Editorial

Wer die Jugend abschreibt, hat schon verloren

Die „Jugend von heute“ steht schnell in der Kritik. Doch wer genauer hinschaut, erkennt: Hinter Schulabsentismus und Rückzug stehen oft komplexe Ursachen – und eine Gesellschaft, die zu schnell urteilt.

Jugendlicher spielt Videospiele als Flucht aus dem Alltag, Symbol für Gaming und moderne Jugendkultur

„Die Jugend von heute ist dauernd am Zocken“ ist ein gängiger Vorwurf. Doch für manche stellen die Spiele auch eine Flucht aus der eigenen Lebenswelt dar. Foto: Editpress/Alain Rischard

Die Klagen über die „Jugend von heute“ sind alles andere als neu. Schon der römische Dichter Horaz hielt fest: „Eine Generation von Eltern, schon schlechter als ihre Vorfahren, hat uns hervorgebracht – und wir werden noch schlechtere Kinder zeugen.“ Und Johann Wolfgang von Goethe bemerkte Jahrhunderte später: „Die Jugend will lieber angeregt als unterrichtet sein.“ Ein Gedanke, der auch auf jene Jugendlichen zutreffen könnte, an die sich Outreach-Angebote von Jugendzentren wie in Düdelingen richten.

Wer Schulschwänzern beim Herumhängen begegnet, fällt oft schnell ein Urteil. Dann fallen Begriffe wie „faul“, „asozial“ oder „Absteiger“. Man unterstellt ihnen Drogenkonsum, kriminelle Tendenzen oder eine künftige Belastung für die Gesellschaft. Doch abgekanzelt, ignoriert oder vorschnell abgeschrieben – so ist ihnen nicht geholfen.

Wir Erwachsene sollten vorsichtig sein, über „die Jugend von heute“ zu urteilen, ohne den größeren Kontext zu berücksichtigen. In einer global vernetzten Welt, in der in sozialen Medien Hinrichtungsvideos neben Hassbotschaften, Memes und Tanzclips erscheinen, sind junge Menschen einer Flut von Eindrücken ausgesetzt, die weder altersgerecht noch ausgewogen sind. Wenn jeder Verschwörungstheoretiker und selbst ernannte „Rattenfänger“ seine Weltanschauung ungehindert verbreiten kann, sind es längst nicht nur Jugendliche, die darauf hereinfallen. Es täte der gesamten Gesellschaft gut, den Einfluss sozialer Medien zumindest kritisch zu hinterfragen. Doch was einmal aus der Büchse der Pandora herausgelassen wurde, lässt sich nicht einfach wieder einfangen. Und dabei haben wir noch gar nicht über die Auswirkungen künstlicher Intelligenz gesprochen.

Hinzu kommt, dass Kinder und Jugendliche heute stärker als frühere Generationen mit globalen Krisen konfrontiert sind. Sie wachsen in einer zunehmend instabilen Welt auf – geprägt von Kriegen, Genoziden und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, von der drohenden Eskalation der Klimakrise, von Wohnungsnot, die bereits ihre Eltern belastet, und von einem Arbeitsmarkt, der immer höhere Qualifikationen verlangt, ohne entsprechende Sicherheit oder Entlohnung zu garantieren. All diese Faktoren können dazu beitragen, dass sich Resignation breitmacht – und dass Schule für manche nicht mehr als sinnvoller Weg erscheint, sondern als Belastung, der man sich entzieht.

Auch die Schule selbst kann für einige Jugendliche zur enormen Hürde werden. Manche sind dem Leistungsdruck nicht gewachsen, andere kämpfen mit Mobbing oder sozialer Isolation. Wieder andere geraten unter Gruppendruck und bleiben dem Unterricht fern, weil es im Freundeskreis als „cool“ gilt.

Unterschätzt wird dabei auch, welche Dynamik Schulabsentismus entwickeln kann. Was mit einzelnen Fehltagen beginnt, kann rasch in monatelanger Abwesenheit enden. Mit jedem weiteren Versäumnis wird es schwieriger, eigenständig den Weg zurückzufinden. Mit den Konsequenzen des eigenen Handelns umzugehen, ist gerade für Jugendliche besonders herausfordernd, da sich Fehler schnell wie existenzielle Katastrophen anfühlen können.

Sozialarbeiter wie Xavier Millim vom Jugendhaus in Düdelingen zeigen, dass es entscheidend ist, Kinder und Jugendliche in ihren Sorgen ernst zu nehmen. Oft braucht es nicht viel mehr als Zeit, Unterstützung und praxisnahe Begleitung, damit sich Perspektiven wieder öffnen. Doch soziale Programme wie Jugendhäuser und Outreach-Angebote sind kostenintensiv – und gehören häufig zu den ersten Bereichen, bei denen gespart wird, wenn Gemeinden finanziell unter Druck geraten.

Gerade darin liegt jedoch ein fataler Widerspruch: Wer bei Prävention spart, zahlt später umso mehr für die Folgen. Wenn wir Jugendliche wirklich erreichen wollen, dürfen wir sie nicht vorschnell verurteilen – sondern müssen bereit sein, in sie zu investieren.

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