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Zeit für eine Sprengung der Strommärkte
Die Rotoren der Windräder auf dem Gebirgszug vor meinem Fenster drehen sich heute besonders schwungvoll. Der Sturm der vergangenen Nacht hat nachgelassen, doch es ist noch immer sehr windig, was ohne jede Kosten (oder, im Sprachgebrauch der Ökonomen: zu Grenzkosten) zusätzliche Kilowatt in das Stromnetz einspeist. Doch die Menschen, die in der aktuellen schrecklichen Krise bei den Lebenshaltungskosten nur mit Mühe über die Runden kommen, müssen für diesen Strom bezahlen, als würde er mittels des teuersten Flüssigerdgases (LNG) produziert, das aus Texas an Griechenlands Küsten transportiert wird. Diese weit über Griechenlands und Europas Grenzen hinaus vorherrschende Absurdität muss aufhören.
Ein Schild „Gefährliche elektrische Spannung“ hängt an einem Zaun in einem Umspannwerk Foto: dpa/Clara Margais
* Zum Autor
Yanis Varoufakis ist ehemaliger griechischer Finanzminister. Er ist Vorsitzender der Partei MeRA25 und Professor für Volkswirtschaft an der Universität Athen.
Die Absurdität rührt aus der irrigen Annahme, dass Staaten einen konkurrenzbestimmten und daher effizienten Strommarkt simulieren können. Überließe man die Sache dem Markt, wäre das Ergebnis, weil nur ein Stromkabel in unsere Wohnungen oder Geschäftsräume führt, ein perfektes Monopol – was niemand will. Doch entschieden die Regierungen, dass sie einen konkurrenzbestimmten Markt nachstellen könnten, um die öffentlichen Versorger, die früher unseren Strom erzeugt und vertrieben haben, zu ersetzen. Das jedoch funktioniert nicht.
Der EU-Stromsektor ist ein gutes Beispiel dafür, was der Marktfundamentalismus den Stromnetzen weltweit angetan hat. Die EU hat ihre Mitgliedstaaten verpflichtet, ihre Stromnetze von den Kraftwerken abzuspalten und zu privatisieren, um neue Unternehmen zu schaffen, die miteinander darum konkurrieren, einem anderen neuen Unternehmen, das nun Eigentümer des Stromnetzes ist, Strom zur Verfügung zu stellen. Dieses Unternehmen wiederum soll seine Kabel an eine Vielzahl weiterer Unternehmen vermieten, die den Strom dann in großen Mengen kaufen und miteinander um das Endkundengeschäft mit Wohnungen und Unternehmen konkurrieren. Der Wettbewerb zwischen den Produzenten soll so den Großhandelspreis minimieren, und der Wettbewerb zwischen den Weiterverkäufern soll sicherstellen, dass die Endverbraucher von niedrigen Preisen und einem hochwertigen Service profitieren.
Leider konnte man das nicht einmal in der Theorie zum Funktionieren bringen, und in der Praxis schon gar nicht.
Mindestmenge an Strom
Der simulierte Markt sah sich widersprüchlichen Zwängen ausgesetzt: sicherzustellen, dass zu jedem beliebigen Zeitpunkt eine Mindestmenge an Strom innerhalb des Netzes zur Verfügung steht, und Investitionen in grüne Energien zu lenken. Die von den Marktfundamentalisten vorgeschlagene Lösung umfasste zweierlei: die Schaffung eines weiteren Marktes für Emissionszertifikate, und die Einführung eines Systems der Grenzkostenpreisbildung, gemäß welchem der Großhandelspreis jedes Kilowatts dem des teuersten Kilowatts entspricht.
Der Markt für Emissionszertifikate sollte die Stromproduzenten zur Umstellung auf weniger umweltschädliche Brennstoffe animieren. Anders als bei einer feststehenden Steuer sollten die Kosten der Freisetzung einer Tonne Kohlendioxid dabei durch den Markt bestimmt werden. In der Theorie müsste dabei die Nachfrage nach von der EU ausgegebenen Emissionszertifikaten umso größer sein, je mehr sich die Branche auf so schreckliche Brennstoffe wie Braunkohle stützt. Das hätte deren Preis nach oben treiben und so den Anreiz zur Umstellung zunächst auf Erdgas und letztlich auf erneuerbare Energieträger verstärken sollen.
Die Grenzkostenpreisbildung sollte dazu dienen, das Mindestniveau an Strom sicherzustellen, indem sie verhinderte, dass Billigproduzenten die teureren Stromanbieter unterböten. Die Preise würden Billigproduzenten ausreichende Gewinne verschaffen und ihnen Grund geben, in preiswertere, weniger umweltschädliche Energieträger zu investieren.
Produktion erneuerbarer Energie
Um sich zu verdeutlichen, was den Regulierern vorschwebte, lassen Sie uns ein Wasserkraftwerk und ein Braunkohlekraftwerk betrachten. Die Fixkosten für den Bau des Wasserkraftwerks sind hoch, aber die Grenzkosten liegen bei null: Sobald das Wasser die Kraftwerksturbine in Bewegung setzt, kostet das nächste vom Kraftwerk produzierte Kilowatt nichts mehr. Im Gegensatz dazu ist der Bau eines Braunkohlekraftwerks viel preiswerter, doch die Grenzkosten sind positiv: Sie spiegeln die feststehende Menge an teurer Braunkohle wider, die pro produziertem Kilowatt verbrannt wird.
Indem sie festlegte, dass die Kosten des Preises eines mit Wasserkraft produzierten Kilowatts nicht unter den Grenzkosten der Produktion eines Braunkohle-Kilowatts liegen dürften, wollte die EU das Wasserkraftunternehmen mit einem dicken Gewinn belohnen, der, so die Hoffnung der Regulierer, in zusätzliche Kapazitäten zur Produktion erneuerbarer Energie investiert werden würde. Derweil würde das Braunkohlekraftwerk praktisch keine Gewinne abwerfen (da der Preis nur gerade eben über seinen Grenzkosten läge) und müsste zunehmend mehr für die Erlaubnis zur Umweltverschmutzung (die Emissionszertifikate) bezahlen.
Doch die Realität war harscher als die Theorie. Als die Pandemie die globalen Lieferketten verheerte, stieg der Preis für Erdgas, und er verdreifachte sich dann, als Russland in der Ukraine einmarschierte. Plötzlich war der umweltschädlichste Energieträger (Braunkohle) nicht mehr der teuerste, was zu weiteren langfristigen Investitionen in fossile Energieträger und die Infrastruktur für LNG Anreiz bot. Die Grenzkostenpreisbildung half den Stromunternehmen, den erbosten Verbrauchern, denen bewusst wurde, dass sie viel mehr als die durchschnittlichen Stromkosten zahlten, enorme Rentenerträge abzuknöpfen. Es überrascht nicht, dass die Bevölkerungen, die mit den über ihren Köpfen rotierenden Blättern der Windräder, die zudem noch die Landschaft verschandelten, keinerlei Vorteile für sich selbst oder für die Umwelt verbanden, sich gegen die Windräder wandten.
Endemische Versäumnisse
Der Anstieg der Erdgaspreise hat die endemischen Versäumnisse verdeutlicht, die auftreten, wenn man einem natürlichen Monopol einen simulierten Markt auftransplantiert. Wir haben gesehen, wie leicht es für die Produzenten war, im heimlichen Einverständnis den Großhandelspreis zu manipulieren. Wie ihre obszönen Gewinne insbesondere aus erneuerbaren Energieträgern die Bürger gegen die ökologische Wende eingenommen haben. Wie das simulierte Marktsystem ein gemeinsames Beschaffungswesen behindert hat, das die Energiekosten der ärmeren Länder verringert hätte. Wie der Endkundenmarkt für Strom sich zu einem Kasino entwickelt hat, in dem die Unternehmen auf die künftigen Strompreise spekulieren, in guten Zeiten profitieren und, wenn ihre Spekulationen fehlschlagen, eine Rettung durch den Staat verlangen.
Es ist an der Zeit, die simulierten Strommärkte schrittweise abzuschaffen. Was wir stattdessen brauchen, sind öffentliche Energienetze, in denen die Strompreise die Durchschnittskosten zuzüglich eines kleinen Aufpreises widerspiegeln. Wir brauchen eine Kohlenstoffsteuer, aus deren Erlösen die ärmeren Bürger entschädigt werden. Wir brauchen umfassende Investitionen im Stile des Manhattan-Projekts in grüne Zukunftstechnologien (wie etwa grünen Wasserstoff und große, schwimmende Offshore-Windparks). Und schließlich brauchen wir im Eigentum der Kommunen stehende lokale Netze für bestehende erneuerbare Energieträger (Sonne, Wind und Akkus), die die Kommunen zu Eigentümern, Verwaltern und Nutznießern des von ihnen benötigten Stroms machen.
Aus dem Englischen von Jan Doolan / © Project Syndicate, 2022