Forum von Guy Foetz (Teil2)
US-Einmischung in Lateinamerika und anderswo – eine lange Tradition
Der US-Angriff auf Venezuela vom 3. Januar mit der Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro und seiner Frau in die USA hat vielen die Augen geöffnet, zu was Trump fähig ist. Allerdings reiht sich dieser Schritt ein in die lange Geschichte militärischer Interventionen und politischer sowie wirtschaftlicher Einflussnahme Washingtons in Lateinamerika – und nicht nur da.
Die Kuppel des US-Kapitols bei Sonnenaufgang Foto: Mark Schiefelbein/AP/dpa
Auch wenn die Vereinigten Staaten des Öfteren als Verteidiger hilfloser Länder auftreten, passt dies überhaupt nicht zu ihrer tatsächlichen Vorgeschichte im Weltgeschehen. Es lohnt sich, die Geschichte der US-Interventionen näher zu betrachten. Und besonders auch die Politik von zwei Präsidenten, die Trump in seiner zweiten Antrittsrede besonders hervorgehoben hat, nämlich William McKinley und Theodore Roosevelt – letzterer ist nicht zu verwechseln mit Franklin Roosevelt.
Nach 1945
Die Vereinigten Staaten gehen als Hauptnutznießer aus dem 2. Weltkrieg hervor. Es gelingt ihnen einerseits, überall auf der Welt Militärbasen zu errichten (derzeit insgesamt 73 außerhalb der USA) und andererseits den „American way of life“ als „soft power“ weltweit zu propagieren.
Gleich nach Franklin Roosevelts Tod im April 1945 übernimmt Truman das Weiße Haus und beginnt eine Atmosphäre der Krise und des Kalten Kriegs zu schaffen. Die Sowjetunion gilt fortan als unmittelbare Bedrohung und die Hysterie gegenüber dem Kommunismus dient dazu, das Militärbudget hochzuhalten und zwecks „Bekämpfung sowjetischen Expansionismus“ und „Wahrung der Freiheit“ überall dort einzugreifen, wo amerikanische Wirtschaftsinteressen gefährdet sind. Bereits der Abwurf von zwei Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki, obwohl Japan vor der Kapitulation stand, war als Kraftdemonstration gegenüber der Sowjetunion gedacht.
Im Jahre 1947 beteiligen sich die USA an der Niederschlagung der linken Nationalen Befreiungsfront in Griechenland, indem sie die rechtsgerichtete Regierung in Athen mit Waffen und Militärberatern versorgen. In seiner Rede vor dem Kongress, fortan als „Truman-Doktrin“ betitelt, beantragt der amerikanische Präsident 400 Millionen Dollar Militär- und Wirtschaftshilfe für Griechenland, um wie er sagte „freien Völkern, die sich gegen Unterwerfungsversuche von bewaffneten Minderheiten oder externen Druck wehren“, zu helfen. Mit dieser Militärhilfe wird die Rebellion 1949 niedergeschlagen. Die Vereinigten Staaten schicken weitere wirtschaftliche Unterstützung an die griechische Regierung: Kapital von Esso, Dow Chemical, Chrysler und anderen US-Unternehmen fließt nach Griechenland.
In diese Zeit fällt auch die Gründung der NATO und der Wiederaufbau Westeuropas mit Hilfe des Marshallplans. Bei letzterem sind die Umstellung der US-Wirtschaft nach dem Krieg auf Güter für den privaten Konsum und das Interesse der USA an einem europäischen Exportmarkt wesentliche Beweggründe.
1953, unter der Präsidentschaft Dwight Eisenhowers, wird im Iran Mohammad Mossadegh infolge eines Staatsstreichs gestürzt, der von der CIA und dem britischen Geheimdienst MI6 auf Betreiben der Anglo-Iranian Oil Company inszeniert worden war. Die iranische Regierung unter Mohammad Mossadegh hatte im Jahr 1951 die iranische Ölindustrie verstaatlicht.
Der Vietnamkrieg (1964-1975) stellt einen tiefen Bruch dar: Trotz des Einsatzes aller militärischen Mittel mit Ausnahme der Atombombe gelingt es den USA nicht, „eine revolutionäre Bewegung in einem winzigen Land von armen Bauern“ zu besiegen.
Im Juli 2002 werden von den Vereinigten Staaten Dokumente veröffentlicht, die die Rolle der CIA bei der Ermordung des kongolesischen Premierministers Patrice Lumumba im Jahre 1961 durch Soldaten des späteren Diktators Mobutu offenbaren. Nach der Unabhängigkeit der Republik Kongo hatte sich Patrice Lumumba klar gegen eine neokoloniale Wirtschaftspolitik ausgesprochen. Die CIA unterstützt Lumumbas Gegner nicht nur politisch, sondern auch finanziell, im Falle Mobutus zusätzlich mit Waffen und militärischer Ausbildung. Damit soll ein Überlaufen Kongos zum Kommunismus verhindert werden.
Der Vietnamkrieg (1964-1975) stellt einen tiefen Bruch dar: Trotz des Einsatzes aller militärischen Mittel mit Ausnahme der Atombombe gelingt es den USA nicht, „eine revolutionäre Bewegung in einem winzigen Land von armen Bauern“5) zu besiegen. Gleichzeitig ist im Verlauf dieses Krieges die größte Antikriegsbewegung entstanden, die die Vereinigten Staaten je erlebt haben und infolge dieser Bewegung rollt eine regelrechte Befreiungswelle über das Land. Es dauert bis in die 1980er Jahre, ehe die reaktionären Kräfte wieder die Oberhand gewinnen – mit Reagan, dem Neoliberalismus und dem „America First“-Slogan des Präsidenten.
In den beiden Golf-Kriegen 1990-91 und 2003 geht es – wie so oft – um die Kontrolle der Ölvorräte und des mittleren Ostens im Allgemeinen.
In Lateinamerika stehen die USA weiter treu an der Seite ihrer Konzerne:
– Im Jahre 1954 setzen US-finanzierte Söldner den Präsidenten von Guatemala, Arbenz Guzmán ab, nach dem Verstaatlichen von Agrarflächen. Offiziell geht es um den Kampf gegen den Kommunismus, in Wirklichkeit sieht sich die US-amerikanische United Fruit Corporation (heute: Chiquita Brands) bedroht. Die USA räumen 2003 offiziell die Rolle der CIA in diesem Putsch ein.
– Im April 1961 versuchen 1.400 von der CIA unterstützte Exilkubaner in der Schweinebucht im Süden Kubas zu landen und Fidel Castro zu stürzen. Die Operation scheitert.
– Im Jahre 1965 greifen Marines und Fallschirmjäger in Santo Domingo ein, um eine Bewegung zugunsten des gestürzten Präsidenten Juan Bosch niederzuschlagen und so „einen kommunistischen Anschlag zu verhindern.“
– Die Rolle der USA beim Putsch von Pinochet gegen Salvador Allende am 11. September 1973 in Chile ist wohl das am besten bekannte Beispiel ihrer Unterstützung südamerikanischer Militärdiktaturen. Aber auch die argentinische Militärjunta erhält Rückendeckung, zusammen mit sechs weiteren Diktaturen im Rahmen des „Plan Condor“.
– In den 1980er Jahren finanziert Präsident Reagan über die CIA den Guerillakrieg der nicaraguanischen „Contras“ gegen die dortige Regierung nach dem Sturz Somozas im Jahre 1979. Die Annäherung Nicaraguas an Kuba und an die Sowjetunion soll bekämpft werden. Auch in El Salvador unterstützen die USA die Regierung im Kampf gegen die linke Guerilla Farabundo Martí (FMLN).
– Im Oktober 1983 landen US-Truppen auf der Insel Grenada, nach der Ermordung von Premierminister Maurice Bishop durch eine linke Junta. Es ist dies die erste offene Aggression eines anderen Landes durch die USA seit dem verlorenen Vietnamkrieg und sie wird von der UNO verurteilt.
– Im Dezember 1989 nehmen die USA nach einer Militäroperation in Panama den einst mit ihnen verbündeten General Manuel Noriega fest und verurteilen ihn wegen Drogenhandels. Die Analogie mit dem rezenten Angriff auf Venezuela und der Entführung Nicolás Maduros und seiner Frau, angeblich wegen Drogengeschäften, ist offensichtlich. Dieser Angriff und die Ankündigungen Trumps deuten auf weitere kriegerische Aktionen in Zukunft hin, darunter die Einverleibung Grönlands mit militärischer Gewalt.
Zur Person

Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante
Guy Foetz ist ausgebildeter Ökonom. Er unterrichtete dieses Fach 35 Jahre lang im Sekundar- und technischen Sekundarschulwesen. Politisch und gewerkschaftlich engagierte er sich bereits ab dem Alter von 20 Jahren auf der linken Seite. Er ist Gründungsmitglied der Partei „déi Lénk“.
Dass die EU in Schockstarre verharrt und bisher nur schlaff auf den klaren Verstoß der USA gegen das Völkerrecht in Venezuela reagiert hat, erklärt sich aus der selbstverschuldeten technologischen, wirtschaftlichen und militärischen Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion haben die EU-NATO-Mitgliedsstaaten sich von den USA weitgehend die Gangart diktieren lassen und seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine der Trumpschen Forderung nachgegeben, die Militärausgaben auf 5% zu erhöhen, welche zudem in großen Teilen bei amerikanischen Konzernen getätigt werden.
Es lohnt sich, die beim C.H.Beck-Verlag erschienene Übersetzung des Buchs „Not one inch eastwards“)6) von Mary Elise Sarotte zu studieren. Auf der Basis von Unmengen freigegebenen Archiv-Materials wird hier erzählt, wie die Entscheidung für die NATO-Osterweiterung zustande kam und gefragt, ob es Alternativen gegeben hätte.
Darin steht zu lesen, dass anlässlich der Formulierung des Abschlussvertrags zur deutschen Einheit der damalige US-Präsident George Bush seinem Außenminister James Baker nahegelegt hat, mit Erörterungen über eine Nicht-Erweiterung der NATO gegenüber Gorbatschow aufzuhören: „Bush hielt die hypothetische Idee eines Versprechens, das eine künftige Bewegung der NATO nach Osten blockierte, für unnötig und unklug.“ Außenminister Hans-Dietrich Genscher hielt dagegen diese Idee am Leben und „deutete weiter an, die NATO werde entweder die Erweiterung stoppen oder in einer größeren Organisation ‚aufgehen‘“. Damals war also vieles offen und der NATO-Expansionskurs ist klar dem republikanischen Präsidenten zuzuschreiben. Dies in der Tradition der US-Politik!
5) Howard Zinn, Eine Geschichte des amerikanischen Volkes, März-Verlag , 2025, Seite 601.
6) Mary Elise Sarotte: Nicht einen Schritt weiter nach Osten, C.H.Beck-Verlag, 2024.
Anmerkung
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