Sozialbericht
Sozialpanorama 2026: 14,8 Prozent der Bevölkerung in Luxemburg von Armut bedroht
Während im Parlament das Staatsbudget 2027 vorgestellt wurde, lieferte die „Chambre des salariés“ (CSL) die harten gesellschaftlichen Fakten. Aus dem Sozialpanorama 2026 geht hervor, dass das Armutsrisiko und die Ungleichheiten bei den Einkommen hierzulande nach wie vor hoch sind.
Das neue „Panorama social“ der Arbeitnehmerkammer Foto: Editpress/Hervé Montaigu
Dass die Arbeitnehmerkammer ihr Sozialpanorama dieses Jahr ausgerechnet am selben Tag präsentiert, an dem Finanzminister Gilles Roth (CSV) im Parlament das Staatsbudget vorlegte, sei dem Zufall geschuldet, sagte CSL-Präsidentin Nora Back. Sie wies aber zugleich darauf hin, dass der nationale Aktionsplan zur Bekämpfung der Armut der CSL nicht weit genug geht.
Dass sich Luxemburg durch einen hohen Wohlstand und ein Pro-Kopf-BIP auszeichnet, das zu den höchsten weltweit zählt, dessen ist man sich bei der „Chambre des salariés“ durchaus bewusst. Doch diese makroökonomische Situation garantiere weder eine gleichmäßige Verteilung der Ressourcen noch vergleichbare Lebensbedingungen für die gesamte Bevölkerung, heißt es eingangs des Sozialpanoramas 2026.
Vom Wohlstand hierzulande profitiert demnach nicht jeder Bewohner Luxemburgs. Hinzu kommen noch die zahlreichen Grenzgänger, die zum Wohlstand beitragen. Ein nicht geringer Teil der Haushalte ist mit unzureichendem Einkommen, einer zunehmenden Belastung durch Ausgaben und Schwierigkeiten beim Zugang zu bestimmten wesentlichen Gütern und Dienstleistungen konfrontiert, ist den Zahlen zu entnehmen. Der Wohnraum steht dabei an erster Stelle. Das „Logement“ hat sich längst zu einem Dauerproblem entwickelt.
14,8
Prozent der Bevölkerung sind vom Armutsrisiko betroffen
Die Fakten liegen auf der Hand – und sie sind nicht besser geworden: 14,8 Prozent der Bevölkerung Luxemburgs sind vom Armutsrisiko betroffen. Bei den 18- bis 24-Jährigen sind es sogar 26 Prozent, bei den Minderjährigen 22,2 Prozent. Demnach ist mehr als jeder fünfte Minderjährige von der Armut betroffen oder zumindest dem Risiko ausgesetzt. Besonders betroffen vom Armutsrisiko sind nach wie vor hauptsächlich alleinerziehende Erwachsene (40,5 Prozent) und Familien mit drei oder mehr Kindern (36,7 Prozent). Sage und schreibe 49 Prozent der Alleinerziehenden geben an, Schwierigkeiten zu haben, um jeden Monat über die Runden zu kommen. 40,8 Prozent können dabei unerwartete Ausgaben nicht bewältigen – und 16,6 Prozent haben Zahlungsrückstände.
Von Wohnkosten überlastet
Insgesamt geben 22,4 Prozent der Haushalte an, Schwierigkeiten zu haben, um über die Runden zu kommen. Dabei sind es vor allem die Wohnkosten, die den größten Teil des Einkommens verschlingen. Sie belasten arme Haushalte in besonderem Maße. 27 Prozent ihres Einkommens geben sie für die Miete aus, sodass 30 Prozent der armen Haushalte von den Wohnkosten überbelastet sind. Auch hier bietet sich ein internationaler Vergleich an, denn Luxemburg hat die dritthöchste Mietbelastung in der Eurozone und liegt dabei über jener in den Nachbarländern.
Auch was die soziale Ungleichheit angeht, sprechen die Zahlen der CSL eine deutliche Sprache: So verfügen die wohlhabendsten 20 Prozent über ein Gesamteinkommen, das 4,6 Mal höher ist als das der einkommensschwächsten 20 Prozent der Bevölkerung. Damit liegt Luxemburg im europäischen Mittelfeld sowie der Eurozone und knapp unter dem Durchschnitt, aber etwa weit hinter den belgischen Nachbarn (3,25 Mal).
Trotz der staatlichen Beihilfen hat sich die Lage nicht verbessert, ohne staatliche Beihilfen wäre es allerdings für viele Menschen nicht mehr möglich, sich über Wasser zu halten. Die nicht zurückzuzahlenden Beihilfen, die von den insgesamt 30 Sozialämtern ausgezahlt wurden, haben sich laut Sozialpanorama von 2015 bis 2025 verdoppelt und belaufen sich mittlerweile auf sechs Millionen Euro.
Die Armut im Verborgenen
Häufig zeige sich die Armut auch im Verborgenen, nicht zuletzt drücke sie sich in der mentalen Gesundheit aus, wie Nathalie George, Direktionsberaterin der CSL, erklärt. Jedenfalls ist auch der Anstieg der Lebensmittelhilfen über die „Aide alimentaire“ (2,8 Mal höher von 2015 bis 2025), der „Epiceries sociales“ (etwa ein Drittel mehr Personen profitieren davon) sowie beim Zulauf zur „Vollekskichen“ (28 Prozent mehr). Einen massiven Anstieg innerhalb der vergangenen zehn Jahre verzeichnen auch die Unterkünfte für Erwachsene: Waren es im Jahr 2016 noch 2.086 Betroffene, ist die Zahl in zehn Jahren auf mittlerweile 5.461 Personen angestiegen, was einem Zuwachs von 162 Prozent entspricht.

CSL-Präsidentin Nora Back Foto: Editpress/Hervé Montaigu
Ein vernachlässigter ökonomischer Faktor war hierzulande die Arbeitslosenquote, die im Großherzogtum im internationalen Vergleich meistens geringer war. Sie liegt aktuell bei 6,5 Prozent und hat damit ein historisches Niveau erreicht. Mittlerweile liegt sie über der Arbeitslosenrate in Deutschland (3,9 Prozent) und in Belgien (6,2 Prozent), in Frankreich beträgt sie 7,8 Prozent. Luxemburg liegt nunmehr im unteren Mittelfeld der Europäischen Union. Vor allem der starke Anstieg der Arbeitslosen mit Universitätsdiplom in den vergangenen fünf Jahren ist eklatant, aber auch der hohe Anteil junger Menschen, die seit Beginn der Pandemie weder in Beschäftigung noch im Bildungssystem sind. Zu einem langfristigen strukturellen Problem ist die Zahl der „working poor“ geworden, also jener Menschen, die arm sind, obwohl sie eine Arbeit haben.
Es besteht wenig Grund zu Optimismus
Nora Back
CSL-Präsidentin
„Das Sozialpanorama zeigt die Analyse, nicht die Ursachen und auch nicht die Lösung des Problems“, betonte Nora Back am Ende der Präsentation. „Sie zeigt den Ist-Zustand.“ Dass der nationale Plan zur Bekämpfung der Armut einer dringenden Anpassung bedürfe, betonte Nora Back. Dies betreffe vor allem den Mindestlohn und die Mindestrente. Höhere Löhne seien wichtiger als noch mehr Sozialleistungen, so die CSL-Präsidentin. Schließlich ginge es darum, dass die Menschen von ihrer Arbeit leben können sollen.
CSL-Direktor Sylvain Hoffmann wies darauf hin, dass die Wirksamkeit der Sozialtransfers ein wichtiger Punkt sei, aber begrenzt angesichts eines Steuersystems, „das nicht so gerecht ist, wie es sein sollte“. Die Fakten, die die Arbeitnehmerkammer vorlegt, bieten in der Tat „wenig Grund zu Optimismus“, wie es die CSL-Präsidentin zu Beginn der Präsentation ausdrückte.