Forum von Guy Foetz (1)
US-Einmischung in Lateinamerika und anderswo – eine lange Tradition
Der US-Angriff auf Venezuela vom 3. Januar mit der Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro und seiner Frau in die USA hat vielen die Augen geöffnet, zu was Trump fähig ist. Allerdings reiht sich dieser Schritt ein in die lange Geschichte militärischer Interventionen und politischer sowie wirtschaftlicher Einflussnahme Washingtons in Lateinamerika – und nicht nur da.
Foto: Petty Officer 3rd Class Gladjimi/U.S. Pentagon/dpa
Auch wenn die Vereinigten Staaten des Öfteren als Verteidiger hilfloser Länder auftreten, passt dies überhaupt nicht zu ihrer tatsächlichen Vorgeschichte im Weltgeschehen. Es lohnt sich, die Geschichte der US-Interventionen näher zu betrachten. Und besonders auch die Politik von zwei Präsidenten, die Trump in seiner zweiten Antrittsrede besonders hervorgehoben hat, nämlich William McKinley und Theodore Roosevelt – letzterer ist nicht zu verwechseln mit Franklin Roosevelt.
Im 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts
Präsident James Monroe gilt als der Vater der gleichnamigen Doktrin aus dem Jahre 1823, nach der die Vereinigten Staaten Lateinamerika als ihren Einflussbereich betrachten. Das war zu der Zeit, wo diese Länder begannen, ihre Unabhängigkeit von der spanischen Herrschaft zu erkämpfen.
Mit dem Angriffskrieg gegen Mexiko 1846-1848 erweitern die USA ihr Territorium bis zum Pazifik.
Zwischen 1798 und 1895 werden 103 Einmischungen in die Angelegenheiten anderer Länder aufgezählt, dies in einer Liste von Präsident Kennedys Staatssekretär Dean Rusk¹, sowohl in Südamerika als auch ab Mitte des 19. Jahrhunderts in Ostasien, wo sich die USA neben den europäischen imperialistischen Ländern an der Ausbeutung von Japan und China beteiligen wollen. Dazu gehören besonders die Perry-Expeditionen, um die Häfen zu öffnen. Auch in Afrika, z.B. in Angola, wird eingegriffen, angeblich zum Schutz amerikanischer Staatsbürger und amerikanischen Eigentums. Diese Politik geht Hand in Hand mit der Durchsetzung der Interessen der damaligen Superreichen und großen Kapitalgesellschaften.

Zur Person: Guy Foetz ist ausgebildeter Ökonom. Er unterrichtete dieses Fach 35 Jahre lang im Sekundar- und technischen Sekundarschulwesen. Politisch und gewerkschaftlich engagierte er sich bereits ab dem Alter von 20 Jahren auf der linken Seite. Er ist Gründungsmitglied der Partei „déi Lénk“.
In den USA erklärt die Behörde für Bevölkerungsstatistik die Westwärts-Wanderung im Jahre 1890 offiziell für abgeschlossen; dies im Jahr des Wounded Knee-Massakers in South Dakota, wo die US-Armee Native Americans in ihrem Lager angegriffen und 300 Männer, Frauen und Kinder getötet hat. Es ist ein Höhepunkt von 400 Jahren Gewalt, die mit Kolumbus begann und die wenigen überlebenden Ureinwohner schließlich in Reservate zwang. Gesiegt hat der weiße Mann, vor allem derjenige mit viel Geld.
Nach der Landnahme bis hin zum Pazifik ging es nun darum, über die USA hinaus Einfluss zu gewinnen. Howard Zinn schreibt dazu in seiner „Geschichte des amerikanischen Volkes“²: „Das Profitsystem mit seiner natürlichen Tendenz zur Expansion hatte bereits angefangen, sich ins Ausland zu orientieren. Die tiefgreifende Depression, die 1893 begann, bestärkte die Politik- und Finanzelite des Landes in einer neu entwickelten Idee: Absatzmärkte für amerikanische Güter im Ausland könnten vielleicht das Problem der mangelnden Inlandsnachfrage mindern und dadurch eine ökonomische Krise wie die der 1890er-Jahre verhindern, die zu einem Klassenkampf geführt hatte. (…) Und dann war natürlich immer der Patriotismus ein Weg, Klassenhass in einer Flut von Parolen zur nationalen Einheit zu ertränken. (…) [Der 1898 gewählte] Präsident McKinley sagte in einer ungewöhnlichen rhetorischen Verbindung von Geld und Flagge: ‚Dieses Jahr wird ein Jahr des Patriotismus und der Hingabe an das Land. Ich bin froh, zu wissen, dass die Menschen in allen Teilen des Landes auf eine Fahne schwören, die ruhmreichen Stars and Stripes, und dass die Menschen dieses Landes beabsichtigen, die finanzielle Ehre des Landes ebenso heilig zu halten wie die Ehre der Flagge.‘ (…)
Der höchste patriotische Akt war Krieg. Und zwei Jahre, nachdem McKinley Präsident wurde, erklärten die Vereinigten Staaten Spanien den Krieg.“
Das Jahr 1898 – mit der Wahl von McKinley zum Präsidenten – markiert den entschlossenen Eintritt der Vereinigten Staaten in den Imperialismus, zu einer Zeit, in der die europäischen Mächte dabei sind, die Welt zu kolonisieren. In zwei diplomatischen Notizen gegenüber den europäischen Weltmächten fordern die USA den Schutz gleicher Privilegien für alle Länder, die mit China Handel treiben, und die Unterstützung der territorialen und administrativen Integrität Chinas („Politik der offenen Tür“). Sie praktizieren aber gleichzeitig eine „Politik der geschlossenen Tür“ , d.h. des exklusiven Einflusses der Vereinigten Staaten in Mittel- und Südamerika sowie in der Karibik.
Ganz unter uns ... Ich würde fast jeden Krieg willkommen heißen, denn ich denke, dieses Land braucht einen Krieg
Theodore Roosevelt an einen Freund
Als 1898 in Kuba eine Revolte gegen Spanien ausbricht, unterstützen die Vereinigten Staaten die Aufständischen, erklären Spanien den Krieg und zerstören die spanische Flotte, zuerst auf den Philippinen, dann in Kuba. An den Aufständischen vorbei errichten sie ein Quasi-Protektorat über das theoretisch unabhängige Kuba und erobern auch Puerto Rico. Auf den Philippinen ist das Prozedere ähnlich wie auf Kuba, die USA unterstützen zunächst die Unabhängigkeitsbewegung, um dann Spanien mit militärischen Mitteln zum Verkauf ihrer Kolonie für 20 Millionen Dollar zu bringen, daraufhin die Unabhängigkeitsbewegung niederzuschlagen und das Land bis 1942 – wo es von Japan besetzt wird – unter der Vormundschaft der Vereinigten Staaten zu halten. Mit der Annexion, der ein paar Jahre vorher durch die Dole Food Cy mit Hilfe der USS Boston proklamierten Bananenrepublik des Hawaii-Archipels, etablieren sich die Vereinigten Staaten über den amerikanischen Kontinent hinaus.
In Mittelamerika ist der Bau des Panamakanals das große Thema Ende des 19. Jahrhunderts. Nach einer Reihe von Skandalen um dessen Bau kaufen die USA den Kanal und stellen ihn fertig. Der Nachfolger McKinleys, Theodore Roosevelt, nutzt den Bürgerkrieg in Kolumbien, um mit militärischen Mitteln aus der ehemaligen kolumbianischen Provinz Panama den „unabhängigen“ Staat Panama zu machen und so den Kanal kontrollieren zu können.
Genau dieser Theodore Roosevelt steht McKinley in Sachen kriegerische Außenpolitik in nichts nach, schreibt er doch im Jahre 1897 einem Freund: „Ganz unter uns ... Ich würde fast jeden Krieg willkommen heißen, denn ich denke, dieses Land braucht einen Krieg.“³
China betreibt den Panamakanal. Und wir haben ihn nicht an China gegeben, wir haben ihn Panama gegeben und wir holen ihn zurück.
Us-Präsident Donald Trump
In der Antrittsrede zu seiner zweiten Präsidentschaft war Trump voll des Lobes über diese beiden Präsidenten und zeigte so, wo es langgeht: „Präsident McKinley hat unser Land sehr reich gemacht durch Zölle⁴ und durch Talent. Er war ein echter Businessman und hat Teddy Roosevelt das Geld für viele großartige Dinge gegeben, die er gemacht hat, unter anderem den Panamakanal, der törichterweise dem Land Panama gegeben wurde. (...) Wir sind sehr schlecht behandelt worden nach diesem törichten Geschenk, das wir nie hätten machen dürfen, und Panama hat sein Versprechen uns gegenüber gebrochen. (...) Und vor allem: China betreibt den Panamakanal. Und wir haben ihn nicht an China gegeben, wir haben ihn Panama gegeben und wir holen ihn zurück.“
Die Interventionen der USA gehen anfangs des 20. Jahrhunderts munter weiter:
– 1915 intervenieren sie zum zweiten Mal in Haiti und behalten ihre Truppen für 19 Jahre dort;
– 1916 intervenieren sie zum vierten Mal in der Dominikanischen Republik und bleiben dort acht Jahre;
– 1918, kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs landen amerikanische Truppen in Wladiwostok und in Archangelsk, um die bolschewistische Revolution in Russland zu bekämpfen;
– 1926 schicken sie 5.000 Marineinfanteristen nach Nicaragua und bleiben dort sieben Jahre.
Anmerkung
Das Tageblatt schätzt den Austausch mit seinen Leserinnen und Lesern und bietet auf dieser Seite Raum für verschiedene Perspektiven. Die auf der Forum-Seite geäußerten Meinungen sollen die gesellschaftliche Diskussion anstoßen, spiegeln jedoch nicht zwangsläufig die Ansichten der Redaktion wider.
1) Dean Rusk stellte diese Liste 1962 einem Senatskomitee als Beleg von Präzedenzfällen für den Einsatz bewaffneter Truppen gegen Kuba vor.
2) Howard Zinn, Eine Geschichte des amerikanischen Volkes, März-Verlag , 2025, Seite 384.
3) Zitiert aus: Howard Zinn, Eine Geschichte des amerikanischen Volkes, März-Verlag , 2025, Seite 385.
4) McKinley war ein glühender Verfechter höherer Zölle, um sowohl die amerikanischen Industrien vor der europäischen Konkurrenz auf ihrem Binnenmarkt zu schützen als auch die Staatskassen zu füllen. Bereits als Abgeordneter für Ohio setzte er den „McKinley Tariff“ durch, der eine Erhöhung der Zölle auf verschiedene Produkte zur Folge hatte. Als er 1897 Präsident wurde, unterstützte er den „Dingley Tariff“, gegen Länder, die „ungleiche und unangemessene“ Zölle erhoben, und er setzte die Zollbefreiung für Tee, Kaffee und Vanille aus.