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Wenn Verantwortung nicht für alle gilt, gilt sie am Ende für niemanden: Für eine Luxussteuer auf Privatjets

Eine Boeing 767 mit dem Spitznamen „Air Drake“, die dem kanadischen Musiker Drake gehört

Eine Boeing 767 mit dem Spitznamen „Air Drake“, die dem kanadischen Musiker Drake gehört Foto: Laura Thomet/ AFP

Obwohl Luxemburg mit heftigen Schneefällen ins Jahr 2026 startet, zeichnet sich eine besorgniserregende globale Bilanz ab: Laut dem EU-Erdbeobachtungsprogramm Copernicus wird 2025 voraussichtlich als das zweitwärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen in die Geschichte eingehen, nur übertroffen von 2024. Die steigenden Temperaturen sind das direkte Resultat der Beschleunigung des Klimawandels, ausgelöst durch die erhöhte Konzentration von Treibhausgasen in unserer Atmosphäre.

Zu den Personen

Liv Bintener, Olivier Cano, Edvin Ceman und Aleks Jevdokimov sind Mitglieder des Nationalbüros der Jungen Sozialisten Luxemburg

In den letzten Jahren ist viel von Lebensstil-Änderungen die Rede. Weniger Energieverbrauch, weniger individuelle Mobilität, bewussterer Konsum. Diese Debatte ist notwendig, um einen lebenswerten Planeten zu bewahren. Doch sie verliert an Glaubwürdigkeit, wenn sie einseitig geführt wird.

Privatjets – ein Symptom der Verantwortungslosigkeit

Während viele Menschen ihren Alltag umstellen – aus Überzeugung oder aus finanzieller Notwendigkeit –, bleibt besonders klimaschädliches Luxusverhalten weitgehend unangetastet.

Privatjets sind dafür das sichtbarste Beispiel. Nicht, weil sie allein die Klimakrise verursachen würden, sondern weil sie eine grundlegende Schieflage offenlegen: Diejenigen mit dem größten ökologischen Fußabdruck spüren oft die geringsten Konsequenzen.

Zahlen sind abstrakt, bis man versteht, was sie bedeuten

2022 starteten von Luxemburg aus 2.767 Privatjet-Flüge. Das sind im Schnitt mehr als sieben Abflüge pro Tag – jeden Tag. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem Anstieg von 67 Prozent.

Was heißt das konkret?

Studien zeigen, dass Privatjets pro Passagier je nach Flugzeugtyp und Distanz fünf- bis vierzehnmal so viel CO₂ ausstoßen wie ein Linienflug. Übersetzt in den Alltag bedeutet das: Ein einziger Passagier in einem Privatjet verursacht auf einem Kurzstreckenflug oft mehr Emissionen als eine durchschnittliche Person durch mehrere Monate Autofahren, Einkaufen und Alltagsmobilität zusammen.

Noch greifbarer wird es beim Gesamteffekt. Die CO₂-Emissionen der Privatjet-Abflüge aus Luxemburg beliefen sich 2022 auf rund 9.100 Tonnen. Das entspricht in etwa den jährlichen Emissionen von mehreren Tausend Menschen, die ganz normal zur Arbeit pendeln, ihre Wohnungen heizen und ihren Alltag organisieren.

Diese Emissionen entstehen nicht aus Notwendigkeit. Sie entstehen, weil maximaler Komfort gewählt wird, und das ohne spürbare Konsequenzen mitten in einer Klimakrise.

Wenn Appelle an ihre Grenzen stoßen

Klimapolitik setzt seit Jahren stark auf Eigenverantwortung. Auf Information, Bewusstsein, freiwillige Verhaltensänderung. Das ist wichtig. Aber es reicht nicht aus, wenn parallel besonders schädliche Praktiken als Ausnahme behandelt werden.
Denn Appelle funktionieren nur dann, wenn sie als fair empfunden werden. Wer ständig hört, dass jede Entscheidung zählt, fragt sich irgendwann zu Recht, warum manche Entscheidungen offenbar weniger zählen als andere.

Nach der letzten internationalen Klimakonferenz COP30 ist erneut deutlich geworden, wie schwer globale Fortschritte zu erzielen sind. Umso wichtiger wäre es, dort glaubwürdig zu handeln, wo man direkten Einfluss hat. Doch genau hier entsteht ein Widerspruch: Während Klimaschutz im Alltag vieler Menschen konkret wird – finanziell, organisatorisch, emotional –, bleibt er dort abstrakt, wo er besonders sichtbar wäre.

Das erzeugt Frustration. Und Frustration ist der Nährboden für politische Ablehnung.
Deshalb fordern wir, dass Luxemburg eine gestaffelte Abgabe auf Privatjet-Passagiere von 300 bis 2.000 Euro pro Passagier, abhängig von Distanz und Flugzeugtyp, einführt. Sportflieger und vergleichbare Hobbyflugzeuge sollten nicht von dieser Steuer betroffen sein; sie sollte lediglich für Privatjets gelten.

Daneben soll sich die luxemburgische Regierung auf europäischem und COP-Niveau für eine koordinierte Privatjet-Steuer einsetzt. Weltweit könnte solch eine Steuer bis zu 40 Milliarden Dollar jedes Jahr einbringen, in einem Kontext wo viele Staatshaushalte nach neuen finanziellen Ressourcen suchen.

Warum eine Abgabe auf Privatjets kein Neidthema ist

Der Gedanke, besonders klimaschädliches Luxusverhalten stärker zu bepreisen, wird schnell als Neiddebatte abgetan. Dabei geht es um etwas anderes: um Kohärenz. Wenn ein Verkehrsmittel im Vergleich zu verfügbaren Alternativen ein Vielfaches an Schaden verursacht, ist es logisch, dass dieser Schaden einen Preis hat. Nicht als Strafe, sondern als ehrliche Abbildung der realen Kosten.

Diese Steuer würde ein klares Signal senden, dass Verantwortung nicht dort endet, wo Bequemlichkeit beginnt. Gleichzeitig könnten die Einnahmen gezielt dort eingesetzt werden, wo sie gesellschaftlich sinnvoll sind: für Klimaanpassung, nachhaltige Mobilität oder sozialen Ausgleich.

„Dann fliegen sie halt woanders“

Natürlich besteht die Gefahr von Ausweichbewegungen. Doch es taugt nicht als Ausrede für Untätigkeit.

Politische Veränderungen beginnen selten perfekt. Sie beginnen dort, wo jemand den Mut hat, eine offensichtliche Lücke zu benennen. Andere Länder haben bereits gezeigt, dass strengere Regeln für Privat- und Geschäftsflüge möglich sind, zwar nicht ohne Widerstand, nicht ohne Debatte, aber machbar.

Wer immer nur auf die ideale europäische Lösung wartet, trägt nicht zu ihr bei. Er verschiebt sie.

Am Ende geht es bei der Debatte um Privatjets nicht nur um CO₂-Bilanzen. Es geht um das gesellschaftliche Grundgefühl, ob wir tatsächlich gemeinsam an einer Zukunft arbeiten oder ob Verantwortung nur für diejenigen gilt, die sich nicht entziehen können.

Klimaschutz wird nur dann funktionieren, wenn er als fair wahrgenommen wird. Wenn Menschen sehen, dass Verantwortung nicht delegiert, sondern geteilt wird. Und wenn Politik den Mut hat, auch dort hinzuschauen, wo es unbequem ist.

Eine Abgabe auf Privatjet-Passagiere wird die Klimakrise nicht lösen. Aber sie würde ein klares Zeichen setzen: Freiheit endet dort, wo sie auf Kosten aller anderen geht. Klimaschutz und Verantwortung enden nicht an der Flugzeugtür. Wenn Verantwortung nicht für alle gilt, gilt sie am Ende für niemanden.

Anmerkung

Das Tageblatt schätzt den Austausch mit seinen Leserinnen und Lesern und bietet auf dieser Seite Raum für verschiedene Perspektiven. Die auf der Forum-Seite geäußerten Meinungen sollen die gesellschaftliche Diskussion anstoßen, spiegeln jedoch nicht zwangsläufig die Ansichten der Redaktion wider.

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