Gleiche Rechte für unterschiedliche Körper – Gesundheit ist auch eine Frage der Gleichstellung
Am 8. März, dem Internationalen Tag des Kampfes für die Rechte der Frauen, veranstaltet die Plattform JIF („Journée internationale des femmes“) erneut den „Fraestreik“, um das feministische Ringen für die tatsächliche Gleichstellung aller Geschlechter in der Gesellschaft sichtbar zu machen. In diesem Jahr liegt der Schwerpunkt auf dem Thema der Gesundheit von Frauen.
Der letztjährige Protestmarsch Foto: Editpress-Archiv/Julien Garroy
Forum
„Die Gesundheit zu einem zentralen Thema des 8. März zu machen, bedeutet, daran zu erinnern, dass geschlechtsspezifische Ungleichheiten sich auf den Körper auswirken, dass sie Krankheiten, Erschöpfung und den Verzicht auf Gesundheitsversorgung zur Folge haben. Es bedeutet auch, dass der Kampf für Gesundheit ein Kampf für soziale Gerechtigkeit, gegen Armut, gegen die Kommerzialisierung der Gesundheitsversorgung und für würdige Lebensbedingungen für alle ist“, erwähnt die Plattform JIF in ihren Forderungen für die Ausgabe 2026.
Dass Gesundheit auch eine Frage der Gleichstellung ist, wird besonders deutlich, wenn man einen Blick auf die medizinische Forschung wirft. Lange Zeit galt der cis-männliche, weiße und nicht-behinderte Körper als medizinischer Standard. Viele Studien wurden exklusiv mit männlichen Probanden durchgeführt, da Frauen – schwanger, menopausiert oder in einer bestimmten Phase des Monatszyklus – einen komplexeren Aufbau der Studien erfordern würden.
„Man Science“
Die Folgen dieser sogenannten „Man Science“: Menschen, die keine Männer sind, werden bis heute weniger gut medizinisch versorgt. Für Frauengesundheit bedeutet dies zum Beispiel Fehl- und Spätdiagnosen, doppelt so viele Nebenwirkungen bei Medikamenten, Unterversorgung bei geschlechtsspezifischen Krankheiten bis hin zu Prothesen, die nicht an die weibliche Anatomie angepasst waren. Frauen werden zwar älter als Männer, haben aber deutlich mehr mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Ein Teil dieser Ungleichheit ist direkt auf den Gender-Gap in der Gesundheitsversorgung zurückzuführen.
Zur Person

Apple Photos Clean Up
Paul Zens und Joana Domingues sind Parteivertreter von „déi gréng“ in der Plattform JIF
Dieses Ungleichgewicht ist allerdings nur ein Teil eines breiteren Phänomens: das einer Welt, in der Produkte, Technologien und Systeme auf männliche Körper ausgerichtet sind – mit direkten Folgen auch für die Gesundheit und Sicherheit von Frauen. Ein bekanntes Beispiel ist das Autodesign. Erst seit 2022 gibt es anatomisch realistische weibliche Crashtest-Dummys. Jahrzehntelang basierten Sicherheitsstandards vorwiegend auf männlichen Körpereigenschaften. Als Folge haben Frauen bei Verkehrsunfällen ein höheres Risiko für schwere Verletzungen.
Nischenthema Wechseljahre
Auch bestimmte Lebensphasen von Frauen bleiben im Gesundheitssystem noch immer unterbelichtet. Ein Beispiel ist die Menopause. Obwohl jede Frau diesen Lebensabschnitt erlebt, fehlt es häufig an ausreichender medizinischer Beratung, Forschung und Anerkennung der damit verbundenen gesundheitlichen Herausforderungen. Auch die Wechseljahre am Arbeitsplatz sind immer noch ein Nischenthema. Dabei kann mit wenig Aufwand verhindert werden, dass Frauen in den Wechseljahren frühzeitig aus der Arbeit ausscheiden.
Ein anderes Beispiel ist die Zeit rund um das Kinderkriegen. Postnatale Depressionen oder traumatische Geburtserfahrungen sind weit verbreitet, werden jedoch noch immer zu selten erkannt oder angemessen behandelt. Eine bessere Betreuung während der Schwangerschaft, nach der Geburt und in der frühen Elternzeit wäre ein wichtiger Schritt, um die psychische und körperliche Gesundheit von Frauen und Partnerschaften zu verbessern.
Mentale Gesundheit
Zu guter Letzt bleibt die Gesundheit, die man nicht unbedingt von außen sieht: die mentale Gesundheit. Auch hier gibt es wichtige geschlechtsspezifische Unterschiede. Frauen leiden statistisch häufiger an Depressionen, Angststörungen oder posttraumatischen Belastungsstörungen. Die Gründe sind teils biologischer Natur, wie Hormonschwankungen, teils aber auch gesellschaftlich bedingt, wie die Tatsache, dass sie vermehrt sexualisierter Gewalt ausgesetzt sind, oder dass sie es sind, die vermehrt die unbezahlte Care-Arbeit leisten. Auch geschlechtsdiverse Menschen leiden überdurchschnittlich an gesellschaftsbedingten mentalen Belastungen, durch Stigmatisierung und soziale Isolation.
Eine umfassende Strategie zur Frauengesundheit wurde, auf Initiative von „déi gréng“, von der Gesundheitsministerin schon 2024 in Aussicht gestellt, jedoch noch nicht vorgelegt. Jetzt, für die JIF 2026, die sich ganz dem Thema Frauengesundheit widmet, wäre der ideale Moment dafür!
Gesundheit ist kein Privileg
Eine feministische Perspektive auf Gesundheit darf jedoch nicht bei der Gruppe der Frauen stehen bleiben. Gesundheit ist auch eine Frage von Herkunft, sozialem Status, Hautfarbe, Behinderung und Geschlechtsidentität. Menschen mit geringem Einkommen, Migrant*innen, Menschen mit Behinderung sowie trans oder nicht-binäre Menschen erleben häufig zusätzliche Hürden in der Gesundheitsversorgung. Und wer Diskriminierung im Alltag erfährt, dessen Gesundheit ist ebenfalls einem höheren Risiko ausgesetzt.
Wir kämpfen deshalb für eine diskriminierungsfreie, solidarische und gerechte Gesundheitsversorgung. Dazu braucht es strukturelle Veränderungen in der medizinischen Forschung, in der Ausbildung der Gesundheits- und Pflegeberufe, im Design unserer Welt.
Gesundheit ist kein Privileg. Es ist ein Grundrecht. Und es muss für alle Menschen gleichermaßen gelten.
Anmerkung
Das Tageblatt schätzt den Austausch mit seinen Leserinnen und Lesern und bietet auf dieser Seite Raum für verschiedene Perspektiven. Die auf der Forum-Seite geäußerten Meinungen sollen die gesellschaftliche Diskussion anstoßen, spiegeln jedoch nicht zwangsläufig die Ansichten der Redaktion wider.