden der Jugendlichen ist seit 2019 gesunken, so ein Fazit des mittlerweile vierten „Jugendberichts“. Etwa ein Viertel der insgesamt rund 4.800 Befragten gibt an, sich weniger wohlzufühlen. Den Bericht, der erstmals in zwei Sprachversionen vorliegt (Deutsch und Französisch), auf einem interdisziplinären Forschungsansatz basiert und bei dem die soziologische Perspektive im Vordergrund steht, stellte Prof. Dr. Robin Samuel, Professor für Jugendforschung und Leiter des Centre for Childhood and Youth Research (CCY) an der Universität Luxemburg, vor. Das CCY war mit der Durchführung der Studie und einer kontinuierlichen Beobachtung der Situation von Jugendlichen im Alter von 12 bis 29 Jahren beauftragt worden. Samuel wies in seiner Präsentation, einer Zusammenfassung des mehr als 250 Seiten starken Berichts, darauf hin, dass allgemein „der Kontext des Aufwachsens komplexer und komplizierter geworden ist“.

Soziale Netzwerke und Smartphones haben einen direkten Einfluss auf das Leben und das Wohlbefinden unserer Jugendlichen

Claude Meisch

Bildungsminister

Einmal mehr nutzte Minister Meisch die Gelegenheit, um darauf hinzuweisen, dass die Regierung ein Verbot sozialer Medien für Jugendliche befürwortet, und betonte, dass es richtig sei, die Smartphone-Nutzung an Schulen einzuschränken: „Soziale Netzwerke und Smartphones haben einen direkten Einfluss auf das Leben und das Wohlbefinden unserer Jugendlichen.“ Meisch sieht sich durch den Bericht darin bestätigt, „dass es im Rahmen einer gesunden Screen-Life-Balance sinnvoll war, die Nutzung von Smartphones in der Schule zu reduzieren“.

Zugleich müssten, so der Minister, auch außerhalb der Schule Räume und Möglichkeiten geschaffen werden, „damit junge Menschen sich wirklich treffen, austauschen und gemeinsam Erfahrungen sammeln können“. Damit werde auch die Relevanz der vom Ministerium in Grundschulen, Kindertagesstätten und Gymnasien im laufenden Schuljahr eingeführten Verbote und Einschränkungen der Smartphone-Nutzung unterstrichen. Dazu gehören auch die Sensibilisierungsmaßnahmen für Jugendliche und Familien.

68,5

Prozent der Jugendlichen sind mindestens 20 Tage im Monat in den sozialen Netzwerken aktiv, vier Fünftel von ihnen verbringen mindestens zwei Stunden pro Tag damit

Laut Bericht sind 68,5 Prozent der Jugendlichen mindestens 20 Tage im Monat in den sozialen Netzwerken aktiv, vier Fünftel von ihnen verbringen mindestens zwei Stunden pro Tag damit. Die digitale Welt beeinflusst demnach das Familien-, Schul- und Sozialleben ebenso wie die Freizeitgestaltung und spielt eine zentrale Rolle bei der Identitäts-, der Meinungsbildung und den sozialen Beziehungen, die sich heute sowohl online als auch offline entfalten.

Omnipräsenz von Bildschirmen

Die Allgegenwart von Bildschirmen geht mit einer Beschleunigung des Lebensrhythmus und einem Gefühl der Zeitverschwendung einher, insbesondere im Zusammenhang mit den sozialen Medien und dem Konsum digitaler Inhalte. Vielen Jugendlichen fällt es schwer, sich von ihrem Smartphone zu lösen, oft aus Angst, etwas zu verpassen, „FOMO – fear of missing out“ genannt. Jugendliche zwischen 12 und 15 Jahren scheinen dabei besonders anfällig zu sein, da ihre digitalen Kompetenzen und Fähigkeiten zur Selbstregulierung noch in der Entwicklung sind.

Seit dem letzten Bericht von 2020 hat sich der Alltag vieler junger Menschen auch in dieser Hinsicht verändert, dass etwa persönliche Treffen seltener geworden sind. Jugendliche üben weniger Freizeitaktivitäten aus, die Gelegenheiten für spontane Begegnungen und gemeinsame Momente von Angesicht zu Angesicht nahmen deutlich ab. Nur noch 13,3 Prozent der 12- bis 29-Jährigen treffen sich mindestens 20 Tage pro Monat mit ihren Freunden. Die digitalen Medien werden kompensatorisch „als Brücke“ verwendet.

„Sozialer Nahraum“

Dem erhöhten Bedarf an echten Begegnungen will das Ministerium etwa mit der Kampagne „Manner Ecran – méi beweegen, entdecken, erliewen“ begegnen. Sie zielt darauf ab, das Angebot an bildschirmfreien Aktivitäten zu erweitern, etwa durch Sport sowie kreative und kulturelle Aktivitäten – oder sich einfach zu treffen. Als Beispiel wurde die Initiative MoVe des Nationalen Jugenddienstes (SNJ) genannt, die Jugendlichen vor allem während der Schulferien ein Sportangebot bietet. Darüber hinaus hat das Ministerium weitere Initiativen angekündigt, die es jungen Menschen ermöglichen, sich mit Themen auseinanderzusetzen, die sie betreffen, wie zum Beispiel dem Klimawandel und dem verantwortungsvollen Umgang mit Medien und neuen Technologien.

Entgegen der negativen Tendenzen im Wohlbefinden ist hervorzuheben, dass das gesellschaftliche Engagement, das vornehmlich im „sozialen Nahraum“ stattfinde, im Vergleich zu 2019 stabil geblieben sei, wie Robin Samuel konstatiert. Alternative und digitale Wege – wie zum Beispiel Unterschriften sammeln, Waren boykottieren, online posten und kommentieren – hätten an Bedeutung gewonnen. Soziale Begegnungen verlagerten sich zunehmend in den digitalen Raum. Wenn gegen Ende des Jugendberichts von den jugendlichen Lebenswelten als „hybriden Erfahrungsräumen“ gesprochen wird, gilt dies auch für die Feststellung, dass „digitale und analoge Freizeitaktivitäten zwischen Wettbewerb und gegenseitiger Durchdringung“ stehen.

Gender Gap

Was außerdem laut Jugendbericht zu beobachten ist: Weibliche und männliche Jugendliche haben unterschiedlichen Zugang zu digitalen Geräten. Negative Online-Erfahrungen, etwa unerwünschte sexuelle Anfragen (21,3 Prozent der weiblichen Jugendlichen berichten davon, doppelt so viele wie bei den männlichen), und problematisches Nutzungsverhalten sind zudem bei weiblichen Jugendlichen vergleichsweise hoch. Das Wohlbefinden und die Gesundheit verschlechtern sich – jedoch weniger stark bei männlichen Jugendlichen.

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