Editorial
Gewinner und Verlierer in Luxemburgs Schulsystem
In Luxemburgs Schulsystem haben nicht alle Schüler die gleichen Chancen Foto: Editpress-Archiv/Isabella Finzi
Spätestens seit dem schlechten Abschneiden im internationalen PISA-Ranking wurde vielen Menschen hierzulande klar, dass etwas schiefläuft. Radio 100,7 ist in seinem Podcast „Schlechte Schüler“ in sechs Episoden der Frage nachgegangen, was eigentlich in unserem Schulsystem nicht klappt, wieso das so ist und was dagegen getan werden sollte. In einer abschließenden Diskussionsrunde zum Podcast an diesem Sonntag legten die Vertreter der Lehrergewerkschaften SNE und SEW zusammen mit Bildungsminister Claude Meisch „d’Kaarten op den Dësch“.
Mit „Schlechte Schüler“ sind nicht etwa unsere Kinder gemeint, die die Schulbank drücken, sondern das Schulsystem selbst, das eine schlechte Figur abgibt. In diesem facettenreichen und gut recherchierten Podcast kommen einzelne Schulakteure aus sehr unterschiedlichen Milieus zur Sprache. Sie offenbaren eklatante Ungerechtigkeiten, die teils auch hausgemacht scheinen. Zentrale Aspekte in dieser Problematik sind die Sprachen und die sozialen Schichten.
Vielfach wurde etwa Claude Meisch für seine Politik der öffentlichen internationalen Schulen kritisiert. Einerseits erscheint es sehr fragwürdig, wenn man ein paralleles System erschaffen muss, das für viele Schüler aufgrund des flexibleren Sprachangebots besser funktioniert als das eigene. Andererseits haben eben diese öffentlichen Europaschulen nun das Potenzial, den „normalen“ öffentlichen Schulen als Vorbild für große Reformen zu dienen. Und genau dies wurde jüngst auch in einem ersten Schritt in Gang gesetzt: die Alphabetisierung auf Französisch.
Lange war die Alphabetisierung auf Deutsch eine sehr heilige Kuh des Luxemburger Schulsystems. Nun hat sich dies gewandelt. Nach dem Vorbild der öffentlichen Europaschulen wurde seit diesem Schuljahr in vier Schulen ein Pilotprojekt für eine Alphabetisierung auf Französisch ins Leben gerufen. Meischs Wunsch wäre es sogar, dies flächendeckend in Luxemburg einzuführen, sagte er in der Diskussionsrunde auf 100,7. Allerdings erst nach der Auswertung des Pilotprojekts. Zudem müsse man dem Bildungsministerium viele zusätzliche Mittel zur Verfügung stellen, sagte er. Und: Der Staat sei dazu bereit. Denn, um fair zu bleiben, sollten sämtliche Schulen von diesem Angebot profitieren können. Und dazu müsse man sicherstellen, dass jeder Schüler die Wahl zwischen Deutsch und Französisch habe.
Lange Zeit hatte man den Eindruck, dass das Schulsystem doch sehr zum Vorteil der Luxemburger Muttersprachler als zukünftige Elite des Landes aufgebaut wurde. In der Grundschule sollten es die Luxemburger durch die deutsche Alphabetisierung leichter haben und durch das anschließende Pauken des Französischen sich auch im Lyzeum gut zurechtfinden können. Nicht-Luxemburger scheiterten oft an der Hürde Deutsch und schafften es gar nicht erst ins klassische Gymnasium. Schockierend sind die Zahlen, die ein internes Dokument des Bildungsministeriums, das Radio 100,7 vorliegt, offenbart. Es handelt sich dabei um ein Ranking der Grundschulen. Auf den bestplatzierten Schulen werden 70 Prozent der Schüler ins klassische Lyzeum orientiert. Auf den untersten Rängen sind es nur 20 Prozent.
Diese Diskrepanz muss überwunden werden. Es dürfen keine Ghetto-Schulen entstehen, aus denen nur jene Eltern mit mehr finanziellen Mitteln ihre Kinder retten können, indem sie ihnen zusätzliche Nachhilfe bezahlen oder sie in einer anderen, vielleicht kostenpflichtigen Schule anmelden können. Das ist schlicht unfair. Denn dies sollte eigentlich die Aufgabe des Staates sein. Eine SEW-Vertreterin forderte deshalb eine grundsätzliche Sprachreform, vom „Cycle 1“ bis zur „Première“. Nur durch ein solch kohärentes Konzept könne sichergestellt werden, dass alle Schüler, egal, für welche Alphabetisierung sie sich entscheiden, bis zum Abitur die gleichen Chancen haben.